Süddeutsche Zeitung

Atomkraftwerke:Da waren's nur noch sechs

  • Am Silvesterabend 2019 geht Block II des Kernkraftwerks Philippsburg vom Netz, danach gibt es in Deutschland noch sechs aktive Atomkraftwerke.
  • Um den fehlenden Strom auszugleichen, muss Baden-Württemberg Strom aus dem In- und Ausland importieren.
  • Der Ausbau der Windenergie geht seit 2017 stark zurück.

Wenn die Menschen in Baden-Württemberg am Silvesterabend um 19.25 Uhr den SWR einschalten, um "Dinner for one" zu sehen, dann wird ihr Fernseher schon nicht mehr mit Strom aus Philippsburg laufen. Denn das Energieversorgungsunternehmen EnBW hat angekündigt, den zweiten Block des badischen Atomkraftwerks am 31. Dezember um 19 Uhr endgültig vom Netz zu nehmen. Die Betriebsgenehmigung für den Druckwasserreaktor erlischt um Mitternacht. Danach wird es in Deutschland nur noch sechs aktive Atomkraftwerke geben. Und auch deren Laufzeit wird spätestens Ende 2022 enden.

Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller ist ein Grüner. Es ist daher wenig überraschend, dass die Abschaltung für ihn vor allem ein Grund zur Freude ist: "Atomkraft ist eine Risikotechnologie. Deshalb bin ich froh, dass wir im Zuge des Atomausstiegs ein weiteres Kernkraftwerk außer Betrieb nehmen können", hat er sein Ministerium ganz offiziell verlautbaren lassen. Gleichzeitig hat er den Beschäftigten des Energieversorgers, an dem das Land mit 46,75 Prozent beteiligt ist, für ihre Arbeit gedankt. Sie hätten in den 35 Jahren, in denen der Reaktor Strom produzierte, einen wesentlichen Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg des Bundeslandes geleistet, lobte Untersteller.

Am Standort Philippsburg, etwa 30 Kilometer nördlich von Karlsruhe, sind laut EnBW aktuell etwa 700 Mitarbeiter in beiden Anlagen beschäftigt. Block I wurde bereits im März 2011 abgeschaltet und muss noch zurückgebaut werden.

Baden-Württemberg verbraucht schon heute mehr Elektroenergie, als es produziert

Um die Versorgungssicherheit macht sich Baden-Württembergs Umweltminister momentan keine Sorgen. Mit Blick auf Ende 2022, wenn auch noch das Atomkraftwerk Neckarwestheim als letzter Reaktor im Südwesten vom Netz gehen wird, sieht er allerdings Handlungsbedarf. Der Netzausbau müsse schneller vorangetrieben und die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen erhöht werden.

Block II des AKW Philippsburg hat in der Vergangenheit durchschnittlich zehn Terawattstunden jährlich produziert und damit etwa 13 Prozent des Stromverbrauchs in Baden-Württemberg abgedeckt. Ersetzt werden soll diese Menge nun durch erneuerbare Energien, vor allem aber durch weitere Stromimporte.

Das Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) hat Mitte Dezember im Auftrag der Landesregierung einen Bericht zur Energiewende vorgelegt. Es gibt darin eine recht optimistische Einschätzung zur Versorgungssicherheit bis zum Jahr 2025 ab, betont aber, dass diese "im Wesentlichen auf einer höher angenommenen verfügbaren Leistung in den Nachbarstaaten, insbesondere in Frankreich und Polen" basiere. Schon jetzt ist Baden-Württemberg ein Stromimporteur: Im Jahr 2018 wurden dort 72 Terawattstunden Strom pro Jahr verbraucht, aber nur 62 Terawattstunden produziert. Die Differenz kam aus anderen Bundesländern und dem Ausland.

Von dem selbst produzierten Strom stammten 21 Terawattstunden aus der Atomkraft, 18 aus der Steinkohleverbrennung und 17 aus erneuerbaren Energiequellen, deren Anteil an der Bruttostromerzeugung sich in zehn Jahren verdoppelt hat. Diese positive Entwicklung wird sich aber womöglich nicht fortsetzen, da der Ausbau der Windkraft nach einem Boom im Jahr 2017 stark zurückging. Umweltminister Untersteller macht für den Einbruch hauptsächlich das geänderte Erneuerbare-Energien-Gesetz verantwortlich. Seit 2017 müssen Betreiber an bundesweiten Ausschreibungen teilnehmen, um eine Förderung zu erhalten. Seiner Ansicht nach sind bei diesem Verfahren windstarke Regionen im Vorteil. Er fordert deshalb schon länger die Einführung einer Südquote in den Ausschreibungen.

Schon im kommenden Jahr will EnBW die Kühltürme in Philippsburg sprengen lassen. Das Unternehmen braucht den Platz, um einen Konverter zu bauen, mit dessen Hilfe in einigen Jahren der Windstrom, der vom Norden in den Süden geleitet werden soll, ins Netz eingespeist wird. Der Abbau des Reaktors wird etwa 15 Jahre dauern. Die Brennelemente aber werden auch danach noch Jahrzehnte auf dem Gelände bleiben.

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SZ vom 30.12.2019/bix
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