Süddeutsche Zeitung

Pharmaindustrie:Milliardengeschäft Diabetes

Die Stoffwechselstörung Diabetes gilt als Volkskrankheit: Weltweit sollen 366 Millionen Menschen betroffen sein. Für Mediziner ist das eine beklemmende Nachricht - für die Pharmakonzerne bedeutet dieser Trend ein großes Geschäft.

Prominente wie der Gewichtheber Matthias Steiner und die Kickbox-Weltmeisterin Anja Renfordt wollen kochen. Und sie reden über Ernährung, tragen einen Krimi-Wettbewerb aus, tanzen mit Senioren und basteln mit Kindern. All dies steht auf dem Programm der zentralen Veranstaltung zum Weltdiabetestag, der jährlichen Aufklärungskampagne zur chronischen Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus.

Der Welt-Diabetestag wurde auf den 14. November gesetzt, weil an diesem Tag Sir Frederick Banting geboren wurde. E hat gemeinsam mit Charles Best das lebenswichtige Insulin entdeckt.

Diabetes gilt als Volks- und Zivilisationskrankheit - eine steigende Anzahl von Menschen ist von dieser Störung des Stoffwechsels betroffen. Zu zuckerhaltige Nahrung sowie mangelnde Bewegung sind als Verursacher mit ausgemacht.

Die Zahlen der diagnostizierten Diabetiker in Deutschland schwanken zwischen sechs und sieben Millionen. Weltweit sollen 366 Millionen Menschen betroffen sein, schätzen Experten. Vor allem in Schwellenländern greift die Krankheit um sich. Den Betroffenen mangelt es teils an Insulin, um Zucker in ausreichendem Maß zu verarbeiten. Und die Prognosen sind alarmierend. Bei 182 Millionen Menschen soll die Krankheit noch nicht entdeckt sein, die Überforderung der Bauchspeicheldrüse kommt schleichend.

Blockbuster auf dem Diabetes-Markt

Für viele ist das eine beklemmende Nachricht, für die Pharmakonzerne bedeutet dieser Trend großes Geschäft. Die Researchfirma Evaluate Pharma hält den weltweiten jährlichen Diabetesmarkt aktuell für 35 Milliarden Dollar schwer. Er könnte sich bis 2018 auf fast 60 Milliarden Dollar rasant ausweiten - falls Länder wie China, Indien, Brasilien keine drastischen Gegenmaßnahmen ergreifen. Noch liegen die Amerikaner vorn, die jährlich 7,5 Milliarden Dollar für Insulin ausgeben.

Bei der Herstellung von Insulin mischt der französische Pharmakonzern Sanofi ganz vorn mit, in den die frühere deutsche Hoechst AG aufgegangen ist. Noch heute laufen auf dem ehemaligen Hoechst-Gelände in Frankfurt die Insulin-Ampullen vom Band; Sanofi selbst spricht vom weltweit größten Produktionsstandort für Insulin.

Aufgrund der langen Tradition und Erfahrung in der Forschung blieb die Geschäftseinheit Diabetes in Frankfurt. In modernsten biotechnischen Anlagen entstehen 24 Stunden am Stück, also rund um die Uhr, das Insulinanalogon Lantus sowie das schnell wirkende Insulin Apidra. Hinzu kommen die sogenannten Pens, mit denen das Hormon Insulin verabreicht wird. Mehr als 3000 Arbeitsplätze sind so in Deutschland allein an das Diabetes-Produktsortiment von Sanofi gekoppelt. Fünf Milliarden Dollar bringt nur der Verkauf von Lantus dem Konzern pro Jahr, dabei handelt es sich um die weltweit am meisten verbreitete künstliche Insulinsorte.

Abgehängt wird Sanofi allerdings von der dänischen Pharmafirma Novo Nordisk, die mit ihren Mitteln NovoRapid, NovoMix, Levemir und Victoza einen Marktanteil von über 25 Prozent auf sich vereint. Ihr folgen nach Marktanteilen die Firmen Sanofi, Merck & Co, Takeda und Eli Lilly. Die Experten von Standard & Poors räumen den Dänen die besten Absatzchancen für die Zukunft ein. Zwei neue Mittel des Konzerns, die sich gerade in der Phase der Zulassung befinden, hätten das Zeug zu einem Blockbuster, also einem Verkaufsschlager, von mehr als einer Milliarde Dollar. "Die Pipeline von Novo Nordisk ist im Vergleich zu den Wettbewerbern gut gefüllt", sagt S&P-Analyst Olaf Tölke.

Das Geschäft mit den Teststreifen

Er hält einen künftigen Marktanteil von fast 30 Prozent für möglich - und glaubt damit an einen größeren Abstand zu Sanofi. Die erfolgreiche Diabetes-Strategie könnte die Dänen sogar in die Top Ten der Pharmaunternehmen katapultieren, während sie derzeit auf dem 17. Platz verharren. 2015 verliert Sanofi die Patentrechte an Lantus, danach kann das Mittel nachgeahmt und billig verkauft werden.

Neben dem Verkauf von Insulin spielt für die Pharmabranche auch der Bedarf von Blutzuckermessgeräten sowie den dazugehörigen Teststreifen eine Rolle. Als Marktführer bezeichnet sich die Firma Roche, die Boehringer Mannheim übernommen hat und noch heute an diesem Standort die Geräte entwickelt. In jüngerer Zeit sei ein deutlicher Anstieg bei der Anzahl sowohl der Anbieter als auch der Blutzuckermessgeräte zu beobachten. Viele dieser Anbieter setzen vor allem auf preisgünstige Geräte und Teststreifen. Roche hofft, eine Verschärfung der Zulassungskriterien dränge einen Teil der Billiganbieter aus dem Markt.

Mangelnde Qualität, so Roche, könne zu ernst zu nehmenden gesundheitlichen Risiken führen. Von solchen Risiken weiß die Stiftung Warentest aber nichts. Die Berliner nahmen vor Kurzem 16 Blutzuckermessgeräte unter die Lupe und kamen in einem Dutzend Fällen zu guten Ergebnissen: Sie rieten den Diabetikern allerdings zu Preisvergleichen, weil sich das lohne. Meist würden die Anbieter die Messgeräte günstig oder gratis abgeben. Das Geld werde mit den Teststreifen gemacht, von denen im Jahr 2010 mehr als 1,2 Milliarden Stück zum Preis von jeweils 73 Cent verkauft worden seien.

Allerdings haben die Krankenkassen dem massenhaften Verkauf der Teststreifen bereits 2011 einen Riegel vorgeschoben. Fast 90 Prozent aller Diabetiker gehören zum Typ 2, bei dem die Bauchspeicheldrüse noch Insulin bildet, aber die Zuckerverwertung trotzdem nicht klappt. Sie sollen ihre Arzneimittel nicht anhand von täglichen Messwerten dosieren, nur in Ausnahmefällen erstatten die Krankenkassen die Geräte noch. Diabetiker vom Typ 1, also Menschen, denen Insulin komplett fehlt, können dank ausgefeilter Gerätetechnik ein ziemlich normales Leben führen. Dabei übernehmen die Messgeräte immer mehr Funktionen, speichern Blutzuckerwerte über einen längeren Zeitraum und erleichtern so den Umgang mit der Krankheit.

Das Senken des Blutzuckerspiegels spielt auch in Berlin im ICC beim Welt-Diabetestag eine Rolle, es wird gemeinsam geübt. Nach dem Motto "Jeder Schritt zählt" sollen Besucher laufen und spenden. Ein Spaziergang unter dem Funkturm endet mit einem Menschenkreis. Der soll den "blauen Kreis" symbolisieren, das Zeichen der weltweiten Diabetes-Gemeinde. Am 14. November werden viele bekannte Gebäude und Denkmäler auf der ganzen Welt blau angeleuchtet, um die Aufmerksamkeit auf den Welt-Diabetestag zu lenken. Von Argentinien über Indien, Syrien bis hin zu den Virgin Islands strahlen 200 Monumente im "blauen Leuchtfeuer der Hoffnung". Der Berliner Funkturm gehört dazu.

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Quelle:
SZ vom 13.11.2012/sst
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