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Pflegeheime:Vom Alter profitieren

Spaziergang; Pflege
(Foto: Ute Grabowsky/photothek.net)

Axel Hölzer leitete früher große Heimbetreiber wie Marseille oder Cura. Jetzt will er ihnen mit seiner Dorea-Gruppe Konkurrenz machen.

Von Steffen Uhlmann, Berlin

Geplant, verworfen und wieder neu angefangen. Axel Hölzer wirkt trotz der unsicheren Zeiten entspannt. "Der Pflegemarkt ist im Umbruch, die Betreiberseite stellt sich neu auf", sagt Hölzer. "Das wollen wir unbedingt für uns nutzen." Und er will das auch für sich selbst.

Der 53-jährige Manager hat eine bewegte berufliche Karriere in der Branche hinter sich. Viele Jahre war er Vorstandsvorsitzender des Pflegeheimbetreibers Marseille-Kliniken, mit dem er zügig expandierte. Doch 2010 kam es zum Zerwürfnis mit Großaktionär Ulrich Marseille und schließlich zur Trennung. Auch der berufliche Neuanfang als Vorsitzender der Geschäftsführung bei der ebenfalls zu den großen deutschen Pflegeheimanbietern gehörenden Cura-Unternehmensgruppe fand ein jähes Ende. Im Sommer 2012 trat er an, schon anderthalb Jahre später wieder ab. "Unterschiedliche Auffassungen" von Hölzer und der Eigentümerfamilie Meie über den Restrukturierungskurs der durch den Kauf des Pflege- und Reha-Anbieters Maternus hoch verschuldeten Gruppe habe zu der Trennung geführt, hieß es damals offiziell.

Zwei Jahre nach Gründung verfügt sein Unternehmen schon über 39 Einrichtungen

Alte Geschichten. Hölzer will nicht mehr darüber sprechen. Warum auch? Im Juni 2015 hat er mit Dorea ein neues Unternehmen gegründet. Der Name geht aufs Griechische zurück und bedeutet "Geschenk" oder auch "Zuwendung". Diesmal an seiner Seite: der Frankfurter Finanzinvestor Quadriga Capital, der diverse Beteiligungen im Gesundheitsmarkt hält.

Hölzer startete damals mit dem Kauf von fünf Seniorenheimen der Flensburger Agitalis GmbH. Zwei Jahre später verfügt Dorea bereits über 39 Einrichtungen mit mehr als 2800 Beschäftigten. Fünf davon hat er allein im ersten Halbjahr 2017 übernommen. Wie viel es am Ende des Jahres sein werden, lässt Hölzer offen. "Wir sondieren weiter den Markt und konzentrieren uns dabei auf kleinere Betreiber, die unser Angebot sinnvoll ergänzen", sagt er. Schließlich seien viele von ihnen nicht groß genug, um auf Dauer nachhaltig wirtschaften zu können. Sein Ziel: Dorea unter die Top 15 der Pflegeheim-Betreiber auf dem deutschen Markt zu bringen. Hölzers Hast hat Gründe. Durch den demografischen Wandel steigt die Nachfrage nach ambulanter und stationärer Pflege, die bereits heute auf ein Umsatzvolumen von mehr als 36 Milliarden Euro kommt. In keinem anderen Sektor der Gesundheitswirtschaft ist das Wachstum stärker. Und diese Entwicklung hält an. Waren 2015 laut Statistischem Bundesamt knapp drei Millionen Menschen pflegebedürftig, könnten es bis 2030 mindestens vier Millionen sein. Zwar wird das Gros der überwiegend älteren Menschen derzeit zu Hause von Angehörigen und mit Unterstützung ambulanter Pflegedienste betreut. Doch der Bedarf nach stationären Pflege- und Seniorenheimen steigt. Nach aktuellen Berechnungen des Bundeswirtschaftsministeriums könnte es in diesem Bereich bis 2030 eine Lücke von etwa 160 000 Pflegeheimplätzen geben.

Dieser wachsende Bedarf trifft auf einen noch sehr zersplitterten Markt. So erreichen große Pflegeketten wie Pro Seniore, Alloheim oder die französischen Konzerne Korian und Orpea in Deutschland nur einen Marktanteil von 13 Prozent. Der überwiegende Teil aber besteht aus kleineren Anbietern, die ein bis drei Heime bewirtschaften, sowie aus gemeinnützigen Trägern wie etwa der Arbeiterwohlfahrt.

Hölzer konzentriert sich auf kleine Betreiber - dort sieht er gute Chancen für weitere Zukäufe

Die Konsolidierung sei nur eine logische Folge dieser Entwicklung, ist Hölzer überzeugt. Zumal steigende Kosten für Personal und Betrieb der Heime gerade die kleinen Anbieter unter Druck setzten. Der Dorea-Chef konzentriert sich darum auf kleine Betreiber mit bis zu zehn Häusern. Dort sieht er gute Chancen für weitere Zukäufe. Gegen den steigenden Kostendruck hat er seinen Häusern ein Effizienzprogramm verordnet, das vor allem bei Einkauf, Dienstleistungen oder Energie ansetzt. "Allein beim Catering", so Hölzer, "haben wir durch Zentralisierung die Kosten in den übernommenen Heimen bereits um 15 Prozent gesenkt."

Genauso wichtig aber ist für ihn ist die Positionierung seiner Gruppe auf dem, wie er sagt, "immer schwieriger werdenden Markt". Dorea soll als "familiärer Anbieter" wahrgenommen werden, erklärt Hölzer - und deshalb will er den Wohlfühlfaktor in seinen Pflegeheimen erhöhen. "Wir wollen im besten Sinne die Tradition einer Großfamilie aufgreifen - für die Heimbewohner und selbstverständlich auch für das Personal selbst." Gerade Letzteres sei in einer Branche, in der um ausgebildete Fachkräfte hart gerungen wird, immens wichtig. "Die Verdienstunterschiede zwischen den einzelnen Anbietern sind gering", sagt er. Umso mehr komme es auf den Wohlfühlfaktor an. "Wer gern zur Arbeit kommt, der bleibt auch", sagt Hölzer. "Mehr noch, wir gewinnen damit auch neues Personal hinzu."

Hölzers "Großfamilie" soll wachsen: mit neuen Angeboten zum betreuten Wohnen, in der Tages- und Kurzzeitpflege und bei den ambulanten Dienstleistungen. Auch die Pflege und Betreuung von Menschen mit psychischen Krankheiten sowie eine Palliativ-Versorgung sind geplant. Dabei werde man sich, so Hölzer, "an den Bedürfnissen der Regionen orientieren, in denen die übernommenen Häuser stehen". Dorea will aber auch selbst bauen. Ein erstes Heim mit 500 Plätzen sei in Planung, sagt Hölzer. "Wir kooperieren da mit einem Immobilieninvestor."

Pflegeheime sind gefragte Anlageobjekte. Mit etwa drei Milliarden Euro übertraf das Gesamtinvestment 2016 die Ergebnisse des Vorjahres um beachtliche 255 Prozent. Große Portfoliokäufe von ausländischen Investoren, vorrangig aus Frankreich und Belgien, sorgten für diesen Rekordwert. Bemerkenswert dabei ist, dass Immobilien-Investoren wie etwa die Deutsche Wohnen ihr Geld nicht nur in die Gebäude, sondern zunehmend auch in das Betreibergeschäft stecken. Für Hölzer nur ein weiterer Beleg dafür, dass man mit der Pflege nachhaltig Geld verdienen kann. "Auch wenn", wie er hinzufügt, "das Pflegegeschäft immer anspruchsvoller und härter wird."

© SZ vom 21.08.2017
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