Landwirtschaft:Die gefährliche Abhängigkeit von Pestiziden

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Landwirtschaft: Nach dem Einsatz auf dem Acker lassen sich Spuren der Pestizide unter anderem auf Obst und Gemüse, im Bier und sogar im Urin nachweisen.

Nach dem Einsatz auf dem Acker lassen sich Spuren der Pestizide unter anderem auf Obst und Gemüse, im Bier und sogar im Urin nachweisen.

(Foto: Jochen Tack/imago)

Der globale Einsatz von Pflanzenschutzmitteln steigt drastisch, Umweltschützer warnen. Doch die deutsche Politik steckt in einem Konflikt. Denn BASF und Bayer profitieren von dem Boom besonders.

Von Silvia Liebrich

Die heimische Apfelproduktion kann sich sehen lassen. Mehr als eine Million Tonnen ernten Obstbauern hierzulande in einem guten Jahr. Das reicht, um fast 70 Prozent der inländischen Nachfrage zu decken. Damit ist der Selbstversorgungsgrad beim Lieblingsobst der Deutschen so hoch wie bei kaum einem anderen Lebensmittel.

Doch die Erfolgsgeschichte hat ihre Schattenseite: Der Apfelanbau gilt als die Anbaukultur in Deutschland mit dem häufigsten Pestizideinsatz. 2020 wurden Apfelbäume im konventionellen Anbau im Durchschnitt 28 Mal behandelt, gefolgt von Weinreben mit 17 Mal und Hopfen mit 14 Mal. Das geht aus dem am Mittwoch veröffentlichten Pestizidatlas hervor, der den globalen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln beleuchtet. Hinter dem Bericht stehen die Macher des Fleischatlas: die Heinrich-Böll-Stiftung, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), das Pestizid-Aktions-Netzwerk Deutschland und die Monatszeitung Le Monde diplomatique.

Der Apfelanbau ist zugleich ein anschauliches Beispiel für das Dilemma, in dem die Landwirtschaft steckt. Einerseits soll sie ausreichend Lebensmittel liefern, andererseits Artenvielfalt und Natur schützen. Und dann sind da noch Verbraucher, die an makellose Ware gewöhnt sind. Eine industrielle Landwirtschaft ohne Pflanzenschutzmittel scheint kaum vorstellbar. Doch giftige Spritzmittel vernichten nicht nur Schädlinge, sondern auch unverzichtbare Nützlinge wie Bienen und andere Insekten. Spuren von Pestiziden aus der Landwirtschaft lassen sich unter anderem in Bier, im Honig, auf Obst und Gemüse, im Gras auf Spielplätzen und sogar im Urin und in der Luft nachweisen. Ein Problem, das die Politik nach Ansicht der Studienmacher zum Handeln zwingt, auch weil Bemühungen, den Einsatz zu senken, bislang kaum Wirkung zeigen.

Das Bündnis von Umweltschützern hat klare Forderungen an die neue Bundesregierung: "Die Gesamtmenge der Pestizide muss um 50 Prozent gesenkt und besonders gefährliche Pestizide verboten werden", sagt Katrin Wenz, Agrarexpertin beim BUND und Mitautorin des Pestizidatlas. Außerdem müssten konkrete Zwischenziele definiert werden, um den Erfolg eines Reduktionsprogramms zu kontrollieren. "Der Koalitionsvertrag ist hier leider unpräzise und legt keine klaren Ziele fest", kritisiert Wenz. Sie sieht Bundesagrarminister Cem Özdemir und Umweltministerin Steffi Lemke, beide von den Grünen, in der Pflicht.

Die Pestizidmenge allein ist wenig aussagekräftig

Zwar liegt der Absatz von Pflanzenschutzwirkstoffen laut Pestizidatlas seit 25 Jahren in Deutschland auf relativ konstantem Niveau. Tatsächlich ist der Einsatz problematischer Pflanzenschutzmittel wie bienengefährlicher Insektizide oder grundwasserbelastender Herbizide laut Umweltbundesamt 2020 aber wieder leicht gestiegen, nachdem er zuvor stagnierte. Zwischen 27 000 und 35 000 Tonnen Pestizidwirkstoffe insgesamt werden hierzulande pro Jahr verkauft.

Die relativ konstante Einsatzmenge in Deutschland bedeutet nach Ansicht der Autoren jedoch nicht, dass die auch negativen Auswirkungen auf die Umwelt konstant bleiben. "Hinsichtlich der Giftigkeit der Spritzmittel lässt sich seit Jahrzehnten ein Trend zu Mitteln beobachten, die schon in geringer Dosierung sehr wirksam sind", heißt es in dem Bericht. Die Absatzmenge allein sei also nicht aussagekräftig.

Global hat der Pestizideinsatz dem Bericht zufolge dagegen stark zugenommen, zwischen 1990 und 2017 um etwa 80 Prozent. Die jährlich ausgebrachte Pestizidmenge liegt demnach bei etwa vier Millionen Tonnen weltweit - für die Hersteller ein Milliardengeschäft. Schätzungen zufolge lag der Umsatz mit Pestiziden 2019 bei knapp 85 Milliarden Dollar. Bis 2023 wird ein Anstieg auf mehr als 130 Milliarden Dollar erwartet. Als wesentlicher Grund für diesen möglichen Anstieg gilt die Klimakrise: Pro Grad Erderwärmung könnten die Ernteerträge von Reis, Mais und Weizen um zehn bis 25 Prozent sinken, erwarten etwa Forscher der Seattle University. Extreme Wetterbedingungen wie Trockenheit setzen den Pflanzen zu. Sie sind dann weniger resistent gegen Krankheiten und Schädlinge, sodass mehr Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen.

Dies könnte den globalen Pestizideinsatz weiter steigen lassen. Davon profitieren die Hersteller in einer Branche, die sich durch Übernahmen und Fusionen drastisch verändert hat. Vier große Konzerne - Syngenta, Bayer, Corteva und BASF - decken dem Bericht zufolge inzwischen 70 Prozent des Pestizidmarktes ab; 1994 kontrollierten die vier größten Anbieter nur knapp ein Drittel des Marktes.

Europäische Agrarkonzerne spielen eine wichtige Rolle in der globalen Pestizidproduktion. Das finanzielle Exportvolumen aus der EU hat sich dem Bericht zufolge in den vergangenen 30 Jahren mehr als verdreifacht. Exportiert werden auch hochgefährliche Substanzen, deren Einsatz zum Teil auf europäischen Äckern verboten ist. Eine Reduzierung der Abhängigkeit vom chemischem Pflanzenschutz - so wie es von der europäischen Pestizid-Gesetzgebung gefordert werde - sei bislang nicht erfolgt, kritisieren die Macher des Pestizidatlas. Sie fordern die EU-Kommission unter anderem dazu auf, ökologische Anbaumethoden, die weitgehend ohne Pestizide auskommen, stärker zu fördern.

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