Personalumbau bei Volkswagen Anpfiff zur zweiten Halbzeit

Volkswagen-Chef Martin Winterkorn verfolgt das Ziel, den Wolfsburger Konzern bis 2018 zum größten Automobilhersteller der Welt zu formen. Nun zur Halbzeit des Projekts platziert er 30 Topmanager auf neuen Positionen und offenbart dadurch seine Zielsetzung: Das Prinzip flexibler Baukästen, das bei den Pkws gut klappte, soll nun auch bei Nutzfahrzeugenmarken wie MAN und Scania funktionieren.

Ein Kommentar von Michael Kuntz

Es ist bei Volkswagen ungefähr so wie in der Halbzeitpause eines Fußballspiels. Auch wenn der erste Teil des Matches gut gelaufen ist, gibt es aufmunternde Worte in der Umkleidekabine, und der Trainer entscheidet sich für die eine oder andere Korrektur in der Aufstellung seiner Mannschaft. Einige freuen sich, mancher schmollt enttäuscht, ein paar gehen.

Lastkraftwagen von Scania und MAN: Aus den zwei Nutzfahrzeugherstellern sowie den Sparten "VW Nutzfahrzeuge" und "MAN Lateinamerika" soll eine Lkw-Allianz geschmiedet werden - nach dem Vorbild des Pkw-Reiches von VW. Also mit selbstständigen Marken, gemeinsamen Bausätzen und zentralem Einkauf.

(Foto: dpa)

Europas größter Autohersteller hat sich das Ziel gesetzt, bis 2018 der größte und profitabelste Fahrzeugkonzern weltweit zu werden. Bis dahin sind es noch ein paar Jahre, aber es ist auch schon einige Zeit vorbei, seit der Manager Martin Winterkorn bald nach seinem Amtsantritt zu Beginn 2007 dieses Ziel ausgab. Winterkorn formt sein Team nun an etlichen Stellen um, an die 30 Topmanager übernehmen neue Positionen.

Der angeblich größte Personalumbau in der VW-Geschichte relativiert sich, wenn man die Dimensionen des größten deutschen Unternehmens betrachtet. Die Autofirma beschäftigt nach der Übernahme von MAN über 500.000 Menschen, fast so viele wie in Hannover leben. Wenn Winterkorn, was er diesen Montag tun wird, sich an den engeren Kreis seiner Führungskräfte wendet, dann umfasst der an die 2000 Manager. Da sind 30 Neubesetzungen nicht die Welt.

Mit denen setzt Winterkorn deutliche Signale. Erstens erhält der wichtigste Absatzmarkt für Volkswagen mit dem neuen China-Vorstand Jochem Heizmann einen Vertreter in Wolfsburg, der auch den Hierarchen in der kommunistisch regierten Volksrepublik auf Augenhöhe begegnen kann.

Zudem gilt der Produktions-Fachmann Heizmann als Erfinder eines Baukastensystems für Autowerke, was angesichts des gigantischen Investitionsprogramms für China von Vorteil sein dürfte. Winterkorn stärkt mit Heizmann sozusagen die Abwehr. VW ist in China seit 30 Jahren aktiv und als Marktführer in einer sich abkühlenden Konjunktur derzeit besonders unter Druck.

Anspruchsvolle Aufgabe für Scania-Chef Leif Östling

Der alte Winterkorn-Gefährte Heizmann entkommt Richtung Fernost auch elegant den widerspenstigen Lkw-Managern von Scania und MAN, denen immer wieder Argumente einfielen, weshalb eine Zusammenarbeit der beide zu VW gehörenden Konkurrenten schwierig sei.

Dieses Spiel macht Winterkorn nicht länger mit. Scania-Chef Leif Östling, 66, geht statt in den Ruhestand in den Konzernvorstand. Der eigensinnige Trucker und erfolgreiche Großwildjäger soll nun aus MAN, Scania, den VW Nutzfahrzeuge und MAN Lateinamerika eine Lkw-Allianz schmieden - nach dem Vorbild des Pkw-Reiches von VW. Also mit selbstständigen Marken, gemeinsamen Bausätzen und zentralem Einkauf. Das ist keine einfache Aufgabe angesichts gesättigter Märkte in Europa und einem Einbruch der Lkw-Nachfrage in Südamerika.

Für den MAN-Konzernchef Georg Pachta-Reyhofen sieht die neue Machtverteilung nach einer klaren Niederlage aus. Es ging nicht nur der Topjob in Wolfsburg an Östling, er gibt auch den Vorstandsvorsitz bei MAN Truck & Bus ab. Die Nutzfahrzeug-Tochter steuert drei Viertel zum Umsatz von MAN bei. Sie wird künftig ausgerechnet vom bisherigen Scania-Produktionschef geleitet.

Kostengünstig immer neue Varianten herstellen

Für Pachta gibt es eine neue Chance: Er kann als Konzern-Koordinator für Industriemotoren zeigen, was sich aus diesem sehr profitablen Geschäft noch alles machen lässt. Um im Bild zu bleiben, für Pachta-Reyhofen heißt das: Warmlaufen statt Reservebank.

VW hält knapp drei Viertel der MAN-Anteile und holt den noch im Dax notierten Konzern nun Schritt für Schritt in seine Welt. Das muss nicht schlecht sein für MAN. Winterkorn wiederholt bei den Nutzfahrzeugen, womit er bereits zweimal sehr erfolgreich gewesen ist. Erst verwandelte er Audi mit seinem Spießer-Image in eine sportliche Marke, die in der Oberklasse jetzt sogar Mercedes von Platz zwei geschoben hat.

Dann übertrug er das Prinzip flexibler Baukästen, mit denen sich kostengünstig immer neue Autovarianten herstellen lassen, auf den Konzern, der damit im vergangenen Jahr so gut verdient hat wie nie. Was bei den Pkws gut klappte, soll nun auch bei den Nutzfahrzeuge funktionieren - und VW hier zum ernsthaften Konkurrenten des Marktführers Daimler machen.

Kaum eine Branche ist so global wie die Autoindustrie, und kaum eine wandelt sich so schnell. Galt es für VW bis vor kurzem den japanischen Konkurrenten Toyota als die Nummer eins weltweit abzulösen, so ist es jetzt der dank massiver Staatshilfe wiedererstarkte amerikanische Gigant General Motors. Auf dessen Heimatmarkt entscheidet sich, ob VW sein Ziel für 2018 erreichen kann.

Martin Winterkorn jedenfalls schafft durch seine jüngste Personalrochade klare Verhältnisse. Statt monatelange Spekulationen zu nähren, wurde an nur zwei Tagen entschieden. Nun kann die Mannschaft von Volkswagen neu formiert aufs Spielfeld. Winterkorn hat nicht gezögert, sondern gehandelt. Und der bestbezahlte Manager Deutschlands hat dabei gezeigt, dass seine Gage von 17 Millionen Euro für das vergangene Geschäftsjahr doch nicht zu üppig ausgefallen ist.