Personalie Reithofer Willkommen in der BMW-Welt

Norbert Reithofer gibt im Mai seinen Posten als BMW-Chef ab. Sein Nachfolger wird Harald Krüger.

(Foto: dpa)

Norbert Reithofer tritt als BMW-Chef ab - doch einen verdienten Mann wie ihn lassen sie beim Münchner Autobauer nicht einfach ziehen. Er bleibt in der Familie. Die Personalie zeigt, wie BMW sich von den anderen deutschen Autobauern unterscheidet.

Von Karl-Heinz Büschemann

Der Mann war für scheinbar Undenkbares vorgesehen. BMW-Vorstandschef Norbert Reithofer galt als künftiger Kandidat für den Aufsichtsratsvorsitz bei Siemens. Das haben die BMW-Großaktionäre souverän vereitelt. Einen verdienten Mann wie Reithofer lässt man nicht einfach ziehen. So beschloss die Familie Quandt, die fast die Hälfte der BMW-Anteile hält, den 58-Jährigen als Konzernchef vorzeitig abzulösen und ihn stattdessen zum Aufsichtsratschef zu machen. Reithofer bleibt damit sozusagen in der Familie - und der Münchner Autokonzern bleibt sich treu. Die Personalie zeigt, dass BMW eine eigene Kultur hat. BMW ist eine eigene Welt.

Der Münchner Autokonzern ist erfolgreich. Die Marke BMW hat die langjährige Dominanz von Mercedes im Luxus-Segment längst gebrochen, und die VW-Tochter Audi hat es trotz beachtlicher Erfolge nie geschafft, das Renommee der Münchner zu erreichen. Das Erfolgsrezept von BMW ist ein besonderes Führungssystem. Wo sich der VW-Konzern durch eine faktische Kommandostruktur vom Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch nach unten auszeichnet, gibt es bei BMW eine breit angelegte Führung; zugleich hält die Großaktionärsfamilie sich aus dem Tagesgeschäft völlig heraus. Das bedeutet zwar mehr Widerspruch für die Chefs, erlaubt es aber, schneller auf Veränderungen der Märkte zu reagieren. So setzt BMW seit Jahren auf das Elektroauto, das andere Konzerne lange belächelten und für sinnlose Spielerei hielten.

Norbert Reithofer geht als Chef von BMW, ein anderer Vorstand macht rüber zu VW: Auf der Seite Drei der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung erfahren Sie, wie die Familien Quandt und Piëch die Zukunft ihrer Konzerne regeln.

Die Leistung aller zählt

Kurios ist, dass der Erfolg der weißblauen Marke, die auf der Straße auch für Protz und Glamour steht, seine Begründung in Bescheidenheit hat. Hinter dem Konzern steht die inzwischen märchenhaft reiche Familie Quandt, die von ihren Managern nicht nur langfristiges Denkens verlangt, sondern ihnen auch eine Kultur der Zurückhaltung auferlegt. Bei BMW ist jeder ersetzbar. In dem Unternehmen müssen die oberen Führungskräfte mit 60 gehen, und nur in wenigen Fällen wird eine Ausnahme gemacht. Bei BMW verdienen die Spitzenmanager weniger als bei der Konkurrenz, und wer in der Münchner Führungsetage eitel aus der Reihe tanzt und sich medial in den Vordergrund spielt, hat keine Zukunft. Nicht die Brillanz des Einzelnen zählt, sondern die Leistung aller.

Die Leistung stimmte bisher meistens, und wenn sie mal nicht in Ordnung war, gab es auch eine Lösung. Als der damalige Vorstandschef Bernd Pischetsrieder BMW mit dem Kauf des maroden britischen Autobauers Rover im Jahr 1994 in eine Krise manövrierte, reagierte die Familie Quandt ganz unaufgeregt. Sie sah dem Treiben lange zu und wechselte erst nach ein paar Jahren den Chef aus. Pischetsrieder ging später zu VW und bekam schmerzlich am eigenen Leib zu spüren, dass die BMW-Kultur und die von Wolfsburg nur schwer vereinbar sind.

Kultur des Wettbewerbs

Aber BMW fand in die Spur zurück, obwohl damals auch der vermeintlich unersetzliche Technik-Chef Wolfgang Reitzle von Bord ging. Der war vergrätzt, weil der bescheidene Maschinenbauer Joachim Milberg zum neuen Chef berufen worden war und nicht er, der für Glanz und Erfolg stand. Glanz ist bei BMW vergänglich. Im Konzern ist noch immer präsent, dass er Ende der 50er-Jahre vor der Pleite stand und von dem damaligen Industriellen Herbert Quandt gerettet werden musste.

Die BMW-Welt eignet sich als Fallstudie für BWL-Studenten und das, obwohl die Münchner von mancher weisen Regel der Führung souverän abweichen. BMW ist eine Management-Welt, die praktisch abgeschirmt ist von anderen Unternehmen und das Gegenteil zu sein scheint von einer offenen Führungskultur. Wechsel finden kaum statt. Führungskräfte und Vorstände kommen fast ausnahmslos aus den eigenen Rängen. Nur ein Vorstandsmitglied kam in jüngerer Zeit von der Konkurrenz. So entstand eine Kultur des Wettbewerbs, aber kein Klima der Angst.

Zugleich kommt es selten vor, dass ein führender BMW-Manager zur Konkurrenz geht. Das gilt als unfein. Als sich der frühere Konzernchef Pischetsrieder vor ein paar Monaten in den Aufsichtsrat von Daimler berufen ließ, galt das im BMW-Hochhaus auch 15 Jahre nach dessen Ausscheiden noch als Verrat. Die BMW-Mitarbeiter von oben bis unten verstehen sich als Mitglieder in einer feinen Gesellschaft. Der Konzern profitiert davon. BMW gehört zu den beliebtesten Arbeitgebern der Republik, der die Auswahl aus den besten Absolventen der Hochschulen hat. Das schützt zwar nicht vor Fehlern, ist aber bisher ein Wettbewerbsvorteil.