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Aktionspreise:Darf eine Ananas einen Euro kosten?

Mit "Skandalpreis" bewirbt Penny Ananas. Die Frage ist nur: skandalös günstig oder skandalös ausbeuterisch?

(Foto: Unsplash)
  • Die Ananas, die der Discounter Penny derzeit für einen Euro anbietet, ist mit dem Siegel der Umweltorganisation Rainforest Alliance ausgezeichnet.
  • Umweltschützer bezweifeln allerdings, dass bei diesem Preis eine faire Lieferkette eingehalten werden kann.
  • Auch die Rainforest Alliance distanziert sich von der Rabattaktion.

Penny wählt drastische Worte für seine Ein-Euro-Ananas aus Mittelamerika: "Skandal-Preis" steht in rot unterstrichenen Großbuchstaben auf dem Handzettel des zur Rewe-Group gehörenden Discounters. Daneben das Siegel der Umweltorganisation Rainforest Alliance. Also alles auch noch zertifiziert? Macht sich da jemand lustig über das wachsende ethische Bewusstsein der Verbraucher?

Einer Umfrage der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen zufolge werden für 66 Prozent der Deutschen fair gehandelte Produkte wichtiger. Jedes Glied in der Lieferkette für Lebensmittel oder Textilien soll auf seine Kosten kommen. Kann das sein, bei einer Ananas für einen Euro? Oder ist der Preis wirklich ein Skandal? Nur nicht im Sinne Pennys, also skandalös günstig, sondern skandalös ausbeuterisch?

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Eine Sprecherin des Vereins Transfair, der das Fairtrade-Siegel in Deutschland vergibt und gewisserweise in Konkurrenz zur Rainforest Alliance steht, sagt: "Gäbe es ein Lieferkettengesetz in Deutschland so wie in Frankreich oder Großbritannien, könnte es eine Ananas für einen Euro wohl nicht geben." Rewe macht da eine ganz andere Rechnung auf. Eine Sprecherin lässt durchblicken, dass es sich bei den extrasüßen Früchtchen im Prinzip um quasi unverkäufliche Ware handele. "Mit unseren langjährigen Ananas-Erzeugern haben wir verbindliche und langfristige Verträge, die die Abnahme diverser Größen zusichern," sagt die Rewe-Sprecherin, "also auch kleinere Kaliber jenseits der Standardgrößen, für die die Erzeuger sonst oft keine Abnehmer finden." Diese könnten dann zu Aktionspreisen vermarktet werden. Zu Lasten der Erzeuger gehe das nicht. Ist das glaubwürdig?

Mehr als 3,5 Millionen Euro hat der Konzern eigenen Angaben zufolge zwischen 2013 und 2018 in einen Mittelamerikafonds investiert. Damit sollen die Bedingungen für die Ananas- und Bananenbauern verbessert werden. Wobei die Ananasbauern erst seit vergangenem Jahr von Projekten aus dem Fonds profitieren. Reicht das, um ein Öko-Siegel zu erhalten?

Rainforest Alliance distanzierte sich am Montag von der Preisaktion, könne aber nichts dagegen machen, heißt es auf Anfrage. "Niedrige Preise im Ananassektor sind eine branchenweite Herausforderung. Die meisten Ananasfarmer verdienen noch kein existenzsicherndes Einkommen." Das Problem sei, dass Rainforest keine Produkte zertifiziere, sondern Farmen. Einerseits.

Der Rainforest Alliance gehe es vor allem um nachhaltigen Anbau

Andererseits stellte die Stiftung Warentest 2016 folgende Frage: Kann der Kauf von Produkten mit bestimmten Siegeln die Situation der Bauern verbessern? Die Antwort: "Ja, am meisten bei Naturland Fair, gefolgt von Fairtrade und Hand in Hand, am wenigsten bei Rainforest Alliance." Der US-Organisation gehe es vor allem darum, nachhaltige Anbaupraktiken zu fördern. Mindestpreise für die Rohware garantiere sie nicht. Diese wären für die Bauern aber besonders wichtig.

Verbraucher müssen das erst einmal wissen, sie sind jedoch offenbar bereit, sich zu informieren. Von Jahr zu Jahr steigt der Umsatz mit fair gehandelten Produkten, 2018 waren es weitere 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Manuel Blendin, der Geschäftsführer des Forums Fairer Handel sagt zwar: "Diese positive Entwicklung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass weiterhin geschätzte 99 Prozent des Handels nicht fair sind."

Die Fairtrade-Sprecherin verweist darauf, die 99 Prozent bezögen sich auf den Anteil am gesamten Einzelhandel. Insofern sei die Zahl irreführend. Bei international gehandelten Produkten wie Bananen liegt der Anteil laut Fairtrade bei fünf, bei Kakao bei zehn, bei Kaffee bei elf und bei Schnittrosen sogar bei 28 Prozent. Kommt das Lieferkettengesetz, dürften die Anteile weiter steigen. Vielleicht sogar von der Ananas. Sie wird hierzulande allerdings so selten angeboten, dass sie noch nicht reif zu sein scheint für die hiesige Statistik. Vielleicht muss Penny sie auch deswegen so aggressiv bewerben.

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