Süddeutsche Zeitung

Peinlich, aber erfolgreich:Und keiner will's gewesen sein

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Heino kennt jeder, McDonald's auch. Die Platten des Sängers und die Hamburger der Fastfoodkette verkaufen sich super. Zugeben will aber niemand, dass er das eine oder das andere jemals gekauft hat. Eine Übersicht über peinlich erfolgreiche Wirtschaftszweige.

Von Sophie Crocoll

Schönheits-OPs

Wer gibt schon zu, dass er in Sachen Schönheit ein bisschen mehr nachgeholfen hat als andere? Eben. Dabei können sich elf Prozent der deutschen Männer und 15 Prozent der Frauen vorstellen, sich schöner operieren zu lassen. Die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen zählte 2011 allein 138 500 ästhetisch-plastische Eingriffe - und sie ist nur einer von mehreren Verbänden.

Am häufigsten vergrößerten die Chirurgen Brüste, strafften Lider und saugten Fett ab. Außerdem zählte die Gesellschaft 132 000 Faltenunterspritzungen. Die Anzahl der Männer, die sich verschönern lassen, hat sich seit 2008 verdoppelt, jeder sechste Patient ist inzwischen ein Mann. Dass die Gestrafften schweigen, verwundert nicht: Gelingt die Operation, gibt es keinen Grund, sich zu verraten. Wenn nicht, fällt das ohnehin allen auf.

Ein Viertel der Deutschen geht im Übrigen ins Solarium . Die Einnahmen der Sonnenstudios gehen zurück, liegen aber noch bei etwa einer Milliarde Euro im Jahr. Beliebte Ausreden der Gebräunten: Man wolle Depressionen vorbeugen oder einen Sonnenbrand vermeiden.

McDonald's hat das Fastfood nicht erfunden. Das Unternehmen ahmte einst die Restaurantkette White Castle nach und köderte Kunden, indem es Hamburger noch schneller zubereitete und sie billiger anbot. Damit stieg McDonald's zur nach Umsatz größten Fastfood-Kette auf. In den Achtziger- und Neunzigerjahren dann die Kritik: Das Essen zu fett, zu salzig, zu ballaststoffarm. Die mit Spielzeug bestochenen Kinder. Der Müll. Die schlecht bezahlten Mitarbeiter. McDonald's hatte sein Schmuddelimage weg. Der Konzern wirbt dagegen an, mit geschätzten zwei Milliarden Dollar im Jahr.

McDonald's soll gesünder wahrgenommen werden. Es gibt jetzt Salate, Wraps und für Kinder Apfelschnitze statt Pommes. In den USA lädt der Konzern bloggende Mütter ein, um ihnen Bedenken zu nehmen. In Deutschland hat er im Frühsommer zehn (echte) Prominente für Werbefilme und Plakate verpflichtet, wie die Schauspieler Jürgen Vogel und Alexandra Maria Lara. Von den im Schnitt mehr als 2,7 Millionen Deutschen, die täglich bei McDonald's essen, geben das die wenigsten zu. Noch. Sich dort einen Kaffee zu holen, ist nämlich längst okay.

Das Lästige am Zufall ist, dass er so zufällig daherkommt. Man weiß nicht, ob man sich auf der Abiturfeier verliebt, bei einer Wohnungsbesichtigung oder bei einer Lesung postmoderner Lyrik. Wer die Liebe planen will, sucht im Internet. Da lassen sich Fotos bearbeiten, Interessen vortäuschen und man kann im Schlabberpulli vor dem Computer sitzen, ohne sein Gegenüber zu verschrecken.

Der Branchenverband Bitkom hat im Sommer 2011 nachgefragt, wie viele Menschen online nach einem Partner suchen. Schon damals hatte jeder vierte Deutsche, der das Internet nutzte, es mal mit Onlinedating versucht, bei den unter 30-Jährigen war es sogar jeder zweite. 13 Prozent hatten sich mit jemandem getroffen, den sie nur aus dem Netz kannten und jeder vierzehnte hatte Freund oder Freundin, Ehemann oder Frau online kennengelernt. Die Partnerbörsen präsentieren noch deutlichere Erfolge. Und bemühen sich, zu vermitteln, dass es gesellschaftlich immer anerkannter sei, sich im Internet zu finden. Die meisten Paare erzählen später trotzdem lieber: "Wie haben uns in einem Café getroffen." Was davor war, muss ja keiner wissen.

"Gefühlte 100 Prozent aller Deutschen kennen ihn", steht auf Heinos Website über Heino. Irgendwie stimmt das sogar. Die Sonnenbrille, die er gar nicht braucht, die blonden Haare, die gelb sind. Man erkennt ihn, auch wenn man keines seiner Lieder mitsingen kann und nur weiß, dass in einem mal ein Enzian vorkam. Eine Heino-Platte zu besitzen, das hätten bis vor Kurzem allerdings nur Zuschauer des Frühlingsfests der Volksmusik zugegeben. Und auch die muss man lange suchen. Dabei ist die nackte, die unbestechliche Wahrheit: Heino hat mehr als 50 Millionen Platten verkauft. Jetzt singt Heino Songs von Rammstein, den Ärzten und den Sportfreunden Stiller, er ist vor Zehntausenden Heavy-Metal-Fans auf dem Festival in Wacken aufgetreten. Mit der zugehörigen Platte "Mit freundlichen Grüßen" schaffte er es zum ersten Mal auf Platz eins der deutschen Charts, dafür ist ausschlaggebend, wie viel Geld man innerhalb einer Woche mit einem Album verdient.

Rammstein-Fans, erzählt Heino, sprächen ihn an, um ihm zu sagen, dass ihnen seine Aufnahme des Songs "Sonne" besser gefalle, als das Original. Nun ja. Die Fast-Food-Kette Mc Donald's (siehe oben) hat schon Mitte der Neunzigerjahre darauf gesetzt, dass Heino Jugendliche locken (und bei ihnen die Lust zum Burgeressen wecken) kann und ließ den Schlagersänger in einem Werbefilm auftreten. Richtig billig soll Heino gewesen sein, das verriet der damalige Marketingstratege des Unternehmens. Einen Teenie-Schwarm konnte man den Schlagersänger da nicht gerade nennen. Kann man heute auch nicht: Wer die Jugendkultur mitsingt, die Heino nachmacht, muss zugeben, dass er selbst mitgealtert ist.

Was einem gestern noch peinlich war, kann heute schon ganz und gar anerkannt sein. Bei Aldi wollte man sich lange nicht sehen lassen. Heute sollen Einkäufer im Porsche bei dem billigen Supermarkt vorfahren. Was früher einfach nur geizig war, ist heute wohl so etwas wie clever. Gegen Sparen ist ja nichts zu sagen. Auch Ikea gehörte mal ausschließlich in die Studentenbude, vom ersten Gehalt schaffte man sich dann richtige Möbel an. Das ist vorbei, auch Mittvierziger feiern inzwischen Ikea-Partys als Stilbekenntnis.

Im Fernsehen läuft es ähnlich: 2004 schickte der Sender RTL zum ersten Mal zehn damals noch mehr, heute eher weniger bekannte Menschen in den australischen Dschungel. Daniel Küblböck schluckte Kakerlaken, der Schlagersänger Costa Cordalis gewann - und im Schnitt sahen über sechs Millionen Menschen zu. Offen bekundet hätte das damals aber niemand. So ein Schund, da schaltet man doch nicht ein!

Seit "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" für den Deutschen Fernsehpreis und später den Grimme-Preis nominiert war, kann man auch in der Mittagspause offen mit den Kollegen darüber sprechen - natürlich, weil man im Feuilleton vom subversiven Witz der Sendung gelesen hat. Mehr als 40 Prozent der wichtigen Zuschauer-Zielgruppe zwischen 14 und 49 Jahren schauen die Sendung an. Die Serie "Bauer sucht Frau", die Landwirte wie den "herzlichen Hessen Albert" verkuppeln will, sehen - noch klammheimlich - bis zu 7,33 Millionen Zuschauer. RTL verdient gut daran: 61.500 Euro soll ein 30-Sekunden-Werbespot während der Sendung kosten.

Es soll angeblich irgendwann vor ganz langer Zeit für manchen jungen Mann zum Erwachsenwerden dazu gehört haben, was Gabriel García Márquez in seiner Autobiografie "Leben, um davon zu erzählen" beschreibt: Den ersten Sex mit einer Prostituierten zu verbringen.

Der junge Gabriel geht nicht mit diesem Vorsatz ins Bordell, er soll dort eigentlich nur für den Vater Schulden eintreiben, als er eine der Frauen durch eine halb geöffnete Tür beim Schlafen beobachtet. Sie wacht auf und ruft ihn zu sich, er erlebt einen "köstlichen Schauer". Danach fragt er sich, wie er in den Ferien wohl noch möglichst oft die zwei Pesos auftreiben kann, um die Prostituierte zu bezahlen. Zumindest erinnert sich García Márquez rückblickend so an diesen Tag.

Wer es heute wagt, sich in dieser heiklen Angelegenheit in seinem Bekanntenkreis umzuhören, weiß: Da bezahlt natürlich keiner für Sex. Was nicht sein kann, glaubt man einer Studie, die die Frauenzeitschrift Brigitte vor einiger Zeit in Auftrag gegeben hat. Demnach hatten 88 Prozent der deutschen Männer bereits mindestens ein Mal in ihrem Leben Sex mit einer Prostituierten. 88 Prozent! Wer da noch nicht schockiert ist, muss die Studie nur zu Ende lesen: 47 Prozent der Männer bezahlten sogar ein Mal im Monat für Sex, so die Untersuchung. Klingt unglaublich, deckt sich aber mit dieser Zahl: Die Gewerkschaft Verdi schätzt, dass bis zu 1,2 Millionen Männer täglich zu Prostituierten gehen. Andere Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland in dem Gewerbe jedes Jahr mehr als sechs Milliarden Euro verdient werden.

Mal hatte der Krämer kein Mehl, ein anderes Mal war ihm der Zucker ausgegangen. In der jungen DDR herrschte 1951 Mangel an vielem, was man zum Kuchenbacken braucht. Als Käthe Thiele die deutsche Backmischung erfand, ging es ihr also nicht darum, den Hausfrauen die Arbeit zu erleichtern. Die Tüte sollte sie vielmehr unabhängig von leeren Regalen machen, indem sie alle wichtigen Zutaten enthielt.

Im Westen mag es weitgehend unbekannt sein, in den neuen Bundesländern aber verkauft das von Thiele und ihrem Mann gegründete Unternehmen Kathi noch heute die meisten Backmischungen. Dr. Oetker brachte in der Bundesrepublik die ersten Backmischungen erst Anfang der Siebzigerjahre in die Läden.

Heute bestimmen die Tütenkuchen des Unternehmens den deutschen Markt. Generationen von Kindern haben mit Zitronen- und Schokino-Kuchen Kindergeburtstag gefeiert. In Ost und West beherrschen also Backmischungen die Kaffeetafeln. Und doch gilt plötzlich wieder Selbermachen als schick, die Menschen ziehen Gemüse auf dem Balkon und belegen VHS-Kurse übers Einwecken. Gäste wollen wissen, ob auch der Kuchen selbst gebacken ist. Wer stammelt da schon gern herum? Dr. Oetker kann es natürlich nicht gefallen, dass die Produkte den Käufern peinlich sind. Was für ein Glück, dass das Marktforschungsinstitut Forsa in einer Studie zu dem Ergebnis kommt, dass sich 82 Prozent der Kunden zur Backmischung bekennen. Auftraggeber der Studie: Dr. Oetker.

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SZ vom 28.09.2013
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