Patente auf Braugerste Protest mit Blasmusik

Gut hundert Aktivisten machten vor dem Europäischen Patentamt in München ihrem Ärger Luft. Ihr Anliegen ist allerdings bierernst.

Von Silvia Liebrich
(Foto: Alessandra Schellnegger)

Beim Bier hört für viele der Spaß auf. Gentechnik oder Pestizide im Glas, das waren zuletzt die großen Aufreger. Nun steht neuer Ärger an. Ausgerechnet ein niederländischer und ein dänischer Konzern wollen der Deutschen liebstes Getränk in ihre Gewalt bringen, so die Furcht. Quasi aus den Hinterhalt und mit Schützenhilfe des Europäischen Patentamtes. Wenn das nicht ein Grund ist, mit Blasmusik und einem Wiesn-Brauereigespann vor der Münchner Niederlassung anzurücken. Gut hundert Aktivisten machten am Mittwoch mit bayrischer Gemütlichkeit ihrem Unmut Luft. Beim Musizieren blieb es freilich nicht, die Demonstranten hatten ein bierernstes Anliegen, die Übergabe eines Einspruchs gegen Patente auf Braugerste, wie sie die internationalen Braukonzerne Heineken und Carlsberg halten.

Aufgerufen zu dem Protest hat das Bündnis "Keine Patente auf Saatgut". Der Vorwurf der Kritiker: die Unternehmen würden sich mit Hilfe solcher Patente auf Braugerste den Brauvorgang sichern lassen. So könnten sie dann das fertige Bier als ihre Erfindung reklamieren. Unberechtigt ist die Kritik nicht, eigentlich sind Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen in der EU verboten. Ein Verbot, das jedoch in den vergangenen Jahren hundertfach umgangen wurde. Ende Juni wollen die EPA-Vertragsstaaten über ein Verbot von Patenten auf durch Kreuzung gezüchteten Pflanzen und Tiere beraten. Die Aktivisten befürchteten, der Gesetzentwurf erlaube weitreichende Ausnahmen, auch bei Braugerste - na dann Prost!

Aktuelles Lexikon

Braugerste

Bier lässt sich mit Malz aus verschiedenen Getreidesorten brauen. Das am häufigsten verwendete Korn ist allerdings die Braugerste, das hat historische Gründe: Als Herzog Wilhelm IV. 1516 das Reinheitsgebot für Bier erließ, erlaubte er als Zutaten neben Hopfen, Wasser und Hefe nur Gerstenmalz. Weizen, der sich zum Brauen ebenso eignet, sollte zum Brotbacken verwendet werden, das Privileg, daraus Bier zu brauen, hatten bis ins 18. Jahrhundert die Wittelsbacher. Dass aus Gerstenmalz gebraute Biere wie Helles und Pils heute den Markt beherrschen, geht also auf ein mehr als 500 Jahre altes Politikum zurück. Inzwischen haben die Züchter ihre Braugerste so optimiert, dass sie Eigenschaften besitzt, die sich auf Geschmack und Haltbarkeit des Bieres auswirken. Bei bis zu 90 Prozent der Bierproduktion in Deutschland kommen nur fünf Gerstensorten zum Einsatz. 1,1 Millionen Tonnen davon stammten 2016 von hiesigen Bauern, knapp 1,3 Millionen Tonnen wurden importiert. Wer Gerste anbaut, zahlt schon jetzt Lizenzgebühren an die Züchter. Dass sich die Bierkonzerne Heineken und Carlsberg nun drei Sorten auf europäischer Ebene haben patentieren lassen, hat nicht zwingend negative finanzielle Auswirkungen für die Landwirte. Unklar ist bislang aber noch, ob dann auch bei der Herstellung und dem Verkauf von aus diesen Sorten gewonnenen Bieren Gebühren fällig werden. Andreas Schubert