Paramount-Studios:Ein Übernahmekampf wie im Kino

Lesezeit: 4 min

Haltung zeigen: Tom Cruise bei einer Premiere der Paramount-Produktion in London im Mai 2022. (Foto: Eamonn M. McCormack/Getty Images for Paramount Pictures)

Der Verkauf des US-Medienriesen wird zu einem Drama, gegen das die Erbschaftsstreit-Serie "Succession" wie ein harmonisches Kuschelfest daherkommt.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Wäre der Verkauf von Paramount ein Drama in fünf Akten, müsste man feststellen, dass die Handlung nun auf den Höhepunkt zusteuert. Ungewiss sowohl für Protagonisten als auch Zuschauer, ob es nun zur Katharsis oder einer Katastrophe kommen wird. Die bitterböse Medien-Erbschafts-Serie " Succession" mit ebendiesem Sujet, nur an die Murdoch-Familie angelehnt, kommt im Vergleich dazu daher wie ein Kuschelfest. So richtig kompliziert wird die Sache dadurch, dass Shari Redstone, Vorstandsvorsitzende und Mehrheitseignerin, Vater Sumner beweisen will, dass sie das alles allein hinkriegt. Nur: Der ist bereits 2020 gestorben.

Die Vorgeschichte: Eigentlich hatte der Patriarch das Imperium, zu dem unter anderem das Filmstudio Paramount Pictures ("Titanic", "Top Gun: Maverick", "Iron Man"), Telekom-Platzhirsch Viacom und TV-Sender CBS, MTV und Nickelodeon gehören, seiner Tochter Shari vermachen wollen. Jahrelang stritten und versöhnten sich die beiden; im Juli 2015 schrieb Shari in einer E-Mail an ihren jüngsten Sohn Tyler: "Dein Großvater hat gesagt, dass ich nur über seine Leiche Vorstandsvorsitzende werde." Redstone starb im August 2020 im Alter von 97 Jahren; Shari wurde trotz aller Streitereien seine De-facto-Nachfolgerin, die mächtigste Person im Konzern mit 77 Prozent aller stimmberechtigten Anteile in Familienbesitz. Im Februar 2022 sagte Shari Redstone: "Wir sind auf dem Weg zu neuen Höhen."

"In 41 Jahren, in denen ich in diesem Geschäft bin, habe ich so eine Situation noch nie erlebt."

Der Aktienkurs ist um mehr als 60 Prozent gesunken, derzeit liegt er bei etwa 12,50 Dollar. Kürzlich hat die Investment-Legende Warren Buffett seine 63 Millionen Paramount-Papiere verkauft und gesagt, das Investment sei ein Fehler gewesen. Der Verlust im ersten Quartal: 417 Millionen Dollar; die Gesamtschulden liegen bei 14 Milliarden Dollar - auch deshalb, weil der Aufbau des Streamingportals Paramount+ drei Milliarden Dollar verschlungen hat, ohne die erhofften Einnahmen zu erzielen. Die Agentur Standard & Poor's stufte das Schuldenrating im März auf "Junk" herab, also Müll, und John Rogers, Gründer und Chef von Ariel Investment, einer der größten Anteilseigner, sagt über den Versuch, den Konzern zu verkaufen: "In 41 Jahren, in denen ich in diesem Geschäft bin, habe ich so eine Situation noch nie erlebt."

Auftritt David Ellison, Sohn von Oracle-Gründer und Milliardär Larry - wie schon gesagt: "Succession" ist gegen das reale Drama eine Sommerkomödie. Der 41 Jahre alte David galt in Hollywood lange als Inbegriff dessen, was sie "dumb money" nennen: ein reiches Bürschchen, das sich nach einigen Misserfolgen als Schauspieler (er spielte neben James Franco im Flop "Flyboys") als Produzent versucht und quasi jeden Quatsch finanziert.

David Ellison hat Geld, ja - aber er ist ganz gewiss nicht dumm, im Gegenteil: Er nutzte die Kontakte des Vaters (vor allem zu Medienmogul David Geffen und Apple-Gründer Steve Jobs), lernte bereitwillig und produzierte erfolgreiche Blockbuster wie etwa "Mission Impossible: Ghost Protocol" und "World War Z" mit Brad Pitt - letzterer gilt aufgrund der chaotischen Produktion als Beweis dafür, dass der junge Ellison unter Druck richtige Entscheidungen traf. Über private Finanzierungsrunden wird seine Firma Skydance Media mittlerweile mit knapp fünf Milliarden Dollar bewertet.

Ellison will Paramount übernehmen - über einen komplizierten Deal, bei dem Skydance erst für zwei Milliarden Dollar den Redstone-Konzern National Amusements und 80 Prozent der stimmberechtigten Anteile an Paramount kauft, dann würde Paramount per Fünf-Milliarden-Dollar Aktiendeal Skydance schlucken. "Der Deal fühlt sich an, als würde Panik bei Paramount herrschen", sagt Ariel-Investment-Gründer Rogers. Er und andere Anleger protestieren heftig; sie glauben, dass der Deal einzig für Ellison und Shari Redstone lohnenswert sei. Im April traten vier Vorstandsmitglieder zurück und kurz darauf Geschäftsführer Bob Bakish. In einem Brief von Groß-Aktionär Blackwood Capital Management steht: "Das Letzte, was wir brauchen, ist ein Filmfan mit Silberlöffel im Mund, der die Firma an die Wand fährt."

Es gibt ein zweites Angebot: Sony will gemeinsam mit Apollo Global Management 26 Milliarden Dollar zahlen - ein einfacherer Deal, verkompliziert einzig durch kartellrechtliche Fragen, die allerdings durch eine Zerschlagung des Konzerns gelöst werden könnten. Es heißt, dass Sony sowohl die TV-Sender um CBS als auch das legendäre Filmstudio-Gelände auf der Melrose Avenue in Los Angeles verkaufen würde - finanziell lohnenswert für Shari Redstone, 70, aber freilich das Eingeständnis, das Imperium des Vaters dann doch nicht zusammenhalten zu können; Stand jetzt dürfte sie das unbedingt verhindern wollen.

Das Problem von Paramounts Streamingportal: Es hat keine Schatzkammer wie Disney

Es heißt, dass Sony wegen der heftigen Reaktion der eigenen Anleger - der Aktienkurs war kurzzeitig um mehr als zwölf Prozent gefallen - über ein anderes, niedrigeres Angebot nachdenke. Die Erkenntnis bei Sony offenbar, und die machen derzeit nicht wenige Entertainment-Konzerne: Der Unterschied zwischen erfolgreich und wertvoll ist gewaltig. Also: MTV hat zwischen 1985 und 2010 zwar höchst erfolgreiches popkulturelles Pflichtprogramm produziert, "Beavis & Butthead", "The Osbournes" und "MTV Cribs", das heutzutage aber keinesfalls in den Sphären anderer Formate wie der TV-Serien "Friends" oder "The Big Bang Theory" existiert, für die Streamingdienst Max 100 beziehungsweise 200 Millionen Dollar pro Jahr an Lizenzgebühren zahlt.

Das Problem von Paramounts Streamingportal: Es verfügt nicht über eine Schatzkammer wie Disney und produziert nicht am laufenden Band wie Netflix. Schlimmer noch: Der aktuelle Paramount-Mega-TV-Hit, das Western-Drama "Yellowstone", ist aufgrund von Vereinbarungen vor dem Start von Paramount+ bei Konkurrent Peacock zu sehen - im vergangenen Herbst gab es während der Erstausstrahlung einer "Yellowstone"-Episode auf CBS gar die Werbung: "Alle Folgen gibt es bei Peacock." Das ist, als wäre beim "Tatort" eingeblendet, dass alle anderen Folgen in der Mediathek von Pro Sieben zu finden seien. Was Paramount gerade probiert: Streaming-exklusive Folgen erfolgreicher Serien; am 24. Mai wird es eine "South Park"-Folge über die Abnehmspritze Ozempic geben.

Hinter den Kulissen wird heftig verhandelt, beide Bieter haben mittlerweile über ein vom Vorstand eingesetztes, unabhängiges Komitee Einblick in Geschäftszahlen erhalten, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Die Zeit drängt: Am 4. Juni findet die jährliche Anleger-Versammlung statt; die Peripetie dieses Dramas.

Das Angebot von Ellison verspricht wegen dessen Kontakten in die Tech-Branche die Transformation zum digitalen Konzern und einen Aktienkurs von mehr als 30 Dollar, ist aber bei Anlegern wegen der komplizierten Struktur (noch) unbeliebt. Das von Sony könnte Redstone wegen der wahrscheinlichen Zerschlagung verhindern. Bliebe die dritte Variante: kein Verkauf, weiter mit Redstone und womöglich auch mit dem Triumvirat, das nach dem Abgang von Bakish die Geschäfte führt. Das jedoch, und da sind sich ausnahmsweise fast alle einig, wäre wohl der schlimmstmögliche Ausgang.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusInternet-Werbeträger
:Opa ist Influencer

Mach Platz, Gen Z! Das Internet steht nicht mehr auf schöne und durchgestylte 20-Jährige, sondern auf Menschen mit Falten und Lebenserfahrung. Es beginnt das Zeitalter der Granfluencer.

Von Kathrin Werner und Benjamin Emonts

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: