Papua-Neuguinea "Ich habe jeden Tag geweint"

"Es war eine schwere Zeit im Dorf, ich habe jeden Tag geweint", erzählt Pavol. Er machte sich Sorgen, dass die Polizei ihm oder seiner Familie etwas antun könnte - schon so viele seiner Bekannten waren eingeschüchtert worden. Einmal nahm ihn die Polizei mit, aber der Richter ließ ihn wieder frei. "Ich hatte immer Angst", sagt Pavol. "Aber wenn ich den Mund halte, wer wird uns dann helfen?" Mittlerweile hat eine offizielle Untersuchung ergeben: RH hatte die Polizisten bezahlt. Zur Rechenschaft gezogen aber wurde niemand.

Rimbunan Hijau ist der größte Tropenholzkonzern in Papua-Neuguinea. Neben dem Hauptgeschäft gehören zu dem Konglomerat auch ein Fischereibetrieb, ein Einkaufszentrum, eine Fluggesellschaft und diverse Medienhäuser, darunter die größte Zeitung Papua-Neuguineas. Eigentümer ist der malaysische Milliardär Tiong Hiew King. Eine Bitte der Süddeutschen Zeitung, zu den Vorwürfen Pavols und vieler Umweltorganisationen Stellung zu nehmen, ließ der Konzern unbeantwortet.

Pomio ist so abgelegen, dass Informationen schwer zu bekommen sind, alle Wege sind weit. 55 000 Quadratkilometer Regenwald hat Papua-Neuguinea nach Angaben der Organisation Global Witness schon an die Holzfäller verpachtet, zwölf Prozent des Landes. Allein aus Pavols Heimat, einer Region mit gut 70 000 Ureinwohnern, hat RH Tropenholz im Wert von angeblich 70 Millionen Dollar verschifft, fast ausschließlich nach China. Der Holzraub, sagt Sam Moko, Aktivist bei Greenpeace, nehme den Menschen nicht nur ihr Land. "Er nimmt ihnen die Freiheit."

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Reich geworden ist mit dem Holzraub niemand - außer dem Konzern

Pavol ist durch sein Land gereist, er hat die Menschen aufgeklärt, Interviews gegeben und mit Politikern aus der Provinz, der Region und der Bundesregierung gesprochen. Überall erzählte er vom Kahlschlag und von Umweltschäden durch Dünger und Pflanzenschutzmittel. Es half nichts. Also klagte Pavol gegen die Pachtverträge, die lokale Umweltorganisation Forcert, die sein Dorf vor vielen Jahren schon beim Bau eines kleinen, nachhaltig arbeitenden Sägewerks unterstützt hatte, hilft ihm dabei. Sie bezahlt unter anderem seine Reisen sowie die Gerichts- und Anwaltskosten. Allein Letztere summieren sich mittlerweile auf umgerechnet 100 000 Euro.

Mit RH reich geworden ist bis heute niemand in den Dschungel-Dörfern, die Straßen, Brücken und Schulen sehen immer noch so aus wie vor der Invasion des Konzerns. Und die Jobs, die RH brachte, sind schlecht bezahlt. Wer für die Holzfäller arbeitet, wird genötigt, im RH-Laden einzukaufen - auf Kredit, der dann mit dem Gehalt abgestottert werden muss. Oft bleibt danach nichts mehr übrig. Manche Kinder, die früher zur Schule gingen, arbeiten heute als Tagelöhner. 2014 legte Global Witness Beweise vor, dass Frauen und Kinder hoch konzentrierten Kunstdünger mit bloßen Händen in Säcke schaufeln mussten. "Es war alles Lüge", sagt Pavol, zu dem die Leute nun kommen und ihn um Hilfe bitten - selbst jene, die sich damals auf Rimbunan Hijau gefreut hatten.

Die Regierung hat einen Teil der Langzeit-Pachtverträge inzwischen für unrechtmäßig erklärt. "Aber das steht nur auf dem Papier", sagt Pavol. Er braucht ein Urteil des Gerichts - und Hilfe durch Provinzpolitiker. "Aber da ist überall Korruption." Auch ihm hat der Konzern mehrfach Geld geboten, damit er endlich Ruhe gibt. Pavol hat schon darüber nachgedacht, selbst Politiker zu werden, um die Dinge ändern zu können. Doch seine bisherigen Versuche scheiterten, derzeit überlegt er, es 2017 noch einmal zu versuchen.

Die Männer mit Kettensägen rücken immer näher heran

Doch langsam geht den Leuten in seinem Dorf die Kraft aus für den Widerstand. "Der Konzern hat die besten Anwälte angeheuert, um eine Verzögerungstaktik fahren zu können. Alles schleppt sich, je mehr Wald verschwindet, desto mehr verlieren die Leute die Hoffnung und das Interesse", erzählt Pavol. In seinem Dorf ist schon jetzt nichts mehr, wie es war. "Früher hatten wir nach Sonnenuntergang Zeit für Ruhe bei uns. Dann haben wir gekocht, was wir zuvor aus dem Dschungel geholt hatten. Wir saßen zusammen, redeten und hörten den Abendvögeln und dem Wind zu", sagt er. "Heute ist das anders. Heute kommen nach Sonnenuntergang die Männer raus und trinken Bier. Und überall ist laute Musik. Unsere Art zu leben, unsere Traditionen - alles ist zerstört."

Nur auf wenigen Hektar rund um Pavols Dorf steht er noch, der einst so mächtige Dschungel, der für das Weltklima und die Artenvielfalt so unverzichtbar ist. Doch die Männer mit den Kettensägen rücken immer näher an die Holzhütten heran, in denen Pavol und seine Nachbarn wohnen. Jeden Tag verschwinden Bäume. "Es kann jeden Tag passieren, dass sie kommen und das ganze Dorf vertreiben", sagt er. Die wilden Mangos sind schon verschwunden und auch die buttrigen Kenari-Nüsse, die sie immer gegessen haben. "Sie haben eine Wüste aus unserem Regenwald gemacht."

Auch Pavols Heimat ist jetzt eine vom Menschen gemachte Welt, fast wie Manhattan, auf das er vom Hotelfenster aus blickt. Nie hätte er gedacht, dass er in seinem Leben einmal New York sehen würde. Er war hier in den USA zum ersten Mal in einem richtigen Restaurant. "Es fühlt sich ein wenig an wie ein Unfall", sagt er. Er hofft, dass Politiker und Medien der großen westlichen Länder Druck machen auf den Konzern und die Politiker in seiner Heimat. "Man könnte sagen: Es ist ein Kampf wie David gegen Goliath", sagt Pavol. "Aber ob ich eines Tages gewinnen werde wie David? Ich kann es nicht sagen."

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