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Panne bei US-Börse Nasdaq:Handels-Algorithmus lässt Aktienkurs explodieren

Binnen einer Minute schoss die Aktie des Lebensmittelkonzerns Kraft um 29 Prozent in die Höhe. Nun steht die US-Börse Nasdaq erneut in der Kritik - wie schon nach dem Debakel beim Facebook-Börsengang. Doch das Unternehmen schiebt die Panne auf den Algorithmus eines Händlers.

Oliver Hollenstein

Im Englischen nennen sie es den "fat finger error", frei übersetzt also den Wurstfinger-Fehler. Ein Börsenhändler tippt beim Bestellen von Aktien - den Wurstfingern geschuldet - den falschen Betrag ein und schon gibt es große Ausschläge bei den Kursen. So könnte es also gewesen sein an diesem Mittwoch um 9.30 Uhr Ortszeit, als die bisherige Chefin des Lebensmittelmultis Kraft, Irene Rosenfeld, die Handelsglocke der US-Börse Nasdaq läutete und innerhalb einer Minute der Kurs der Kraft-Aktie von 45,55 auf 58,54 Dollar schoss.

Was zunächst nach einem gigantischen Erfolg für Kraft aussieht, entpuppt sich wenig später als Panne. Die Börse muss den Handel der Aktie rückabwickeln, eine falsche Bestellung eines Maklers sei Schuld gewesen, ließ die Nasdaq wissen. "Die Systeme von Nasdaq haben normal funktioniert und der Prozess der Industrie zum Umgang mit solchen Angelegenheiten verlief wie geplant." Für die Börse ist es nach einer Reihe von ähnlichen Pannen dennoch ein peinliches Problem - vor allem, weil sich unter Händlern der Frust mehrt.

File photo of Kraft macaroni and cheese products on the shelf at a grocery store in Washington

Innerhalb einer Minute hatte die Aktie des Lebensmittelherstellers Kraft zum Börsenstart am Mittwoch um 13 Dollar zugelegt - ein Computerfehler, wie sich später herausstellte.

(Foto: REUTERS)

Tatsächlich war offenbar nicht der dicke Finger eines Händlers für den Fehler verantwortlich, sondern ein Softwarefehler bei einem Händler. Die Financial Times berichtet von einem falschen Algorithmus in einem komplexen Handelsprogramm. Offenbar wollte ein Händler 30.000 Kraft-Aktien kaufen, berichtete der Chef des Börsendatenanbieters Nanex, Eric Hunsader. Um die Kurse durch die große Bestellmenge nicht zu verzerren, orderte ein Computerprogramm die Aktien innerhalb weniger Millisekunden an 11 verschiedenen Handelsorten. Doch offenbar lief mit dem komplizierten Algorithmus irgendetwas schief - was zu den Kursausschlägen geführt haben soll.

Imageproblem für Technologiebörse Nasdaq

Auch wenn die Nasdaq die Schuld von sich weist, auf die Verantwortung der Kunden für ihre Bestellungen aufmerksam macht und auf die Tatsache, dass noch weitere Handelsplätze betroffen sind, dürfte die Panne das Image der Technologiebörse Nasdaq weiter belasten. Erst im Mai hatte das Unternehmen eine spektakuläre Panne in ihrem Handelssystem gehabt - ausgerechnet beim Handelsstart der lange diskutierten Facebook-Aktie.

Ein Computerfehler verhinderte damals den Kauf und Verkauf von Aktien und verzögerte den Handelsauftakt um eine halbe Stunde. Die Folge: Händler konnten ihre Bestellungen nicht ausführen. Zahlreiche Investoren verloren damals viel Geld. Allein die Schweizer Großbank UBS macht die Börse für Verluste in Höhe von 350 Millionen Dollar verantwortlich. Nasdaq hatte daraufhin angekündigt, die Investoren zu entschädigen und richtete einen Fonds mit 62 Millionen Dollar ein.

Unangenehm dürfte für Nasdaq auch sein, dass Kraft gerade erst von der Konkurrenz, der New York Stock Exchange (NSYE), zu der Technologiebörse gewechselt war. Kraft-Chefin Rosenfeld hatte das Unternehmen in zwei Teile aufgespalten, die seit Mittwoch getrennt gehandelt werden. Unter dem alten Namen Kraft firmiert nun das Lebensmittelgeschäft in Nordamerika. Das Rest des Lebensmittelkonzerns, der in Deutschland vor allem Milka-Schokolade und Jacobs-Kaffee vertreibt, heißt künftig Mondelez.

Nach dem ungewöhnlichen Kurssprung werden nun aber auch die Stimmen der Kritiker des Hochgeschwindigkeitshandels wieder laut. "Wir laufen in diesem Markt auf Eierschalen", äußerte sich ein Makler im Wall Street Journal. Es gebe "keinen Raum für irgendeine Art von Fehlern", sagte ein anderer der Financial Times. Das Problem: Investmentfirmen versuchen mit Hilfe komplexer Computerprogramme Preisunterschiede zwischen verschiedenen Märkten auszunutzen. Dafür kaufen sie Aktien an einem Ort und verkaufen sie wenige Millisekunden später an einem anderen Ort wieder.

© Süddeutsche.de/bbr/hgn/gba

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