Folgen der Corona-Krise:Welche Versäumnisse die Pandemie offengelegt hat

Lesezeit: 4 min

Wirtschaftsgipfel 2021

Moderatorin Judith Wittwer (von links) mit den Diskutanten Achim Berg, Michael Diederich, Marcel Fratzscher und Berit Lange.

(Foto: Friedrich Bungert)

In der Corona-Krise waren die staatlichen Subventionen richtig, findet Ökonom Marcel Fratzscher. Den Strukturwandel würden sie jedoch bremsen.

Von Elisabeth Dostert, Berlin

Es ist nicht leicht, über die Folgen eines Ereignisses zu reden, das nicht vorbei ist. Die Corona-Pandemie ist nicht vorbei. Mit voller Wucht rollt gerade die vierte Welle über Deutschland. "Ja. Das wird sicher nicht einfach dieser Winter", sagt Berit Lange. Die Ärztin arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, sie leitet die Klinische Epidemiologie. Es gebe mehrere Entwicklungen: Da sei diese Variante des Virus, die deutlich leichter übertragbar sei als die im vergangenen Winter. Die Impfquote sei nicht ausreichend. "Diejenigen, die ungeimpft sind, können weiter für eine deutliche Belastung des Gesundheitssystem sorgen", sagt Lange. Und, führt sie als dritte Entwicklung dieser Tage an: "Wir haben eine nachlassende Wirksamkeit der Impfungen, insbesondere unter Älteren." Manche Krankenhäuser seien jetzt schon überlastet, warnt die Ärztin.

Lange hat ein paar Empfehlungen, was zu tun ist, um diese vierte Welle "ein bisschen" aufzuhalten und auch diese Maßnahmen wirken nicht sofort. Die Impflücken müssten geschlossen werden. Das ist für Lange das oberste Gebot. Und Booster-Impfungen seien wichtig. "Die Maschinerie, die wir im Sommer hatten, die müssen wir wieder aufbauen." Die Menschen seien bereit, ihren Impfschutz durch eine dritte Dosis auffrischen zu lassen. "Ob es gelingt, noch relevant Impflücken bei den Erwachsenen zu schließen, das muss man sehen", sagte Lange. In ihren Worten schwingen Zweifel mit. Die Situation sei ernst, sagt die Ärztin und hofft, dass wenn klar werde, wie hoch das Risiko für Ungeimpfte in diesem Winter sei, an Covid-19 zu erkranken, sich doch noch Menschen von einer Impfung überzeugen lassen. "Was immer wir tun können, müssen wir versuchen. Das ist das wirksamste Instrument", sagt Lange.

Mit den Maßnahmen, die in Deutschland im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie ergriffen wurden, sind die Diskutanten auf der Bühne - Bitkom-Präsident Achim Berg, Hypo-Vereinsbank-Vorstandssprecher Michael Diederich und Ökonom Marcel Fratzscher, Präsident des DIW, gar nicht so unzufrieden. "Das, was wir gemeinsam gemacht haben, hat dazu beigetragen, das System vor noch einem viel größeren Schock zu bewahren", sagt HVB-Mann Diederich. Er meint damit staatliche Hilfen wie den Wirtschaftsstabilisierungsfonds und das Kurzarbeitergeld. Alle - Politiker, Finanzinstitut, Parteien, Wirtschaft - haben "exzellent zusammengearbeitet, um Schlimmeres zu vermeiden." Aber wie hart wird dieser Winter? Welche Eingriffe sind nötig, wie stark müssen sie sein, um die vierte Welle zu brechen? Solche Fragen stellt sich nicht nur der Banker. Stand heute vielleicht nicht mehr in dem bisherigen Umfang, sagt Diederich: "Aber wir haben bewiesen, wenn wir es brauchen, kriegen wir das gut gemeinsam hin."

Auch im nächsten Jahr werden noch Hilfen notwendig sein, meint der Ökonom

Sicher seien durch die staatlichen Hilfen auch Unternehmen unterstützt worden, "die so nicht überlebt hätten", sagt Ökonom Fratzscher: "Aber die Politik kann und sollte nicht auswählen, welche Unternehmen das sind." Fratzscher erwartet, dass auch im nächsten Jahr noch Hilfen notwendig sein werden. "Es ist besser, den Fehler zu machen, die Wirtschaftshilfen noch etwas länger laufen zu lassen, vielleicht ein halbes Jahr länger als ein halbes Jahr zu kurz." Fratzscher wäre kein guter Ökonom, wenn er nicht schon weiter denken würde, weit über die Pandemie hinaus.

Die Frage werde sein, wie man diese Hilfen nach der Pandemie zurückführe. Und der Ökonom schiebt gleich noch eine Frage hinterher: Was passiert in den nächsten fünf Jahren? Es gibt große Herausforderungen: die digitale und ökologische Transformation der Wirtschaft, den Strukturwandel. "Viele Unternehmen werden die Transformation nicht überleben", sagt Fratzscher. Er weiß, dass das hart klingt. Ökonomen wie er, reden von "kreativer Zerstörung". Das ist ein Begriff, den der Ökonom Joseph Schumpeter prägte. Altes verschwindet, neue Ideen, junge Firmen setzen sich durch. Wer überlebt und wer vergeht, sollte nicht der Staat entscheiden, in dem er Hilfen gibt und "nationale Champions kürt", sagt Fratzscher. Der Staat sollte gute Rahmenbedingungen und Wettbewerb schaffen, für eine gute Infrastruktur sorgen. "Dann müssen sich die Unternehmen beweisen." In der Pandemie fand Fratzscher Subventionen richtig, im Strukturwandel seien sie falsch.

"Wir sind in Deutschland ein bisschen zufrieden und faul geworden."

Fratzscher nennt als Beispiel die Subventionen, die Deutschland jedes Jahr direkt und indirekt für fossile Energieträger ausgebe: 70 Milliarden Euro. Fratzscher wiederholt die Zahl nochmal. Dazu gehöre auch der Benzinpreis. "Das ist etwas, was schädlich ist," sagt Fratzscher: Solche Hilfen bremsen die Transformation. Er hoffe, dass die neue Bundesregierung solche Subventionen beseitigt. Das sei verdammt schwierig für die Politik: "Man hat sich dran gewöhnt." Das sei vielleicht die größte Herausforderung in den nächsten fünf Jahren, die "sehr konservativen, staatlichen Strukturen" in Deutschland aufzubrechen. "Wir wollen eigentlich alles halten und bewahren. Wir sind in Deutschland ein bisschen zufrieden und zu faul geworden", urteilt der Ökonom Fratzscher.

Klar wurden auch Fehler gemacht. Achim Berg, Präsident des Digitalverbandes Bitkom, ist einer, der gerne Defizite benennt. Die Versäumnisse in der Digitalisierung wurden ihm zufolge lange vor der Pandemie gemacht. "Die Pandemie hat die Versäumnisse brutal offengelegt", sagt Berg. Was er dann moniert, moniert er schon Jahre. "Wir leben auf einem digitalen Scherbenhaufen in Verwaltung, Bildung und Infrastruktur", sagt der Bitkom-Chef. Die Wirtschaft nimmt er ausdrücklich aus. Er unterfüttert seine Kritik gerne mit eigenen Erfahrungen. Im vergangenen Jahr sei er nach Spanien gereist. Auf dem Hinflug habe er für die Einreise eine App ausgefüllt, zurück nach Deutschland habe er ein Papier ausgefüllt. Er habe dann die Stewardess gefragt, was mit dem Formular geschehe. Sie beschied ihm, dass es in ein Kuvert komme, dann abgelegt werde und "dann schauen wir mal". "Da habe ich mich wirklich geschämt", sagt Berg. Leider kann er viele solche Erlebnisse erzählen. Die Gründe: Föderalismus, "erstaunliche Wissenslücken" von Politikern in Sachen Digitalisierung, der Datenschutz. Das wirklich Traurige ist, dass Berg diese Missstände seit Jahren beklagt.

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