Existenzgründung:Die Pandemie als Innovationsmotor

Existenzgründung: Trotz oder wegen Corona? Im IT-Bereich haben viele Menschen den Schritt in die Selbständigkeit gewagt.

Trotz oder wegen Corona? Im IT-Bereich haben viele Menschen den Schritt in die Selbständigkeit gewagt.

(Foto: Maskot/mauritius images)

Trotz der Corona-Krise gab es deutschlandweit überraschend viele Neugründungen. Staatliche Wirtschaftshilfen spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Von Christiane Kaiser-Neubauer

Deutschland ist nicht als Dorado für Start-ups bekannt. Seit Jahren beklagen Entrepreneure und Investoren die schwierigen Rahmenbedingungen für nachhaltigen Unternehmenserfolg. Umso mehr verwundert der Blick auf die Gründungen im Krisenjahr 2020. "In jenen Sektoren, die von den Lockdowns unmittelbar betroffen waren, gab es im Vorjahr schon einen relativ starken Einbruch. Aber insgesamt wurde das Gründungsgeschehen in Deutschland durch die Pandemie gar nicht so stark beeinflusst. Das hat mich doch sehr überrascht", sagt Georg Licht, Leiter des Forschungsbereichs Innovationsökonomik und Unternehmensdynamik am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Viele Start-ups hatten in der Krise schon Lösungen parat

Laut aktueller ZEW-Analyse haben die Gründungen 2020 mit 165 000 Firmen de facto den Stand von 2019 erreicht. Die Statistik weist ein kleines Minus von 0,3 Prozent aus und basiert auf Daten von Creditreform zu eintragungspflichtigen Firmen im Handelsregister und nicht eintragungspflichtigen Betrieben. Nebenerwerbsgründungen sind nicht inbegriffen.

Die Pandemie offenbarte digitale Angebotslücken, Ineffizienzen und die Anfälligkeit der Lieferketten. Start-ups hatten dafür die passenden Lösungen - teils schon in der Schublade - parat. "Gründungen werden immer auch aufgrund bestimmter Umstände geboren, und diese hat die Pandemie Gründungswilligen in bestimmten Bereichen absolut geboten. Etwa im Zuge des veränderten Konsumentenverhaltens, eines neuen Marktumfelds oder aufgrund von Jobverlust", sagt Nadine Schlömer-Laufen, Projektleiterin am Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn.

Von Corona und der steigenden Nachfrage nach Medizinprodukten profitierten insbesondere neue Pharmaunternehmen, was den Aufwärtstrend der Branche verstärkte. Einen starken Zuwachs an neuen Firmen verzeichnete mit einem Plus von 31 Prozent der boomende Software- und Games-Markt sowie mit einer Zunahme um 25 Prozent der Versand- und Internethandel. Zuwächse gab es zudem bei Anbietern von Informations- und Kommunikationsgeräten und IT-Dienstleistern.

Entscheidend dazu beigetragen, dass die Zahl der Gründungen 2020 nicht einbrach, haben staatliche Wirtschaftshilfen, die erweiterte Kurzarbeiterregelung sowie die zeitweise Aussetzung der Insolvenzantragspflicht. "Im zweiten Halbjahr sind natürlich bei jenen Firmen Liquiditätsprobleme aufgetreten, die wegen der Covid-Beschränkungen keine Geschäfte mehr machen durften. Allerdings haben diese Unternehmen wiederum massiv von den Unterstützungen profitiert und konnten somit beispielsweise ihre Arbeitskosten deutlich senken", sagt Licht.

Dass externe Schocks ein besonderer Nährboden für erfolgreiche Digital-Unternehmen sind, zeigt der Blick zurück, als Firmen wie Airbnb, Whatsapp und Uber mitten in der Finanzkrise an den Start gingen. Das IfM hat Gründungen der Jahre 2008/09 analysiert und die beschleunigende Wirkung von Krisen auf Gründungsprozesse belegt. So dauerte der Gründungsprozess durchschnittlich zehn Monate kürzer, wenn die Idee dafür in den Jahren 2008 und 2009 aufkam. "Diese Krisen-Gründer haben einfach alles auf eine Karte gesetzt und ihre Gelegenheit genutzt", sagt Schlömer-Laufen.

Covid-19 führte auch in der Wissenschaft zu vielen Neugründungen

Dies könnte auch in der Corona-Pandemie gelten. So wie im Vorjahr Niao Wu, Gründerin der Onyo GmbH, die in dem Home-Office-Trend ihre Chance erkannte. Die Mitarbeiterin einer Beratungsfirma kündigte ihren Job und bietet Arbeitgebern fortan Büroausstattungen für ihre Mitarbeiter im Home-Office via Leasing-Portal an.

Auch in der Wissenschaft war Covid-19 Treiber der Selbständigkeit. Jeder dritte Gründungsinteressierte hat laut IfM-Studie neue Geschäftsmöglichkeiten für sich entdeckt. "Wenn sie ihre Erfindungen dennoch nicht kommerzialisierten, fehlte es ihnen meist an Zeit und erst an zweiter Stelle an den nötigen Finanzmitteln", so Schlömer-Laufen.

Welches Potenzial in Ausgründungen aus Universitäten steckt, bewiesen zwei heimische Firmen, die zuletzt im Zentrum des weltweiten Interesses standen: Die Impfstoffhersteller Biontech (Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität) und Curevac (Universität Tübingen). Auch diese einstigen Start-ups zeigen: Eine gute Idee allein reicht für den Erfolg nicht aus. Die Umsetzung in ein tragfähiges Geschäftsmodell und die Finanzierung sind die größten Hürden.

Angehende Unternehmer setzen besonders in der Vorgründungsphase vor allem Eigenmittel ein, laut KFW nutzen überhaupt nur 20 bis 25 Prozent aller Gründungsvorhaben externe Finanzierungen. Kommt eine echte Innovation auf den Markt, bedarf es bereits zur Forschung und Prototypherstellung teils beträchtlicher Investitionssummen und Fördermittel.

Start-ups aus dem Pharma- und IT-Sektor erhalten derzeit deutlich mehr Geld von Risikofinanzierern

Die hohe Verunsicherung im ersten Halbjahr 2020 hat die Kapitalsuche besonders für völlig neue Geschäftsmodelle erschwert, die traditionell von Risikokapitalgebern finanziert werden. "Im Hinblick auf andere Finanzierungskanäle wie Banken konnte in 2020 keine zusätzliche Zurückhaltung festgestellt werden. Ebenso zeigte die Einschätzung des Finanzierungsumfeldes durch die Gründer selbst insgesamt keine weitere Verschlechterung", sagt Licht.

Getrieben durch die Pandemie stecken große Risikofinanzierer deutlich mehr Geld in Start-ups aus dem Biotech-, Gesundheits- und Pharmasektor sowie in digitale Geschäftsmodelle. Von diesem internationalen Trend konnten laut KPMG-Studie auch deutsche Start-ups profitieren, insbesondere am Standort Berlin. Jungunternehmen in der Hauptstadt erhielten im Vorjahr eine Finanzspritze von rund vier Milliarden Dollar - fast 50 Prozent mehr als 2019. Das sind Summen, von denen die breite Mehrheit der Gründer als Kleinunternehmen im Dienstleistungssektor nichts abbekommt.

Durch die Firmengründungen stieg der Unternehmensbestand 2020 auf knapp 3,3 Millionen leicht an. Denn das Krisenjahr brachte - wider Erwarten - auch keine Ausschläge bei Betriebsschließungen und Insolvenzen. Die Zahl der Pleiten reduzierte sich um 15,5 Prozent und markierte damit den bislang tiefsten Stand seit Bestehen der Insolvenzordnung 1999. ZEW-Experte Licht hätte auf Grund der ökonomischen Lage im vergangenen Jahr 15 000 Insolvenzen mehr erwartet. "Ich gehe davon aus, dass sich die Pandemiekrise - wie auch bei früheren Krisen - zeitverzögert niederschlägt", so Licht. Nach dem Auslaufen der staatlichen Hilfen stehen damit Tausenden Jungunternehmern entscheidende Wochen und Monate bevor.

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