Kommentar:Zu lange zu viel Stress

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Coronavirus - Schweiz

Die Arbeit zu Hause ist für viele Menschen eine Belastung. Zwischen Home und Office verschwinden die Grenzen.

(Foto: Christian Beutler/dpa)

Pandemie-Burn-out ist ein Massenphänomen. Es ist Zeit, dass die Verursacher etwas dagegen tun - die Arbeitgeber. Weg mit den Dividenden, her mit Kuren für alle.

Von Kathrin Werner

Es war ein langer Winter. Vielleicht begann er schon im März 2020, als die Kitas und Schulen schlossen und man nachts noch am Küchentisch arbeitete, weil tagsüber keine Ruhe war. Vielleicht begann er, als die deutsche Selbstzufriedenheit von der zweiten Welle weggespült wurde. Man weiß es nicht mehr. Auf die Erinnerung ist kein Verlass in dieser überfordernden Zeit.

Wer so fühlt, so ausgelaugt von Arbeit, Kinderbetreuung, Politikverdrossenheit und einer endlosen Erschöpfung, hat vielleicht ein Leiden, das Psychologen "Pandemie-Burn-out" nennen. Es handelt sich um ein Massenphänomen, ausgelöst vom gesamtgesellschaftlichen Hoffnungsschwund, vom ständigen Abwägen zwischen den verschiedenen Übeln, vom Hin- und Herwechseln zwischen Rollen bei der Arbeit, im Freundeskreis und in der Familie, denen man nie gerecht wird. Bei manchen von Geldsorgen und Krankheit. Und bei vielen auch von Überarbeitung. Kurzum: zu lange zu viel Stress.

Die Wall-Street-Banken, Experten in Sachen Überarbeitung, versuchen jetzt, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Geschenken zu trösten: Hier gibt es eine Apple Watch oder ein Peloton-Trainingsfahrrad, da einen Zoom-freien Freitag. Andere Unternehmen bieten kostenlose Online-Yogakurse oder Webinare zu Entspannungstechniken in der Mittagspause an.

Gegen Überlastung hilft nur eins: weniger Last

Doch im Grunde ist das alles nichts als Hohn. Pandemie-Burn-out lässt sich nicht durch ein paar Goodies heilen oder durch Achtsamkeit wegmeditieren. Natürlich kann es nichts schaden, ein bisschen Yoga zu machen und an Selbstorganisation und Selbstliebe zu arbeiten. Doch es ist falsch, den Fehler bei den Ausgebrannten selbst zu suchen. Gegen Überlastung hilft nur eins: weniger Last. Dafür zu sorgen ist nicht die Aufgabe von denjenigen, die die Last tragen, sondern derjenigen, die sie verteilen. Also vor allem der Arbeitgeber. Und die sollten diese Pflicht ernst nehmen, ernster als bislang.

Mehr als ein Jahr nach dem Anfang und gefühlt hundert Jahre vor dem Ende der Pandemie ist es Zeit, die Erwartungen herunterzuschrauben. Weg mit der Kultur, die der 80-Stunden-Woche einen Hauch von Coolness verleiht. Weg mit den überflüssigen Meetings. Vorgesetzte sollten nicht mehr verlangen, dass jede E-Mail prompt beantwortet wird und Mitarbeitende auch im Home-Office zu den üblichen Arbeitszeiten am Schreibtisch sitzen. Wenn Eltern bei Videokonferenzen ein Kind auf dem Schoß haben, dann ist das eben so. Unternehmen, die trotz Kurzarbeit vollen Arbeitseinsatz verlangen, sollten sich schämen. Wer freie Tage braucht, muss sie bekommen, und zwar ohne große Erklärung. Und wenn jemand Yoga machen will, dann gerne auch während der Arbeitszeit.

Kommentar: Illustration: Bernd Schifferdecker

Illustration: Bernd Schifferdecker

Wo die Arbeit zu viel ist, müssen neue Stellen geschaffen werden. Auch ein ordentlicher Corona-Bonus ist fällig - je geringer das Gehalt, desto höher. Natürlich sinkt die Belastung nicht, wenn für zu viel Arbeit mehr gezahlt wird. Doch Geld ist ein Zeichen von Wertschätzung. Wer den Spruch, das Team sei "das wichtigste Kapital", ernst nimmt, sollte dieses Jahr keine Dividende ausschütten oder Aktien zurückkaufen und stattdessen in die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter investieren. Und wenn die Pandemie vorbei ist, kommt die Erholungskur für alle. Es braucht kreative und empathische Manager und Managerinnen, die auch abseitige Ideen haben, die ihren Leuten wirklich helfen.

All das ist teuer und radikal. Doch das Investment würde sich lohnen, schließlich kosten nicht engagierte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen die deutsche Wirtschaft laut Gallup-Schätzung zwischen 96 und 114 Milliarden Euro pro Jahr. Es ist Zeit, dass die Ausgebrannten mehr fordern, denn große Krisen sind die Zeit für große Umbrüche.

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