Palladium Warum Diebe jetzt plötzlich Abgasreiniger stehlen

Ein Großteil der Palladiumproduktion kommt aus Russland. Dort hält Oligarch Wladimir Potanin den Nachschub knapp.

(Foto: REUTERS)
  • Die Feinunze Palladium ist erstmals seit 2002 teurer als Gold.
  • Das Industriemetall ist unter anderem in Katalysatoren verbaut.
  • Der Preisanstieg ist einerseits auf einen russichen Oligarchen zurückzuführen - und auf die Tricksereien der Autokonzerne.
Von Victor Gojdka

Es geschah am helllichten Tag, mitten auf der engen Londoner St. Bernard's Road, zwischen klinkerfarbenen englischen Reihenhäusern. Ein hagerer Mann, schwarzer Schal, dunkelblauer Kapuzenpulli, öffnet seine Autotür, schaltet die Warnblinker an und schwingt sich unter den weinroten Wagen auf dem Parkstreifen neben ihm. Ein paar Handgriffe, kaum 20 Sekunden - so zeigt es ein Video - und der Dieb hat erbeutet, was unter Kriminellen aktuell höher im Kurs steht als Goldschmuck: einen Abgasreiniger.

Nun sind Abgasreiniger nicht gerade für ihre Schönheit bekannt. Wer noch nie unter sein Auto geschaut hat: Sie sehen aus wie ein graues, meist verdrecktes Achteck mit zwei Metallrohren am Ende. Nicht gerade das, was sich beim Juwelier um die Ecke versilbern ließe. Doch fünf Gramm des Industriemetalls Palladium, die sich im Abgasreiniger verbergen, lassen Diebe momentan ganz verrückt nach den Katalysatoren werden. Denn eine Feinunze Palladium ist nun erstmals seit 2002 teurer als Gold, mit aktuell 1401 Dollar je Unze sogar fast 90 Dollar teurer. Was ist da los auf dem Rohstoffmarkt?

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Der Grund für den Höhenflug des Metalls ist eindeutig: es gibt schlicht zu wenig Palladium. Laut Schätzungen der Citibank fehlten dem Weltmarkt im vergangenen Jahr allein 600 000 Unzen des silbrig schimmernden Metalls. Das liegt vor allem daran, dass der russische Oligarch Wladimir Potanin auf mehr als 40 Prozent der Produktion sitzt und kurzfristig wenig Anstalten macht, mehr Palladium abzubauen. Langfristig will Potanins Unternehmen Norilsk Nickel 25 Prozent mehr Industriemetalle abbauen. Aber langfristig heißt eben: bis 2025. Und nicht jetzt.

Außerdem spielt der Abgasskandal in den Höhenflug des Preises mit hinein. Das mag kurios wirken, denn zuletzt kamen aus den USA und China sinkende Absatzzahlen für Autos. Das Edelmetall jedoch profitiert indirekt von den Tricksereien der Autokonzerne. "Die Dieselkrise trieb die Nachfrage nach Benzinautos, für deren Katalysatoren Palladium benötigt wird", sagt Rohtsoffexperte Martin Siegel von der Fondsgesellschaft Stabilitas. Klassischerweise werden Benziner mit Palladium gereinigt, Diesel allerdings mit Platin. Weil viele Autofahrer umsteigen und Abgasvorschriften immer strenger werden, steht Palladium nun höher im Kurs. Buchstäblich.

Dass die Preise des Metalls jedoch noch höher steigen, ist unwahrscheinlich. Seit einigen Tagen sinken die Notierungen bereits wieder. "Wir glauben, dass die Knappheit im Markt ist inzwischen mehr als eingepreist ist", sagt Carsten Menke von der Schweizer Bank Julius Bär. Auch die britischen Diebe dürften also bald schon wieder überlegen, umzusteigen.

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