Paket-Zusteller:Amazon attackiert die Post

Amazon 'click & collect' lockers at Finchley Central underground station, London

Amazon-Schließfach in London: Auch in Deutschland macht der Konzern mit eigenen Boxen den DHL-Packstationen Konkurrenz.

(Foto: Alamy/mauritius images)
  • Amazon verschickt Millionen Sendungen pro Monat. Das ist für Paketdienste wie DHL ein lukra­tives Geschäft.
  • Doch Schritt für Schritt baut der Internet-Händler eine eigene Logistik auf.
  • Gewerk­schaf­ten fürchten um die Arbeitsbedingungen der Boten.

Von Michael Kläsgen und Benedikt Müller, Düsseldorf

Die Zettel im Briefkasten sehen anders aus als die Kärtchen von DHL oder Hermes, an die man sich schon gewöhnt hat: "Wir haben Sie verpasst", steht dort auf orangenem Grund. Auf dem Briefkopf prangt das Logo "Amazon Logistics". So sieht es aus, wenn der US-Konzern hierzulande selbst Pakete in die Häuser zustellen lässt. Doch der Eindruck täuscht: Amazon hat keinen einzigen Paketboten angestellt. Der Versandhändler kooperiert in etwa 20 Städten mit insgesamt 35 kleinen und mittelständischen Unternehmen wie Interkep und DHS. Sie stellen die Pakete im Namen von Amazon zu.

Mithin übergeht der Konzern etablierte Paketdienste wie DHL, Hermes oder DPD. Offiziell, "weil die Kapazitäten der großen Partner nicht ausreichen". Manager der Paketdienste und Gewerkschafter zeigen sich dennoch besorgt: Wächst da eine neue Billigkonkurrenz heran? Die Arbeitsbedingungen vieler Paketboten sind bereits prekär. Wird jetzt alles noch schlimmer?

Amazon sagt, man folge eigenen Standards bei der Auswahl der Logistikpartner: 95 Prozent der Mitarbeiter müssen fest angestellt sein, der Stundenlohn muss bei mindestens zehn Euro liegen, und bezahlt wird nach Zeit und nicht pro Paket. Wobei sie teils auch mehr zahlen müssen: "In München kriegen Sie keinen Fahrer für unter zwölf Euro", sagt Sebastian Haßler, Geschäftsführer von Interkep.

Amazon greift auf Firmen wie Interkep zurück, um unabhängiger von den großen Paketdiensten zu werden. In den vergangenen drei Jahren hat Amazon bundesweit acht Verteilzentren in Betrieb genommen. Damit legte der Konzern die Grundlage, um die Zustellung bis in die Häuser selbst zu übernehmen. In den USA kündigte Amazon im Februar an, einen eigenen Lieferdienst starten zu wollen. Die Aktien von UPS und Fedex brachen daraufhin ein.

Aufgrund seiner schieren Größe sitzt Amazon am längeren Hebel

Auch hierzulande beunruhigen Amazons Ambitionen die etablierten Paketdienste. Amazon hat der Post und ihren Konkurrenten in den vergangenen Jahren niedrigere Sonderpreise für seine Millionen Sendungen abgetrotzt. Doch nun steigen die Personal- und Transportkosten der Dienste. Hermes meldete für 2017 Millionenverluste und tauschte seinen Deutschlandchef aus. Die Deutsche Post mit ihrer Tochter DHL hat Anfang Juni die Gewinnprognose für das laufende Jahr um eine Milliarde Euro nach unten korrigiert, da ihr die Kosten im Stammgeschäft entgleiten. Der langjährige Brief- und Paketvorstand Jürgen Gerdes musste gehen. Und das, obwohl die Branche boomt: Die Post erwartet, dass der Paketmarkt Jahr für Jahr um fünf bis sieben Prozent wachsen wird. Das Problem: Fortan könnten nicht DHL, sondern Amazon Logistics und seine Partner am meisten davon profitieren.

Noch stehe Amazon für gut 17 Prozent des DHL-Paketaufkommens, zitiert das Handelsblatt aus einem Vorstandspapier von Mitte 2017. Doch schon in vier Jahren könnte Amazon Logistics derart gewachsen seien, dass die Post nur noch doppelt so viele Pakete austrägt wie Amazon selbst, heißt es in dem Papier. In dem Fall gingen der Post eingeplante Gewinne von 115 Millionen Euro pro Jahr verloren. Der Konzern kommentiert die Zahlen nicht.

Verdi beobachtet Amazons eigene Zustellung

Nach außen gibt sich die Post gelassen. "DHL Paket ist und bleibt ein wesentlicher Erfolgsfaktor des E-Commerce-Wachstums in Deutschland", sagt Paketchef Achim Dünnwald. Man bringe alles mit, um der bevorzugte Partner großer Konzerne, mittelständischer Unternehmen und kleiner Anbieter zu sein. "Das gilt natürlich auch für Amazon", sagt Dünnwald.

Doch aufgrund seiner schieren Größe sitzt Amazon am längeren Hebel: Welcher Paketdienst welche Sendungen zustellt, entscheidet der Konzern nach eigenen Angaben von Monat zu Monat oder auch von Tag zu Tag. Das hänge von der Menge der Pakete, den vorhandenen Kapazitäten der Paketdienste, deren regionaler Nähe - und natürlich vom Preis ab. DHL und Hermes berechnen Großkunden wie Amazon deutlich weniger als jene vier bis zehn Euro, die ein Privatkunde pro Sendung bezahlen muss. Die Post gewährt bereits Sonderkonditionen für Kunden, die mehr als 10 000 Pakete pro Jahr verschicken. Nach der Gewinnwarnung will der Konzern nun höhere Preise durchsetzen, wenn er Verträge verlängert oder neu abschließt.

Ziel von Amazon bleibt indes, selbständiger zu werden. Kürzlich gründete der Konzern vier regionale Transportgesellschaften. Zudem baut er eigene Schließschränke in die Nähe von Tankstellen, Bahnhöfen oder Supermärkten. Die grauen "Amazon Locker" machen den gelben Packstationen von DHL Konkurrenz. In München und Berlin experimentiert Amazon zudem mit Freiberuflern, die mit ihren eigenen Fahrzeugen Sendungen ausfahren - gegen ein Honorar von 16 Euro pro Stunde. Allerdings sei die Zahl der "Amazon Flex"-Boten in beiden Städten nur zweistellig und damit sehr gering, heißt es von dem Konzern.

"Nur mit fest angestellten Zustellerinnen"

Selbständige Hilfskräfte und keine fest angestellten Boten: Die Gewerkschaft Verdi beäugt Amazons eigene Zustellung bis an die Wohnungstür kritisch. "Wir sind überzeugt davon, dass eine dauerhaft zuverlässige Dienstleistung nur mit fest angestellten Zustellerinnen und Zustellern, wie sie Deutsche Post AG hat, erbracht werden kann", sagt Sigrun Rauch vom Verdi-Bundesvorstand. Zwar sind auch bei der Post viele Zusteller zunächst nur befristet beschäftigt. Zudem stellt der Konzern zusätzliche Paketboten seit drei Jahren nur noch in sogenannten "DHL Delivery"-Gesellschaften an. Dort erhalten sie aber immerhin Tariflöhne der Speditions- und Logistikbranche und sind fest bei einem mitbestimmten Konzern angestellt.

Der Post bleibt als Wettbewerbsvorteil die Verbundzustellung: In ländlichen Gebieten trägt ein und derselbe Bote Briefe und Pakete aus. So verteilen sich die Kosten für Personal und Transport auf beide Bereiche. Und dass Amazon auch auf dem Land eine eigene Zustellung bis in die Häuser aufbauen könnte, daran glauben nicht mal die pessimistischsten Post-Manager.

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