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Osram:Viel Licht, viel Schatten

Kuppel des Petersdoms in Rom

In neuem Glanz: Der Petersdom samt Kuppel wird nun mit Osram-Leuchtmitteln angestrahlt.

(Foto: Andreas Solaro/AFP/Getty Images)

Osram hat den Petersdom in Rom mit LED-Lampen ausgestattet - ein riesiges Projekt. Doch zu Hause gibt es Probleme: Der Konzern muss sich ständig verändern, um zu überleben.

Der Manager aus Deutschland wartet in der Audienzhalle Paul VI des Vatikans. Es ist Freitag kurz vor 19 Uhr, er marschiert schon ein bisschen unruhig auf und ab, da kommen sie langsam den Saal hoch. Kardinal Giuseppe Bertello, eine Art Regierungschef des Vatikans, und Kurienkardinal Angelo Comastri treffen nun den Manager Olaf Berlien, Chef des im MDax notierten Lichtkonzerns Osram. Zwei ältere Herren in Purpur und der Jüngere im dunkelblauen Anzug und weißen Hemd. Zwei Eminenzen und ein Vorstandschef.

Es ist ein großer Abend für den Vatikan, und auch für Osram. 100 000 Leuchtdioden haben die Münchner im Petersdom installiert, jetzt erstrahlt jedes Seitenschiff, jedes Deckenfresko, jeder Quadratmeter Stuck, jeder Engel in neuem Licht. Kardinal Comastri zitiert Goethes angeblich letzte Worte, "mehr Licht", und er sagt: "Der Mensch kann nicht ohne Licht leben." Kardinal Bertello dankt dem "Presidente della Osram", und Berlien sitzt daneben und hört andächtig zu. Der Manager genießt die Rolle des Chefbeleuchters im Vatikan: Hier in Rom ist er der Mann, der mit seinem Unternehmen in den vergangenen Jahren schon die Sixtinische Kapelle, den Petersplatz und die Stanzen des Raffael ausgeleuchtet hat. Der Mann, der Licht in die Dunkelheit bringt.

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Zu Hause in München ist das etwas anders. Da ist er gerade der Mann, dessen Aufgabe es ist, sein Unternehmen in immer schwierigeren Zeiten zusammenzuhalten. Mitte der Woche musste Osram unter anderem wegen schwächerer Geschäfte mit Großkunden aus der Automobil- und Smartphone-Industrie einen Umsatzeinbruch im ersten Quartal um 15 Prozent auf 828 Millionen Euro bekannt geben. Am Donnerstag dann teilte Osram mit, dass 300 Jobs bei der Halbleiter-Tochter Opto Semiconductors in Regensburg abgebaut werden. Die letzten 240 Zeitarbeiter dort: auch weg. Osram und der sehr alte Vatikan könnten zurzeit also kaum verschiedener sein: Der deutsche Konzern muss sich ständig verändern, um zu überleben. Bei dem kleinen Stadtstaat dagegen gehören Disruption und schnelle Veränderung eher nicht zum Geschäftsmodell. Und so steht Berlien im Zentrum der ewigen Stadt, während zu Hause in der Konzernzentrale der früheren Siemens-Tochter wieder einmal die Zukunft verhandelt wird.

Am Freitagnachmittag vor der großen Einweihung im Petersdom sitzt Olaf Berlien vor einem Tässchen Espresso und sagt: "Dass Sie zeitweise zu viele Mitarbeiter im Unternehmen haben, ist der normale Gang der Dinge. Auf dieser Reise in die Zukunft werden wahrscheinlich nicht alle dabei sein können. Was wir aber machen können, ist, den Leuten zu erklären, wofür Osram steht." Gute Frage: Wofür steht dieser 112 Jahre alte Lichtkonzern heute eigentlich? Berlien sagt, dass Osram auf dem Weg hin zu einem "Photonik-Champion" sei. Es geht um Sensoren und High-Tech-Lösungen für so unterschiedliche Dinge wie autonomes Fahren oder die Zucht von Pflanzen.

Dafür aber muss sich vieles verändern. Zuerst hatte Osram sein traditionelles Lampengeschäft unter dem Namen Ledvance an chinesische Investoren verkauft. Es war einer der ganz großen Brüche in der über 100-jährigen Geschichte der Firma. Mit seinen Glühbirnen war Osram ja erst zu dem geworden, was es jahrzehntelang war. Als die Autoindustrie in den vergangenen Jahren von Rekord zu Rekord fuhr, war bei Osram klar: Das Geschäft mit der Autobeleuchtung ist die Zukunft. Jetzt, wo auch die Autohersteller nicht mehr ganz so glänzen, bekommt auch Osram das zu spüren. Einerseits will man sich nun unabhängiger machen von Autos, gleichzeitig das Geschäft ausbauen. "Beim unsichtbaren Licht, also Infrarotlicht zum Beispiel für Assistenzsysteme in Autos, sind wir Weltmarktführer", sagt Berlien. "Gut möglich auch, dass wir hier ein Unternehmen dazukaufen, um das auch zu bleiben." Der Osram-Chef weiß jedoch: Das Geschäft mit den Autoherstellern ist komplett anders als das, was man jahrzehntelang gemacht hat: Glühbirnen an alle zu verkaufen.

Anfang Januar warnte Berlien in der Augsburger Allgemeinen vor "dunklen Wolken für 2019", die er "am Horizont aufziehen" sehe. Schon im vergangenen Jahr hatte Osram zweimal seine Prognosen gesenkt und sein Ziel, bis zum Jahr 2020 einen Umsatz von fünf Milliarden Euro zu machen, kassiert. Irgendwie hängen sie seitdem fest, die dunklen Wolken.

Am Freitagabend sind diese Wolken zumindest für einen Moment weg. Da führt Berlien in ein Seitenschiff des Petersdoms, zeigt auf die Engel hoch oben in der Deckenmalerei und berichtet von einem ganz persönlichen Erweckungserlebnis. "Sehen Sie, hier, an dieser Stelle habe ich beschlossen, dass wir den Auftrag für die Beleuchtung des Petersdoms wollen. Damit die Menschen diese jahrhundertealten Bilder endlich wieder sehen können." Es gibt Momente im Leben, da möchte man sich nur mit den schönen Dingen beschäftigen.

Und nicht mit Gewinnwarnungen, Investorengesprächen und Börsengerüchten. Aber so ist der Alltag eines Osram-Chefs, da geht es nicht immer nur um Engel an der Wand. Alte Geschäfte werden verkauft, nach Ledvance nun auch die US-Servicesparte Sylvania Lighting und bald auch die Lampentochter Siteco. So wird Osram immer kleiner, auch der Kurs der Aktie schrumpft. Wenn ein Konzern aber billiger wird, zieht das die Firmenjäger an. Finanzinvestoren wie Bain Capital, Carlyle oder CVC sollen sich Osram schon genauer angesehen haben. Und auch mit chinesischen Interessenten soll man gesprochen haben. Berlien sagte vor einiger Zeit im SZ-Interview, dass er sich einen großen "Ankeraktionär" wünsche. Einen netten Investor also, der hinter den Strategien des Vorstands steht und einen begleitet. Ankeraktionär, das klingt nach Sicherheit, nach einem ruhigen Stellplatz im Hafen bei unruhiger See. Solche Geschichten können aber auch anders laufen. Es könnte auch sein, dass da keiner kommt, um zu ankern, sondern um zu übernehmen und zu filetieren. "Ein Unternehmen, das an der Börse ist, muss damit leben, dass es immer das Risiko einer Übernahmeofferte gibt", sagt Berlien dazu. "Wer da Angst hat, ist in einem solchen Unternehmen falsch aufgehoben." Erst in der vergangenen Woche habe er bei einer Investorenkonferenz in New York "mit mindestens 50 Investoren gesprochen". Allerdings nicht, um sein Unternehmen abzugeben. "Osram steht heute nicht zum Verkauf. Deshalb gibt es auch keinen Verkaufsprozess."

Nach seiner römischen Reise muss Berlien wieder zurück nach Deutschland. Es gibt viel Arbeit und noch mehr offene Fragen. Aber vorher öffnen sich erst einmal die Pforten des Petersdoms. Die große Inszenierung beginnt am Abend. Hunderte strömen in die Kirche. Ein gigantisches Kirchenschiff im Halbdunkel, ein Chor singt, und langsam dimmen die Osram-Leuchten hoch. Dann ist es hell im Petersdom. Einige Römer gehen auf Berlien zu und sagen "Grazie". Der lächelt. Ja, heute ist sein Tag.

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