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"Orakel von Omaha":Warren Buffett geißelt Managerkaste

Seit 1965 ist er gleichermaßen beliebt wie gefürchtet - der alljährliche offene Brief von Warren Buffett an die Aktionäre seines Mischkonzerns Berkshire Hathaway. Dieses Jahr rechnet der zweitreichste Mann der Welt vor allem mit der amerikanischen Regierung und dem Management ab.

Warren Buffett, eigenen Äußerungen nach ein ganz normaler Amerikaner mit dicker Hornbrille und geringen Ansprüchen, gilt in Finanzkreisen als das größte Anlagengenie, welches es je gegeben hat. Sein Credo lautete stets: "Investiere nur in Dinge, mit denen Du Dich auskennst." Diese konservative Ausrichtung ließ ihn bei IT- und Internet-Anlagen gegen Ende der 90'er Jahre, als dort sonst alle Welt investierte, zögern.

Nun keine Häme mehr

Das hat ihm damals Spott und Häme eingetragen - jetzt, Jahre später, wird er wieder gepriesen als der Weise vom Berge, ist er wieder das "Orakel von Omaha", sein Spitzname von Alters her, der viele finanztechnische Entwicklungen voraussieht und mit seiner fabelhaften Anleger-Nase zum zweitreichsten Mann der Welt geworden ist. Selbst der Abstand zu Bill Gates ist im letzten Jahr gering geworden - er beträgt "nur noch" wenige Milliarden Dollar.

Verständlich, dass seinem Brief an die Aktionäre seines Unternehmens Berkshire Hathaway dieses Jahr wieder erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Buffett, der seine Äußerungen immer in allgemeinverständliche, einfache Worte verpackt (inoffiziell ist es ein Brief an seine Schwestern in Nebraska), ist dieses Mal 21 Seiten und mehr als 12.000 Worte lang. Es geht im Kern um zwei Themen: um die seiner Ansicht nach verfehlte Steuerpolitik der Regierung Bush. Und um das Benehmen sowie die Gehaltshöhe amerikanischer Topmanager - deutsche Politiker und Konzernleiter dürfen sich aber vermutlich auch gerne angesprochen fühlen.

Offener Klassenkampf

Buffett spricht in seinem Brief von einem Klassenkampf der unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten - auf der einen Seite die Vielverdiener und Großkonzerne, denen durch zahllose Schlupflöcher in der Steuergesetzgebung massive Geschenke gemacht würden, auf der anderen Seite die Mittel- und Geringverdiener, denen nichts anderes übrig bliebe, als klaglos und schlupflochfrei zu zahlen. Sein eigenes Unternehmen nimmt er dabei aus. Berkshire Hathaway habe in 2003 3,3 Milliarden Dollar Steuern gezahlt und gehöre "damit fast mit Sicherheit zu den zehn größten Steuerzahlern der USA".

An den amerikanischen Managern (vor allem an den Fondmanagern von Inverstmentgesellschaften) lässt Buffett nur wenig gute Haare - ihnen ginge es vor allem um die eigene Bereicherung und erst an zweiter Stelle um das Wohl des Unternehmens und seiner Aktionäre. Er forderte daher Unternehmensvorstände und Fondsgesellschaften zugleich auf, "wirklich unabhängige Chefs" auszusuchen, die sich um die Interessen der Aktionäre kümmerten.

Das Problem der Gehälter

Mit als die wichtigsten Aufgaben eines Unternehmenschefs nannte Buffett, ehrliche Mitarbeiter einzustellen, die auf angemessene Weise bezahlt würden. Wenn es aber um die Bezahlung der CEOs gehe, scheiterten viele Vorstände. "Bei der Beurteilung, ob es amerikanischen Unternehmen ernst ist, sich zu reformieren, bleiben die CEO-Bezüge eine Nagelprobe. Bis heute sind die Ergebnisse nicht ermutigend."

Buffett griff dabei auch die Praxis hoher Abfindungen selbst für gescheiterte Topmanager an. Dabei werde oft kein Unterschied gemacht, ob 100.000 oder 500.000 Aktien verteilt würden, schrieb der 73-Jährige.

Im Herbst hat die New Yorker Staatsanwaltschaft vier Fondgesellschaften wegen Betrugs an ihren Kunden und illegaler Handelspraktiken durchsuchen lassen. Unternehmenschef wurden zudem wiederholt für ihre hohen Bezüge kritisiert. Richard Grasso, der Chef der New York Stock Exchange (NYSE) musste im September zurücktreten, nachdem er wegen seiner Bezüge in Höhe von 188 Millionen Dollar massiv unter Druck geraten war.

"Ich halte jetzt nur Volksreden, weil durch die eklatanten Verstöße, die vorgefallen sind, das Vertrauen von vielen Millionen Aktionären missbraucht wurde", hieß es in dem Schreiben Buffetts weiter. "Hunderte von Eingeweihten wussten, was passiert, und niemand hat ein Wort gesagt. Erst mit (dem New Yorker Generalstaatsanwalt) Eliot Spitzer hat das Aufräumen begonnen."

Integrer Buffett

Buffett darf sich seine Kritik erlauben. Für seine Integrität und seinen bescheidenen Lebensstil ist er berühmt. Letztes Jahr ließ er sich 100.000 Dollar als Grundgehalt und weitere 300.000 Dollar als Leistungsprämie von Berkshire Hathaway überweisen. Noch heute lebt er in dem grauen Stuckhaus in Omaha, welches er sich 1956 für 31.000 Dollar kaufte. Sein Vermögen allerdings wird auf 42,9 Milliarden Dollar (35,2 Mrd. Euro) geschätzt.

Übrigens: Finanzanlagetipps gab es diesmal kaum welche vom großen Meister - Buffett tut sich zur Zeit schwer, noch Aktien zu finden, die unterbewertet sind. Das liquide Vermögen von Berkshire Hathaway hat sich demzufolge im letzten Jahr verdreifacht; in 2003 besaß seine Holding noch 10,28 Milliarden Dollar, inzwischen sitzt sie auf einer Reserve von über 31,26 Milliarden. Aber Buffett weiß dem auch etwas Gutes abzugewinnen: "Es ist schmerzlich, auf so viel Geld zu sitzen, aber noch schmerzlicher ist es, etwas Dummes damit anzustellen." Wohl wahr ...