Opel Mit der Brechstange

Bei der Opel-Mutter PSA wirft man der IG Metall "Realitätsverlust" vor. Nach der Betriebsversammlung verschärft sich der Konflikt.

Von Max Hägler und Leo Klimm, München / Paris

Was soll schlimm sein an dieser Extra-Million für Carlos Tavares? Die üppige Prämie für den Chef des französischen PSA-Konzerns soll nächste Woche von der Hauptversammlung beschlossen werden - als Belohnung dafür, dass er 2017 sofort nach der Übernahme von Opel für einen Sanierungsplan bei der verlustreichen deutschen Marke gesorgt hat: "Der Aufsichtsrat hat Tavares einen Anreiz gegeben, damit er an dem Plan mitarbeitet. Es ist keine Zeit zu verlieren, die Lage bei Opel ist ernst." So rechtfertigt ein PSA-Sprecher in Paris den Bonus. Ende der Durchsage.

Bei den Opel-Mitarbeitern und der IG Metall sieht man die Sache anders. Eher so, dass sich Tavares an den Opfern bereichert, die er den deutschen Opelanern abverlangt. Nachdem sie schon einem Abfindungsprogramm und einer Vorruhestandsregelung zugestimmt haben, werden sie von der französischen Konzernmutter und Opel-Chef Michael Lohscheller jetzt für ein Jahr zum Verzicht auf eine tarifvertraglich vereinbarte Lohnerhöhung gedrängt. Andernfalls, so die Drohung, erwarte vor allem das Werk im thüringischen Eisenach ein massiver Jobabbau.

Ein Dreivierteljahr nach der Übernahme durch den PSA-Konzern, zudem etwa die Marken Citroën und Peugeot gehören, ist damit nicht nur die wirtschaftliche Lage von Opel schlecht. Derzeit herrscht aufgrund des schlechten Absatzes in vielen Abteilungen Kurzarbeit. Auch das Klima zwischen dem Management und der Metallgewerkschaft, die keine Abweichung vom Tarifvertrag dulden will, ist in Rekordtempo am Nullpunkt angekommen.

Die gegenseitigen Vorwürfe sind heftig: "Die IG Metall zeichnet sich durch eine dogmatische Haltung aus", schimpft ein Tavares-Vertrauter. "Sie leugnen die Situation des Unternehmens."

Das hingegen bestreiten die deutschen Gewerkschafter. Natürlich müsse Opel endlich mal wieder Geld verdienen mit dem Autobau, sagen sie. Aber was in Eisenach ablaufe, das sei "Erpressung", heißt es in Gewerkschaftskreisen. Am Donnerstag hatten die Arbeitnehmervertreter zu Betriebsversammlungen gerufen und die Kürzungsideen von PSA zurückgewiesen.

Tavares und Lohscheller belohnen Standorte, die sich auf Kürzungen einlassen

So angespannt ist die Lage, dass sich sogar die sonst zurückhaltende Bundeskanzlerin einmischt. Sie erwarte von PSA, dass der Konzern alle Zusagen im Zusammenhang mit der Opel-Übernahme einhalte, so Angela Merkel. Im Umfeld von Tavares reagiert man auf diese Mahnung mit fast aufreizender Gelassenheit: "Es ist normal, dass die Kanzlerin sich um das Wohlergehen der deutschen Mitarbeiter sorgt", heißt es da. "Unser Ziel ist doch das Gleiche - deshalb strebt Tavares so schnell wie möglich eine Einigung mit der IG Metall an." Auf Merkels kaum verhohlenen Vorwurf, PSA halte sich nicht an die vom Opel-Voreigner General Motors übernommenen Bestandsgarantien, will man sich in Paris gar nicht erst einlassen.

Klar ist: Tavares setzt die deutschen Opel-Mitarbeiter unter Druck mit Zugeständnissen, die er an anderen Standorten schon erzwungen hat. Bei der britischen Schwestermarke Vauxhall und in Werken in Spanien, Österreich, Ungarn und Polen hat die Konzernleitung schon Einschnitte gesetzt, die auch Jobs kosteten. Genau diese Opel-Fabriken wurden von Tavares und Lohscheller zuletzt mit Standortgarantien und frischen Investitionen belohnt. Nur in Deutschland verweigern die Konzernlenker Investitionszusagen - solange die IG Metall keine Zugeständnisse beim Lohn macht. Doch neue Projekte sind dringend nötig, um die Zukunft der deutschen Werke zu sichern. Vor einigen Wochen beschwerte sich IG-Metall-Chef Jörg Hofmann in der französischen Presse über Tavares. Der wolle "überall mit der Brechstange durch". Man müsse ihm "die Rolle der Mitbestimmung und der Tarifverträge in Deutschland doch oft erklären".

Im Umfeld des PSA-Chefs findet man, die Haltung der deutschen Gewerkschaft grenze an Realitätsverlust. "Bei Opel kann es nicht immer weitergehen wie früher. Die alten Methoden sind mitverantwortlich für die Milliardenverluste, die das Unternehmen erlitten hat." Die Gewerkschaft gefährde mit ihrer Verweigerung Jobs.

Doch Jobkürzungen wird es sowieso geben. Die Blaupause für die harte Sanierung bei Opel hat Tavares selbst geliefert: Seit 2014, als PSA mit einer Kapitalerhöhung vor der Pleite bewahrt werden musste, baute der in Portugal gebürtige Kostenkiller mehr als 10 000 Stellen ab. Auch hier setzte er über Frühverrentungen und Abfindungen Anreize für die Mitarbeiter, das Unternehmen zu verlassen. Auch hier vermied er betriebsbedingte Kündigungen - und forderte dafür erhebliche Zugeständnisse von den Arbeitnehmerorganisationen. Die ließen das über sich ergehen. In Deutschland hat es Tavares mit der IG Metall nun allerdings mit einer weitaus mächtigeren Gewerkschaft zu tun. Auch deshalb ist der Konflikt um den Abbau bei Opel deutlich härter als das, was Tavares aus Frankreich gewohnt ist.

Der PSA-Chef verweist darauf, dass die Lohnsumme bei Opel 15,3 Prozent des Umsatzes beträgt. Arbeit ist dort damit viel teurer als in französischen Werken, wo er diesen Wert auf 10,3 Prozent gedrückt hat. Das bei Opel schon vereinbarte Abfindungsprogramm, das auf die Streichung Tausender Stellen hinausläuft, reicht ihm nicht. Denn PSA hat für Opel allein in den ersten fünf Monaten der Konzernzugehörigkeit einen Verlust von 179 Millionen Euro verbucht. Und für die Restrukturierung der deutschen Tochter musste das Unternehmen schon eine Rückstellung von 400 Millionen Euro bilden. Die eine Prämien-Million für Tavares fällt da, so gesehen, kaum mehr ins Gewicht.