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Onlinehandel:Der tägliche Wahnsinn

Delivery services expect record volume of deliveries for the holidays A FedEx worker sorts deliverie

Die Zusteller blockieren immer öfter auch die Bürgersteige, um Lieferungen zu sortieren und auf Sackkarren zu stapeln.

(Foto: Levine-Roberts/imago)

Verstopfte Straßen, Paketberge vor der Haustür und tonnenweise Verpackungsmüll: Der Trend zum Onlinehandel stößt in vielen Großstädten an Grenzen. An Lösungen wird getüftelt.

Von Claus Hulverscheidt und Jürgen Schmieder

Na, alle Weihnachtseinkäufe erledigt? Und falls ja: wie? Es gab ja mal eine Zeit - die Älteren werden sich erinnern -, da verließen die Leute in den Adventswochen ihre Häuser und machten sich auf in die Innenstädte. Sie durchstöberten kleine Läden und Einkaufszentren, stärkten sich an den Buden der Christkindlmärkte und irgendwann dann schleppten sie die heimlich erworbenen Präsente für ihre Lieben zum Auto, zum Bus oder zur U-Bahn. Heutzutage muss niemand mehr raus in die Kälte,- außer zum Weihnachtsmarkt, der jedoch immer öfter als eine Art Freiluft-After-Work-Party daherkommt. Geschenke werden online bestellt, ist ja auch bequemer und billiger.

Bequemer, billiger, besser - es ist nicht alles schlecht in dieser Welt der Immer-und-alles-Lieferanten, ja, mancher Experte sagt, auf lange Sicht werde sogar die Umwelt profitieren, wenn der Mensch alle Waren statt im Laden künftig beim Versandhändler kauft. Die kurze Sicht allerdings ist eine andere, und nirgendwo lässt sich das derzeit so gut beobachten wie zwischen New York und Los Angeles: Lieferwagen verstopfen die Straßen, die Luftqualität rund um die immer größeren und zahlreicheren Logistikzentren wird schlechter und schlechter, die Müllberge wachsen ins Unendliche. Allein in den USA werden in diesem Jahr etwa 200 Milliarden Pakete verschickt, der Papiermüll, den die Bestelleritis hinterlässt, summiert sich nach Behördenangaben auf etwa 67 Millionen Tonnen. Würden die Kartons nicht teilweise aus Altpapier gefertigt, müssten mehr als eine Milliarde Bäume dafür gefällt werden.

Dass die Papier- und Plastikmengen schier zu explodieren scheinen, liegt an der Art und Weise, wie die Onlinehändler ihre Waren verpacken. Wer etwa bei Amazon fünf Produkte bestellt, erhält in aller Regel nicht ein Paket, sondern fünf. Jedes einzelne Paket ist zudem mindestens doppelt so groß wie es sein müsste - aus gutem Grund: Nach einer Studie der Verpackungsberatungsfirma Anama fallen im Internet bestellte Pakete auf dem Weg zum Kunden durchschnittlich 17-mal auf den Boden, entsprechend schützen die Versender ihre Produkte: mit Doppel- und Dreifachkartons nach dem Vorbild russischer Matrjoschka-Puppen, mit Papier, Plastik und Luftpolsterfolie. Was mit den Kartons und dem übrigen Müll passiert, wenn sie einmal vor der Haustür abgelegt wurden, interessiert die "Cardboard Economy" nicht. Das ist dann das Problem des Kunden.

Erwartet wird die 24-Stunden-Lieferung - das hat Folgen

Die Müllberge sind jedoch nur das eine. Hinzu kommt, dass große US-Onlinekaufhäuser wie Amazon, Walmart oder Best Buy das Umschlagtempo weiter erhöhen. Ziel ist es, noch viel mehr Waren binnen 24 Stunden nach dem Klick auf den "Kaufen"-Button zu liefern. Allein der Platzhirsch Amazon, der nach einer Studie des Marktforschungsinstituts Bain 42 Prozent aller Online-Weihnachtsbestellungen in den USA abwickelt, hat dieses Jahr 1,5 Milliarden Dollar investiert, um sein Netz aus Flugzeugen, Logistikzentren und Lieferwagen noch engmaschiger zu stricken.

Das Problem ist nur: Solange selbstfliegende Elektrodrohnen eine Zukunftsvision sind, fahren die Transporter von UPS und Fedex, DHL und der US-Post durch die Straßen und behindern den Verkehr - wer will nach einem Parkplatz suchen, wenn er doch nur schnell ein Päckchen in die Pfütze vor der Haustür legen möchte? Allein in New York werden pro Tag mehr als 1,5 Millionen Pakete zugestellt, jeder siebte Haushalt in der 8,5-Millionen-Einwohner-Metropole erhält, durchschnittlich betrachtet, mindestens eine Lieferung am Tag.

In den Wohnvierteln verstopfen die Lieferwagen die vielen Einbahnstraßen, auf den Hauptverkehrswegen blockieren sie Bürgersteige, Radspuren, Fußgängerüberwege und Ausfahrten. Im Jahr 2018 verpassten Mitarbeiter der New Yorker Stadtverwaltung den Lieferanten mehr als 470 000 Park-Knöllchen, mancher Transporter wurde gar abgeschleppt. Fast immer lassen die Boten - wie es in den USA auch die meisten Autofahrer tun, die auf irgendwen warten - den Motor laufen, wenn sie die Pakete zur Haustür bringen. Das ist ein Grund dafür, warum die verkehrsbedingten Schadstoffemissionen trotz immer effizienterer Technik weiter ansteigen.

Immer öfter gehen Pakete verloren oder werden gestohlen

Die Boten erledigen ihren Knochenjob von früh bis spät, manchmal klingelt es noch abends um halb zehn an der Haustür - oder sonntags. Weil sie ihr Tagespensum sonst nicht schaffen, stellen manche Fahrer sogar Pakete mit teurem Inhalt und eindeutiger Markenaufschrift einfach vor dem Hauseingang ab, ohne zu warten, ob wirklich jemand an die Tür kommt. Das Ergebnis: Allein in New York werden 90 000 Pakete gestohlen oder gehen verloren - pro Tag! In manchen Vierteln haben es Rentner übernommen, Lieferungen sicherzustellen, die achtlos bei einem Nachbarn abgelegt wurden. Andernorts bieten die Zusteller Schließfächer an, allein im dicht besiedelten Stadtteil Manhattan gibt es mehr als 100 solcher Anlagen. Allerdings muss der Kunde seine Onlinewaren dann offline selbst dort abholen.

Andernorts gleicht New York eher dem Wilden Westen. In dünner besiedelten Vierteln wie Red Hook entstehen ständig neue Warenlager, an der Auslieferung der Produkte beteiligen sich immer mehr kleine Firmen und sogar selbständige Kuriere, die bei keiner Behörde registriert sind. In Manhattan wiederum gibt es auf manchen Bürgersteigen kein Fortkommen, weil Zusteller den Gehweg nutzen, um Berge von Paketen zu sortieren und auf Sackkarren zu stapeln. Und das ist alles nur der Anfang, denn selbst in New York liegt der Anteil der Onlinebestellungen am gesamten Einzelhandelsumsatz bei gerade einmal zehn Prozent - Tendenz: weiter steigend.

Hilfe könnte aus dem Silicon Valley kommen, wo Tech-Gründer die Onlinebestellungen als Problem erkannt haben - und damit als lukrativen Zukunftsmarkt. In zahllosen Büros, Werkstätten und Laboren wird derzeit an Lösungen für einzelne Probleme getüftelt, wie ein Blick auf die Liste der Aussteller zeigt, die Anfang Januar auf der CES in Las Vegas, der größten Technikmesse der Welt, ihre Erfindungen präsentieren werden.

Die Firma Starship etwa will dort einen Lieferroboter vorstellen, der wie eine Kloschüssel auf Rädern aussieht und an US-Universitäten bereits getestet wird. Er transportiert dort vor allem Pizzas und andere per App bestellte Fertiggerichte und liefert damit einen Vorgeschmack darauf, dass die Lebensmittel-Lieferbranche in den USA bis 2025 ihren Umsatz auf mehr als 100 Milliarden Dollar pro Jahr steigern will. Forscher der Universität von Neusüdwales im australischen Sydney wollen auf der CES zeigen, wie man Bananenschalen als Verpackungsmaterial nutzen kann. Das Start-up Limeloop kündigt Beutel an, die sich bis zu 2000-mal befüllen lassen, die Firma Living Packets eine hundertfach wiederverwendbare Versandbox mit Computerchip, Innenkamera und eingebauter Waage.

Und dann ist da noch die drollige Idee der Kaufhauskette Target: Sie legt ihren Paketen Anleitungen bei, wie sich der Karton zum Rennauto oder zur Hundehütte umbauen lässt. Manch Erwachsener dürfte da an die eigene Kindheit zurückdenken, als der Karton manchmal das interessantere Weihnachtsgeschenk war als sein Inhalt.

© SZ vom 24.12.2019
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