bedeckt München 19°

Einkaufen:Wer sich beliefern lässt, ist oft trotzdem mit dem Auto unterwegs

Haken Nummer eins an der Rechnung: Allzu oft bleibt es nicht bei nur einem Versand pro Produkt. Der bestellte Schuh drückt, führen die Wissenschaftler des Öko-Instituts an, oder die Farbe des Pullovers sah auf dem Bildschirm anders aus als gewünscht. Folglich wird die Ware zurückgesandt. Die Öko-Bilanz des Online-Einkaufs verschlechtert sich aber noch durch einen anderen Effekt. In der Wissenschaft wird er "konstantes Mobilitätszeitbudget" genannt. Gemeint ist damit: Wer online bestellt, wartet deshalb nicht däumchendrehend daheim auf die Lieferung. Im Gegenteil, er ist, Haken Nummer zwei, anderweitig unterwegs, und das nicht selten mit dem Auto.

Verstopfte Straßen sind damit nicht zwangsläufig eine direkte Folge des steigenden Onlinehandels, aber mutmaßlich die Konsequenz eines auch durch ihn verursachten erhöhten Verkehrsaufkommens nicht nur in den Innenstädten.

Zu berücksichtigen wäre bei dem steigenden Verkehr auch, dass die Retourenquote noch schneller wächst als der Onlinehandel. Nach Berechnungen des Branchenverbands Bitkom stieg die Zahl der Retouren innerhalb von nur zwei Jahren um 20 Prozent. Vor allem bei Bekleidung ist die Praxis verbreitet. Laut Bitkom wird die Möglichkeit der kostenlosen Retoure von allen Käufergruppen, insbesondere aber von Frauen zwischen 14 und 29 Jahren genutzt. Einzelne Händler versuchen inzwischen dem Trend entgegenzuwirken.

Wer im Laden einkauft, tauscht weniger um - und spart dadurch CO₂

So sammelt der mit E-Vans fahrende Online-Lebensmittelhändler Picnic beispielsweise Pakete des Online-Modehändlers Zalando wieder ein und bringt sie zur Poststelle. Andere Händler setzen Live-Chats, 360-Grad-Bilder, Nahaufnahmen und Videos ein, um Fehlkäufe und damit das Risiko von Rücksendungen zu reduzieren. Noch ist der stationäre Handel hier aber laut Öko-Institut gegenüber dem Onlinehandel im Vorteil. Wer im Ladengeschäft einkauft, kann sich an Ort und Stelle beraten lassen, findet leichter das passende Produkt und tauscht nachgewiesenermaßen weniger um - und das ist gut für die Umwelt. Zudem stärkt es die Attraktivität lokaler Einkaufszonen.

Unterm Strich verweist das Umweltbundesamt aber darauf, dass nach gegenwärtigem Kenntnisstand der Unterschied zwischen isoliert betrachtetem Online- und Offlinehandel "in der Tendenz unklar bis schwach ist". Zudem ist die Relevanz von einzelnen Güterkäufen so gering, dass sie im CO₂-Rechner des Amts in der Rubrik "Sonstiger Konsum" versteckt sind. Kategorien wie Auto, Flugreisen oder Heizenergiebedarf sind hingegen so groß, dass das Amt sie direkt abfragt.

Um die ökologischen Konsequenzen eines Einkaufs richtig beurteilen zu können, müsste man nach Ansicht der Wissenschaftler ohnehin einbeziehen, wie viel CO₂ die Herstellung des jeweiligen Produkts verursacht. Die Rohstoffgewinnung und Fabrikation von Bettwäsche erzeugt etwa 100 Kilogramm CO₂, der Verkauf inklusive Einkaufsfahrt im Vergleich dazu "nur 3,5 Kilo" zusätzlich.

Allgemeine Empfehlungen zugunsten oder zulasten des einen oder anderen Vertriebswegs will das Umweltbundesamt nicht abgeben. Moritz Mottschall vom Öko-Institut meint dagegen, am hilfreichsten sei es, sich zu fragen: "Braucht man das, was man kauft, auch wirklich?"

© SZ vom 03.05.2019/vwu
Zur SZ-Startseite

Supermärkte
:Warum Lebensmittelkonzerne den Onlinehandel klein halten

Die Hersteller wollen verhindern, dass ihr stationäres Geschäft kaputtgeht. Das könnte eine riskante Strategie sein, denn die Nachfrage ist da.

Von Michael Kläsgen

Lesen Sie mehr zum Thema