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Online-Makler:Die Revolution fällt aus

Fernsehturm in Berlin

Berlin ist die letzte deutsche Großstadt, in der Nestpick noch Wohnungen vermittelt.

(Foto: Maurizio Gambarini/dpa)

Wohnung finden, Mietvertrag abschließen, Kaution zahlen - alles online: So wollen mehrere Start-ups klassischen Maklern Konkurrenz machen. Doch nun steckt schon wieder eine Neugründung in Schwierigkeiten.

Noch im November 2015 war die große Revolution das Ziel. "Nestpick ist zurzeit das einzige Unternehmen, das einen ganzen Markt digitalisiert", prahlten Investoren wie Rocket Internet, die elf Millionen Dollar in das Berliner Unternehmen steckten. Wer für ein paar Monate eine Wohnung in einer europäischen Großstadt sucht, so die Idee, sollte bei Nestpick alles online erledigen können: die Wohnung besichtigen, den Mietvertrag abschließen, die Kaution zahlen, fertig. "Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen gehören damit der Vergangenheit an", hieß es damals.

Doch jetzt wird immer deutlicher: Die große Revolution bleibt aus. Und das gilt nicht nur für Nestpick, sondern für viele Unternehmen, die sich vor gut einem Jahr auf dem Wohnungsmarkt formiert haben. Damals hatte die Bundesregierung das Bestellerprinzip eingeführt. Demnach muss ein Vermieter, wenn er einen Immobilienmakler beauftragt, auch dessen Courtage bezahlen; vorher blieb dies zumeist am Mieter hängen. Die Gründer hofften, viele Vermieter würden sich nun von ihren teuren Maklern abwenden. Seitdem locken Unternehmen wie Nestpick, McMakler oder Domiando mit günstigen Courtagen und Provisionen für das Geschäft mit der Vermietung. Doch sind so viele Start-ups gleichzeitig entstanden, dass sie sich nun gegenseitig die Kundschaft wegnehmen.

Nestpick beispielsweise vermittelt inzwischen nur noch in Berlin und Rotterdam Wohnungen. Aus gut 30 anderen Großstädten in Deutschland und Europa hat sich die Firma zurückgezogen, wie das Berliner Unternehmen bestätigt.

Unterdessen häufen sich Geschichten wie die von Paulina Ruíz. Sie hat über Nestpick für ein Jahr eine Wohnung in Paris gemietet. Als sie im Februar einzieht, zahlt Ruíz zwei Monatsmieten Kaution an das Berliner Unternehmen. Doch der Vermieter beschwert sich, das Geld sei nicht angekommen. Ruíz ruft bei Nestpick an, spricht auf den Anrufbeantworter, doch niemand reagiert. Erst Ende Juli, nach mehreren Kontaktversuchen im Internet, überweist Nestpick die Kaution an den Vermieter. "Wir haben uns große Sorgen um unsere Kaution gemacht", sagt Ruíz.

Auf der Facebook-Seite von Nestpick beklagen viele Kunden, ihre Kautionen steckten seit Monaten bei der Plattform fest. In Berlin kündigen nun erste Vermieter die Zusammenarbeit mit Nestpick auf, wie das Portal Gründerszene berichtet.

Viele Beschäftigte haben Nestpick verlassen

Herrscht einfach Chaos bei Nestpick? Oder hat die Plattform kein Geld mehr, um die Kautionen rauszurücken? Ehemalige Mitarbeiter berichten, dass das Unternehmen zwar in Schwierigkeiten stecke; viele Beschäftigte haben Nestpick verlassen. Die Kautionen seien aber auf einem Treuhand-Konto gesichert.

Auf Nachfrage gesteht das Unternehmen ein, es habe in der Vergangenheit Probleme im Arbeitsablauf gegeben. Nun würden aber alle ausstehenden Kautionen ausbezahlt, kündigt Nestpick an. Zurzeit entwickle die Berliner Plattform ein neues Geschäftsmodell, das weiterhin mit dem Wohnen in europäischen Großstädten zu tun habe. Ob Nestpick weiterhin ein Vermietungsportal sein solle, lässt das Unternehmen aber offen.

Nestpicks Großinvestor Rocket Internet will die Entwicklung nicht kommentieren. Bereits zu Jahresbeginn hat die Rocket-Tochter Vendomo ihren Betrieb eingestellt. Diese Plattform versuchte ebenfalls, Mieter und Vermieter zusammenzubringen. Im Gegensatz zu Nestpick standen bei Vendomo langfristige Vermietungen im Vordergrund, keine Zwischenmieten. Doch obwohl Rocket Internet bei seinen Gründungen hohe Anlaufverluste in Kauf nimmt: Der Markt der digitalen Wohnungsvermittlung erweist sich nun als deutlich kleiner und enger als erhofft.

Für den Deutschen Mieterbund geben die Vorfälle bei Nestpick weiteren Anlass, den Start-ups auf dem Wohnungsmarkt skeptisch gegenüberzustehen. "Wenn ein Portal in Vertretung des Vermieters Zahlungen abwickelt oder annimmt, ist äußerste Vorsicht geboten", sagt Mieterbund-Geschäftsführer Ulrich Ropertz. "Wohnungssuchende sollten kein Geld an diese Portale zahlen." Denn noch habe sich keine der Neugründungen ernsthaft etabliert.

Zwar haben sich einige klassische Makler aus dem Geschäft mit der Vermietung zurückgezogen; die Umsätze sind kräftig eingebrochen, weil viele Vermieter tatsächlich nicht bereit sind, die bislang üblichen zwei Monatsmieten für den Makler zu zahlen. Doch anstatt zur digitalen Konkurrenz zu wechseln, vermieten mehr Vermieter nun an Verwandte und Bekannte - oder inserieren ohne fremde Hilfe auf den gängigen Portalen, weil sie dort mit einer großen Nachfrage rechnen können. Die Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen werden so freilich nicht kürzer.

© SZ vom 31.08.2016
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