Olympia 2021:Kein Sex in der City

Olympic rings in Tokyo

Die pandemischen Spiele sind für Japans Wirtschaft insgesamt eine Enttäuschung.

(Foto: BEHROUZ MEHRI/AFP)

Seit 1988 ist es Tradition, dass der Veranstalter Kondome im Olympischen Dorf verteilen lässt. Daraus wird in diesem Jahr in Japan nichts.

Von Thomas Hahn, Tokio

Der japanische Verhütungsmittel-Hersteller Sagami Rubber Industries ist stolz auf seine Pionierleistungen. Nach eigenen Angaben war die Firma die erste, die farbige Kondome auf den Markt brachte. Und die erste, die genoppte Kondome auf den Markt brachte. Und als besonderen Coup feierte sie 2013 ein Modell aus superdünnem Polyurethan. Diese besonders gefühlsechte Alternative für Menschen, die wegen einer Latex-Allergie herkömmliche Produkte nicht verwenden können, verkaufte sich in Japan nach Industrie-Angaben blendend.

"Nur japanische Firmen produzieren Kondome, die 0,01 bis 0,02 Millimeter dünn sind", sagte Hiroshi Yamashita, leitender Manager und Sprecher bei Sagami Rubber, vor drei Jahren der Nachrichtenagentur AFP. Die große internationale Anerkennung fehlte allerdings noch. Deshalb verband Yamashita besondere Hoffnungen mit den Olympischen Spielen 2020 in Tokio. Das größte Sportfest der Welt mit 11 000 Sportlerinnen und Sportlern aus allen Ländern und vor allem mit Massen von gut gelaunten Olympia-Touristen, sollte die Bühne für Japans Präservativ des 21. Jahrhunderts werden. "Wir sehen die Tokio-Spiele als extrem wertvolle Gelegenheit, der Welt von Japans Hochtechnologie zu erzählen", sagte Yamashita seinerzeit.

Es ist anders gekommen. 2020 wurden die Spiele wegen des Coronavirus auf 2021 verschoben. Und in diesem Sommer ziehen Japans Regierung und das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Spiele zwar durch - aber sie tun dies in einer derart abgespeckten und züchtigen Version, dass Japans Kondom-Industrie den erhofften Boom jetzt schon abschreiben kann. Seit Frühjahr 2020 lässt Japans Regierung keine Touristen mehr ins Land, die in der Vergangenheit dankbare Kunden der gut sortierten Condomania-Boutiquen in Shibuya waren. Dass sie weg sind, spürt deren Manager Koji Negishi deutlich. "Die Kondome, die als Souvenir gedacht sind, verkaufen sich überhaupt nicht mehr", sagt er. Und der Touristen-Bann gilt auch für Olympia.

Züchtige Version

Die pandemischen Spiele werden für Japans Wirtschaft insgesamt eine Enttäuschung. Sie galten mal als Anschubfaktor nach schwachen Quartalen, aber diese Aussichten sind praktisch weg. Am Freitag haben die Olympia-Organisatoren zwar entschieden, dass wenigstens bis zu 10 000 Einheimische während der Spiele in die Olympia-Stätten kommen dürfen. Aber erstens kann sich das je nach Infektionsgeschehen wieder ändern. Zweitens dürfte das ohne Auslandstouristen und mit einer eher gebremsten Olympia-Begeisterung im Land zu keinem großen Konsum-Hoch führen.

Wer kann, versucht das Beste draus zu machen. Die Tourismus-Abteilungen in Präfekturen wie Saitama und Shizuoka, in denen sich Wettkampfstätten befinden, versuchen aus Anlass der Spiele über die Medien bekannt zu machen, wie reizvoll es wäre, zu ihnen zu kommen, wenn die Pandemie eines Tages vorbei ist. Nur wenige stellen so positive Prognosen wie der US-Fernsehsender NBC, der als mächtiger TV-Rechteinhaber einer der wichtigsten Geldgeber des IOC ist. Kürzlich sagte Jeff Shell, Chef der Unterhaltungsabteilung beim NBC-Eigner Comcast Corporation, mit Blick auf die Werbebuchungen: "Je nachdem, wie die Einschaltquoten sind, könnten es die profitabelsten Spiele in der Geschichte des Unternehmens werden." Und andere zählen jetzt schon zu den Verlierern der heruntergedimmten Spiele. Zum Beispiel Japans Kondom-Industrie.

PR-Fest für Hersteller

Olympia war eigentlich immer ein PR-Fest für Kondom-Hersteller. Seit 1988 ist es Tradition, dass der Veranstalter Kondome im Olympischen Dorf verteilen lässt. Offiziell ist das Teil einer Anti-HIV-Kampagne. Inoffiziell hatte das auch mit dem Umstand zu tun, dass in einem Olympiadorf lauter sportliche junge Menschen zusammenkommen, die nach ihrem Wettkampfeinsatz Zeit und Muße haben. 2018 bei den Winterspielen in Pyeongchang in Südkorea wurden im Olympischen Dorf 110 000 Kondome ausgegeben. Japans Fach-Unternehmen wussten, das würde in Tokio nicht viel anders sein, und sie träumten davon, dass das IOC dabei diesmal auf die ultradünnen Hochleistungskondome aus heimischer Produktion zurückgreifen würde. "Als Tokio den Zuschlag für die Spiele 2020 bekam, dachten wir sofort an die Kondom-Verteilung im Athletendorf", sagte Sagami-Rubber-Mann Yamashita, als er noch träumen durfte.

Aber selbst daraus wird nichts. Die Hygieneregeln im Olympiadorf sind streng. Anders als bei anderen Spielen müssen die Sportlerinnen und Sportler das Dorf 48 Stunden nach ihrem Einsatz verlassen haben, und im Regelbuch für die pandemischen Spiele heißt es: "Vermeiden Sie unnötige Formen des körperlichen Kontakts." Dazu zählt das Organisationskomitee Tocog offensichtlich Sex, denn Kondome werden zwar wieder verteilt. Allerdings seien diese "nicht zum Gebrauch im olympischen Dorf gedacht", teilte Tocog vergangene Woche mit. Wenig später präzisierte das Organisationskomitee, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer würden ihre Kondome erst bei der Abreise bekommen, damit sie in ihrem Land auf besagte Anti-HIV-Kampagne aufmerksam machen können.

Und Japans Kondom-Industrie darf dazu nicht einmal ihre Premium-Produkte beitragen. Die verteilte Ware muss aus Latex sein. Die japanische Erfolgslinie aus ultradünnem Polyurethan bekommt keine Chance. Der Verband der japanischen Kondom-Industrie hat das laut AFP mitgeteilt. "Als ich davon hörte, dachte ich: Meine Güte, kann das richtig sein?", wird ein Industrie-Vertreter zitiert, "wir hatten wirklich darauf gezählt, die Ultradünnen anbieten zu können."

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