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Europa:Warum der Bruder des Finanzministers in Paris berühmt ist

Einweihung OP-Bereich am Universitätsklinikum Kiel

Im Dezember 2017 wird der OP-Bereich am Universitätsklinikum Kiel eingeweiht. Mit dabei: Der Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Jens Scholz.

(Foto: Frank Molter/dpa)

Jens Scholz heißt der Bruder, der weder Chanson-Sänger noch anderweitig in Paris aufgetreten ist. Für den Arzt ging es um französische Covid-19-Patienten und europäische Solidarität.

Von Cerstin Gammelin

Man kennt ja das französische Pathos, diese Neigung, alles ein wenig zu überhöhen. Und ist nicht weiter überrascht, wenn Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire von einer "großen Ehre" spricht, erstmals nach dem Corona-Ausbruch bei seinem "Freund Olaf" zu sein. Man nimmt es hin, als er, auch auf Deutsch, anfügt: "Ich muss dazu sagen, dass Olaf ist sehr berühmt in Paris. Er hat immer die deutsch-französische Freundschaft unterstützt". Ach, war das wirklich so? Dann aber wird es interessant: "Aber ich muss auch dazu sagen, dass sein Bruder Jens Scholz ist auch sehr berühmt in Frankreich. Weil er viele Patienten in Kiel aufgenommen hat. So, danke Olaf, für alles, das du schon getan hast. Aber danke auch zu deinem Bruder. Das ist wirklich eine große deutsche Familie, die Familie Scholz."

Olaf Scholz schaut ungewöhnlich gerührt. Was ist da passiert? Ein Anruf bei Jens Scholz, Anästhesiologe, Chef des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Kiel. Er ist der mittlere der drei Brüder: Olaf, Jahrgang 1958; Jens, Jahrgang 1959; Ingo, Jahrgang 1960. Oihjoihjoi, sagt Jens Scholz, er, berühmt? Er habe nichts mitbekommen vom Auftritt des französischen Ministers. Aber klar, das sei schon "ein dolles Zeichen europäischer Solidarität" gewesen, was man da gemeinsam habe setzen können; das Leben von sechs französischen Covid-19-Patienten gerettet, das Problem der ungeklärten Kostenübernahme wirklich solidarisch gelöst, alles schnell und unbürokratisch.

Geht also doch, denkt man, und erinnert sich, wie kleinlich und kompliziert sich dagegen etwa das von Scholz und Le Maire vor Jahresfrist verhandelte extra Budget für die Euro-Zone ausgenommen hat, von dem niemand mehr spricht. Der mittlere Bruder hat en passant vorgemacht, wie es anders gehen kann.

Am 30. März um 18 Uhr abends, erzählt Jens Scholz, habe ihn der Hilferuf erreicht. Könne Kiel französische Covid-19-Intensivpatienten aufnehmen, schon am nächsten Tag? "Selbstverständlich, gar kein Problem", habe er geantwortet - obwohl nichts vorbereitet war. Als die Militärmaschine landete und sechs Patienten brachte, bekam man trotzdem alles hin, dank der Hilfen aus Hamburg, Schleswig-Holstein, der Bundeswehr und von Hilfsorganisationen. Wenn dann irgendwann die französischen Patienten aufgewacht seien in der fremden Umgebung und hätten sagen können, das deutsche Essen schmeckt nicht so gut wie das französische, "dann wussten wir, dass sie über den Berg sind", erzählt Jens Scholz.

Bei der Frage, wer das bezahlen solle, sei Olaf wieder in Spiel gekommen. Eine Militärmaschine, Intensivtransporte, Intensivtherapie, "das gibt es ja nicht für 1,50 Euro", sagt Jens. "Da haben wir gesagt, wäre es nicht europäische Solidarität, wenn die Bundesregierung die Kosten übernimmt?" Den Vorschlag habe das Corona-Kabinett tatsächlich beschlossen.

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Auffällig ist, dass auch der Ältere seither größer plant. An Ostern hat er mit Le Maire ein 540 Milliarden Euro Corona-Sofort-Paket durchgesetzt; im Mai haben beide den ewigen Streit um Euro-Bonds beendet. Der Kompromiss ist der EU-Wiederaufbaufonds, der Zuschüsse ausreichen soll an besonders coronageschwächte Staaten. Wegen Corona geht plötzlich was in Europa.

© SZ vom 25.06.2020
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