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Nahaufnahme:Die richtige Medizin

"Es muss gleichen Zugang zu Medizin geben, und die WTO könnte Teil der Lösung sein", sagt die designierte WTO-Chefin Ngozi Okonjo-Iweala.

(Foto: Fabrice Coffrini/AFP)

Ngozi Okonjo-Iweala wird die erste Afrikanerin an der Spitze der WTO. Eines ihrer Ziele: Die Organisation soll einen besseren Zugang zu Medikamenten ermöglichen.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die künftige Chefin der Welthandelsorganisation WTO ausgerechnet von einem Land für den Posten nominiert wurde, das seit vielen Monaten nicht gerade viel dafür tut, einen freien Handel zu ermöglichen. Die Nigerianerin Ngozi Okonjo-Iweala soll künftig an der Spitze der WTO stehen, als erste Frau und als erste Afrikanerin. Ihr Heimatland Nigeria, das sie ins Rennen schickte, hat seit einem Jahr die Grenzen zu den Nachbarländern Benin, Kamerun und Niger geschlossen, nicht wegen Corona, sondern weil von dort immer wieder Lebensmittel über die Grenze geschmuggelt würden, die der heimischen Lebensmittelindustrie schadeten, so die Regierung.

Es ist ein Fall, mit dem sich vielleicht auch Okonjo-Iweala künftig beschäftigen muss. Eigentlich sollte der Posten bereits im November vergangenen Jahres besetzt werden, seit August steuert die WTO bereits führungslos durch die Corona-Krise. Aber erst der neue US-Präsident Joe Biden und seine Administration legten sich schließlich auf die 66-jährige Nigerianerin fest, ihre letzte verbliebene Konkurrentin, die südkoreanische Handelsministerin Yoo Myung Hee, bekam am Wochenende einen Anruf aus Washington und zog dann ihre Kandidatur zurück. Mit Okonjo-Iweala hat nun die Kandidatin Afrikas gewonnen, aber letztlich auch die der USA. Sie besitzt auch die amerikanische Staatsbürgerschaft, hat in Harvard und am MIT studiert und dann 25 Jahre für die Weltbank gearbeitet, sich bis zur Vizechefin hochgearbeitet.

Davor und dazwischen war Okonjo-Iweala Außen- und gleich zweimal Finanzministerin Nigerias, einem der korruptesten Länder der Welt. Dem Kampf gegen Schmiergeld und den Diebstahl der Einnahmen aus der Ölförderung habe sie sich auf die Fahnen geschrieben, erklärte Okonjo-Iweala immer wieder. Sie hat ein Buch verfasst über ihren Kampf gegen die Korruption, in dem sie auch erzählt, wie einmal ihre Mutter entführt wurde, weil sie den falschen Leuten auf den Fuß getreten sei. Es gibt aber auch Kritiker, die fragen, wie das gehen soll, Teil der korrupten nigerianischen Elite zu sein und sie gleichzeitig zu bekämpfen.

Die Autorin Sarah Chayes etwa sagte der Nachrichtenagentur AFP, ihre Reformen als Ministerin seien nur oberflächlich gewesen. Auch unter Okonjo-Iweala seien Milliarden aus den Öleinnahmen des Staates in dunklen Kanälen versickert.

In Zeiten, in denen die Weltwirtschaft unter der Corona-Pandemie zu leiden hat, ist sie mit ihrer Erfahrung aber sicher keine schlechte Kandidatin. Sie hat neben vielen anderen Ämtern und Posten auch den Vorsitz der internationalen Impfallianz Gavi inne, der auch die Gates-Stiftung angehört, dazu Regierungen und Pharmakonzerne. Die Allianz hat vor allem in Entwicklungsländern den Zugang zu Impfstoffen dramatisch verbessert. Das müsse sich nun bei Corona wiederholen, sagt Okonjo-Iweala: "Es muss gleichen Zugang zu Medizin geben, und die WTO könnte Teil der Lösung sein."

Südafrika und Indien haben bei der WTO beantragt, den Patentschutz für verschiedene Corona-Impfstoffe aufzuheben, nur so könne gewährleistet werden, dass die ganze Welt zeitnah an bezahlbaren Impfstoff kommt. Bisher haben sich die reicheren Länder dagegen gesträubt, haben argumentiert, der derzeitige Engpass sei vor allem ein Kapazitätsproblem.

Die zweite große Herausforderung sind die weltweit zunehmenden protektionistischen Tendenzen und der Handelskrieg zwischen den USA und China. "Es kann kein Weiter-so geben", hat Okonjo-Iweala bereits gesagt. Und angekündigt, mutige Entscheidungen treffen zu wollen.

© SZ
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