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Maßgeschneiderte Möbel:Ich mach dich rund

Nikolas Feth (li.) und Alessandro Quaranta sind die Geschäftsführer und Gründer von Okinlab, hier in der Stadtbibliothek Saarbrücken.

(Foto: Bärbel Schmidt/Formbar)
  • Über eine Webseite können Kunden Möbel kaufen - und die Form ihrer Möbel mitbestimmen.
  • Das Umfeld, in dem sich die Unternehmensgründer bewegen, ist schwierig: Der Möbelmarkt ist hart umkämpft.

Alessandro Quaranta, 38, kann sich ziemlich genau an diesen Anruf erinnern. Das war 2015. Er saß im Zug und Nikolas Feth, 39, rief an, um ihm zu erzählen, dass über ihre Internet-Plattform Formbar die erste Bestellung eingegangen sei. "Ein rotes Regal", erinnert sich Quaranta. Ein ehemaliger Bundesligaspieler hatte die Schlagwörter "Regal, 40 Zentimeter breit" gegoogelt und war auf die Seite der Gründer aus Saarbrücken gestoßen. Ein Zufall und ein Anfang. Einer der kleinen Erfolge - von denen es in den vergangenen Jahren viele gab. Es gab aber auch ein paar für Gründer nicht ungewöhnliche Rückschläge. So dauerte es etwa eine Weile, bis sie das richtige Team zusammenhatten.

2013 gründeten Quaranta und Feth die Firma Okinlab, ihr "Laboratorium für Architektur & Design". 2015 ging Formbar online. Über die Plattform können Kunden interaktiv und dreidimensional ihre Möbel am Rechner entwerfen. "Ein Algorithmus sorgt dafür, dass die Proportionen stimmen und das Möbel gut aussieht", sagt Feth. Der Preis wird in Echtzeit angezeigt. Den Auftrag schicken die Kunden an Formbar, dort wird er gecheckt, dann geht der Datensatz an einen der Schreiner oder Tischler im Netzwerk. Die kommen Feth zufolge aus der Nähe, und stellen das Möbelstück, wenn gewünscht, auch gleich beim Kunden auf. Die Datei enthält eine Art Schnittmuster, wie die Teile aus einer Platte geschnitten werden müssen, um das Material optimal zu nutzen.

Viele Kunden glauben, dass Design und individuelle Lösungen zu teuer sind

Quaranta, Diplom-Kaufmann, und Feth, Architekt, kennen sich schon aus der Schulzeit in Saarbrücken, sie sind Freunde. Ihre gemeinsame Gründergeschichte begann als Quaranta, damals Gründerberater an der Universität des Saarlandes, 2012 den Auftrag bekam, den Fanartikel-Shop der Universität einzurichten. Im Handel kannte er sich aus, er hatte schon eine Modefirma gegründet. Der Raum aber sei eine Herausforderung gewesen: drei Meter breit, fünf Meter hoch, sieben Meter lang. Quaranta wandte sich an seinen Freund Nikolas, der sich intensiv mit Bionik beschäftigte - mit Formen, die ihr Vorbild in der Natur haben, freitragende Konstruktionen, die weitgehend ohne Nägel und Leim auskommen. "In der Natur gibt es keine Effizienzverluste", sagt Feth. Für den Laden entwarf er raumhohe Regale mit geschwungenen Linien. "Die Angebote, die wir bei Schreinern einholten, lagen zwischen 15 000 und mehr als 40 000 Euro", erzählt Quaranta.

Deckeninstallation von Formbar.

(Foto: Formbar)

Die Gründer merkten schnell, dass da irgendetwas nicht stimmte auf dem Weg vom Wunsch hin zum Möbel. Es gab zu viele und oftmals teure Reibungsverluste zwischen Kunden und Designern, zwischen Designern und Tischlern, zwischen Kunden und Schreinern. "Viele Verbraucher denken bei Möbeln noch gar nicht an Maßfertigung, weil sie glauben, dass Design und individuelle Fertigung zu teuer wären," sagt Quaranta. Und in vielen Schreinereien stünden teure Fräsmaschinen, die nicht ausgelastet oder schlichtweg nicht richtig bedient würden.

Zwei Jahre brauchten die Gründer, um die Software zu entwickeln. "Das war nicht trivial. Wir mussten Design und Fertigung in einer Software zusammenbringen. So ein Produkt gab es nicht auf dem Markt", sagt Quaranta. "Viele reden über die Digitalisierung der Unternehmen, Industrie 4.0 und Losgröße 1. Wir leben das." Formbar arbeite mittlerweile mit gut 100 Schreinern und Tischlern zusammen, die meisten davon in Deutschland und den Nachbarländern. "Aber wir haben auch Kunden in Südafrika, den USA oder Kolumbien", sagt Quaranta. Es sei besser, Datensätze durch die Welt zu schicken als Möbel. "Wir verkaufen nicht nur Möbel", sagt der Gründer. "Wir wollen die Welt ein wenig besser machen: nachhaltiger, fairer, regionaler und auf die Menschen zugeschnitten." Feth ergänzt: "Wir wollen weg von Wegwerfmöbeln."

Die beiden haben sich einen umkämpften Markt ausgesucht. 2019 hat die deutsche Möbelindustrie nach Angaben der Verbände der deutschen Holz-, Möbel- und Fertigbauindustrie 17,7 Milliarden Euro umgesetzt. Was vor allem zählt ist der Preis. Händler wie XXXLutz und Höffner liefern sich Rabattschlachten, und online drängen neue Anbieter wie Westwing oder Home24 auf den Markt. "Die einzige Antwort, die der Handel bislang im Kampf um den Kunden gefunden hat, ist noch mehr Fläche", sagt Quaranta. Bei Formbar haben sich bislang etwa 20 000 Kunden registriert. Der Preis für die Möbel bewege sich zwischen 200 und 9000 Euro. Die Lieferung dauere vier bis sechs Wochen. "Aber das geht noch schneller. Daran arbeiten wir", sagt Feth.

Okinlab

Regal von Okinlab.

(Foto: Formbar)

Für 2019 rechnet Quaranta mit einem Umsatz in siebenstelliger Höhe: "Es gibt Monate, da machen wir Gewinn. Was wir verdienen, investieren wir gleich auch wieder." Finanzielle Details des Geschäftsmodells wollen die Gründer nicht nennen: Wie hoch die Margen sind? Was die Schreiner bekommen? "Es gibt keine Preisschlachten zwischen den Schreinern", sagt Quaranta nur. Alle Investoren kommen aus dem Saarland: die Saarländische Wagnisfinanzierungsgesellschaft, die Holding des Software-Unternehmers August-Wilhelm Scheer und die Holzer Group, zu der das Pharmaunternehmen Ursapharm gehört. Die beiden Gründer halten die Mehrheit. "Wir wollen wachsen", sagt Quaranta. "Formbar kann richtig groß werden."

© SZ vom 09.01.2020/hgn
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