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Raumfahrt:Der "Henry-Ford-Moment"

Rocket Factory Augsburg RFA One

Die Kleinrakete RFA One der Rocket Factory Augsburg soll 2022 das erste Mal ins All starten. Illustration: RFA/oh

Kleinraketen sollen in Augsburg wie vom Fließband kommen: Das Start-up RFA will den Markt mit Kampfpreisen erobern.

Von Dieter Sürig, München

New Space folgt Old Economy: Am früheren Augsburger Traditionsstandort des Leuchtenherstellers Osram werden bald Kleinraketen in Serie gebaut. Das Start-up Rocket Factory Augsburg (RFA) ist gerade von seiner "Garage" im Technologiezentrum der Stadt in eine ehemalige Osram-Halle gezogen - dort haben die Gründer künftig 3500 Quadratmeter Produktionsfläche und 1500 Quadratmeter Büros zur Verfügung. Die brauchen sie auch, denn allein in dem schlauchartigen Großraumbüro war es eng geworden, und RFA hat mittlerweile 85 Mitarbeiter aus 25 Ländern, bis zum Erstflug Ende 2022 sollen es 150 werden. Das Start-up, das zur Gruppe des Bremer Satellitenherstellers OHB gehört, bereitet sich nun auf die Serienproduktion der so genannten Microlauncher vor.

In der jetzigen Halle können die Gründer bis zu drei Raketen gleichzeitig montieren, doch müssen sie irgendwann weiter ausbauen. "Wenn wir 50 mal im Jahr starten wollen, dann müssen wir mehr Raketen parallel bauen können", sagt RFA-Vorstand Jörn Spurmann. Ein ehrgeiziges Ziel, das RFA in etwa zehn Jahren erreichen möchte, mittelfristig sollen es erst einmal 20 bis 30 werden. Bis dahin müssen die Gründer noch viel testen, derzeit befindet sich gerade das Triebwerk für den ersten Prototypen auf dem Prüfstand im schwedischen Esrange. "Wir fangen jetzt an, am Kernelement des Triebwerks zu arbeiten", sagt Chefentwickler und Vorstand Stefan Brieschenk. "Zehn Mitarbeiter absolvieren gerade unsere ersten Triebwerkstests in Schweden, darauf basiert dann die Weiterentwicklung."

Die Rakete soll 30 Meter lang, mit flüssigem Sauerstoff und "grünem" Kerosin betrieben werden und 1300 Kilogramm in den Erdorbit transportieren können. Wenn die dreistufige Rakete 2022 zum ersten Mal abhebt, dann soll sie bereits die Nutzlast eines Kunden ins All bringen, sagt Spurmann. Beim Capital Market Day von OHB nannte RFA-Investor Hans Steininger am Donnerstag auch den geplanten Preis: "Wir werden dem Markt mit drei Millionen Euro Frachtkosten pro Start das weltweit mit Abstand günstigste Angebot machen." Bei 1300 Kilo Nutzlast wären das etwa 2300 Euro pro Kilogramm. Zum Vergleich: Space-X wirbt derzeit mit 5000 Dollar je Kilo, das Start-up Hyimpulse plant langfristig mit 7000 Euro. "Es hat keinen Sinn, nur 20 Prozent günstiger zu sein als die Konkurrenz", sagte Steininger. Denn die ist im New-Space-Bereich der jungen hippen Firmen groß: In Deutschland ist dies neben Hyimpulse noch Isar Aerospace, weltweit gibt es mehrere Dutzend Kleinraketenbauer.

Abflug: jeden Montag um neun Uhr morgens

RFA verspricht sich jedenfalls gute Wettbewerbschancen - auch mit Individualität. Zumal Kunden im Gegensatz zu Mitflugangeboten wie Space-X nicht so lange warten müssen und dann auch die Umlaufbahn bekommen können, die sie benötigen. "Die Wartezeiten werden für unsere Kunden sehr kurz sein, weil wir die Raketen in Serie fertigen wollen", sagt Brieschenk. "Das Angebot bei SpaceX ist dagegen eher mit einem Stand-by-Flug zu vergleichen." Spurmann bietet seinen Kunden lieber einen "Linienflug" an, und Steininger beschreibt es so: "Jeden Montag um neun Uhr morgens." Zwischen Buchung und Start sollen nur drei bis sechs Monate vergehen. Es gebe schon Kundenanfragen mit einem Volumen von mehreren 100 Millionen Euro. Und OHB habe bereits ein Kontingent von 25 Starts zugesichert.

Steininger kündigte auch eine weitere Finanzierungsrunde an. Bisher sind neben OHB (53 Prozent) und Steiningers Investmentfirma Apollo Capital Partners weitere Gründer sowie Management, Mitarbeiter und einige private Investoren mit 15 Millionen Euro beteiligt. Nun möchten sie 25 Millionen Euro einsammeln, auch für die Weiterentwicklung und Tests der Rakete RFA One. "Wir wollen diesen lukrativen Markt nicht den US-Unternehmen überlassen", sagt OHB-Chef Marco Fuchs. Er erhofft sich von der Serienproduktion deutliche Kostenvorteile, "weil wir Raketen wie Autos bauen werden". Fuchs spricht von einem "Henry-Ford-Moment in der Raumfahrt". RFA will von einen Milliardenmarkt profitieren, weltweit hätten Wagniskapitalfonds im vorigen Jahr die Rekordsumme von 15,7 Milliarden Dollar in 252 Raumfahrtfirmen investiert. Eine dritte Finanzierungsrunde soll im kommenden Jahr 75 bis 100 Millionen Euro bringen.

Und was den Startplatz betrifft, so wollen die Gründer flexibel sein, letztlich sei dies eine Kostenfrage: Andøya, die Azoren, die Nordsee und Kourou stehen auf der Liste - auch Esrange wolle seine Kapazitäten ausbauen. "Das ist spannend, weil wir möglichst von jedem Punkt aus starten wollen - am liebsten gleich neben der Fabrik hier in Augsburg", witzelt Spurmann. Bei der viel diskutierten Frage eines Startplatzes in der Nordsee setzt er noch eins drauf: "Man könnte für die Nordsee auch mehrere Startschiffe bauen, um 50 Raketen im Jahr starten zu können." Immerhin 80 Prozent der Kleinsatelliten würden einen polaren Orbit benötigen, "das geht gut von der Nordsee aus". Ob die Gründer auch die Endmontage in Startplatznähe verlagern, ist unklar. "Das ist momentan nicht unser Ziel", sagt Brieschenk. "Derzeit geht es darum, so schnell wie möglich den ersten Start hinzubekommen."

RFA-Vorstand Stefan Brieschenk

RFA-Vorstand und Chefentwickler Stefan Brieschenk an einem Triebwerksbauteil. Ende 2022 soll die erste Rakete des Augsburger Unternehmens ins All starten.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)
© SZ
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