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Offshore-Leaks:Der Scheindirektor: Amt ohne Macht

Der Rohstoff, von dem Steueroasen leben, ist die Verschwiegenheit. Sie ist in jedem Verwaltungsakt präsent, sie beherrscht den Alltag von Firmen wie Portcullis und Commonwealth, die ihre eigentlichen Kunden oft nicht einmal selbst kennen. Diese Verschwiegenheit wird in zwei Formen abgepackt und auf dem Weltmarkt angeboten: als Trust, wenn nur anonym Vermögen gelagert oder die Erbfolge geregelt werden soll, oder als Briefkastenfirma, wenn es um geheime Geschäfte geht.

Der Vorteil einer Briefkastenfirma gegenüber gewöhnlichen Firmen ist nicht nur die Meldeadresse auf einer Südseeinsel, die keine Gewerbesteuer verlangt. Viel interessanter ist oft die Möglichkeit, einen falschen Geschäftsführer einzusetzen.

Stella Port-Louis zum Beispiel, Mitte dreißig, dunkle Augen, braune Locken. Sie handelt regelmäßig für anonyme Firmen, tätigt Überweisungen an Geschäftspartner, die sie nicht kennt, im Auftrag von Hintermännern, von denen sie nichts weiß. Wie viele Firmen sie von den Seychellen aus leitet, lässt sich nicht sagen. Aber das: Für jeden neuen Posten bekommt sie etwa zehn Dollar und unterschreibt dafür, was man ihr vorlegt. Sogar ihre eigene Kündigung.

So funktionieren Trusts und Briefkastenfirmen

(Foto: SZ-Grafik)

Das System braucht nämlich nur drei Formulare, um zu funktionieren. Der Strohmann, der in der Offshore-Sprache ,,Nominee Director" heißt, sichert dem wahren Eigentümer zu, dass er seinen Anweisungen folgen wird und keine Ansprüche gegen ihn oder die Firma hat (,,Nominee Director Declaration"). Dann gibt er dem echten Chef, der offiziell nichts mit der Firma zu tun hat, eine Vollmacht ("Power of Attorney"), die diesen zum De-facto-Geschäftsführer macht. Im dritten Dokument schließlich bittet der falsche Direktor um seine Entlassung (,,Resignation Letter"). Er unterschreibt diesen Brief, trägt aber kein Datum ein - so kann der echte Chef den falschen jederzeit und sogar rückwirkend loswerden.

Der falsche Direktor ist also von Anfang an entmündigt, und hat meist auch keinen Einblick in die Firmengeschäfte.

Scheindirektoren kommen immer dann zum Einsatz, wenn es schmutzig wird. Die Öffentlichkeit erfährt davon nur, wenn etwas schiefgeht, so wie am 25. September 2008. Da kaperten somalische Piraten das Frachtschiff MV Faina, das auf dem Weg in den kenianischen Hafen Mombasa war. An Bord: 33 Sowjet-Panzer vom Typ T-72. Sie waren für Südsudan bestimmt, damals noch ein Krisenherd, inzwischen ein selbständiger Staat, den man wegen eines UN-Embargos aber nicht beliefern darf. Die Hintermänner sind bis heute unbekannt - weil sie ihr Geschäft über eine Briefkastenfirma in Panama abwickelten.

Auch westliche Geheimdienste nutzen das anonyme System: Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 registrierte die Star Group Finance and Holdings in Washington D.C. eine Firma namens Elite LLC. Diese wiederum kaufte eine ehemalige Reitschule außerhalb der litauischen Hauptstadt Vilnius. Hinter diesen Firmen steckte die CIA, die dort ein Ge-heimgefängnis betrieb. Die Schein-Direktoren sollten helfen zu verbergen, dass der US-Auslandsgeheimdienst dort Terrorverdächtige folterte.