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Offshore-Leaks:Ein Mann klagte gegen einen Ölkonzern - und wurde verhaftet

Die Welt von Chinas Ölkonzernen ist eine ganz spezielle. Eine Welt des großen Geldes. Und der großen Macht. Das bekam auch Sun Tiangang zu spüren. Kurz nachdem er mit seinen Pipelines Geld verdiente, übernahm Sinopec den kleinen staatlichen Konkurrenten, Suns Partner. Und so begann sein Abstieg. Obwohl er einen Vertrag für 20 Jahre abgeschlossen hatte, wollte Sinopec offenbar den gesamten Umsatz für sich - der Konzern baute eine eigene Pipeline und begann, das Öl umzuleiten. Suns Öl.

Der reichte deshalb Klage ein. Zunächst in Hongkong, dann in Peking. In der Zentrale von Sinopec sagte ihm ein Anwalt des Konzerns: "Überlegen Sie sich genau, was Sie da tun. Sie versuchen, die Kommunistische Partei Chinas vor ein Gericht der Kommunistischen Partei zu bringen. Glauben Sie wirklich, Sie können das gewinnen?"

Er verlor: Im August 2005 wurde Sun festgenommen. Seine Teilhaber zogen prompt die Klage gegen Sinopec zurück und teilten das verbliebene Vermögen unter sich auf. Sun behauptet, sie hätten Unterschriften und Dokumente gefälscht, um seine Immobilien zu verkaufen und die Offshore-Firmen zu kapern.

Und tatsächlich finden sich Suns Firmen in den Offshore-Leaks-Daten: Die Datensätze zeigen, dass während Suns Untersuchungshaft die Ehefrau eines seiner Angestellten den Namen einer Offshore-Gesellschaft änderte.

Nach fünf Jahren in einem Provinzgefängnis in Nordostchina wurde Sun 2010 schließlich entlassen und für zwei Jahre unter Hausarrest gestellt: Rund-um-die-Uhr-Überwachung in einer angemieteten Wohnung in Peking, ohne Telefon. Seine Frau durfte ihn ab und zu besuchen. Im März 2012 wurden die Ermittlungen eingestellt. Seitdem kämpft Sun in den Vereinigten Staaten für sein Recht und gegen Chinas Ölkader. Er hat Klage in Los Angeles eingereicht. Sinopec äußert sich auf Anfrage nicht.

Sein Angriff erwischt die Branche in einem kritischen Moment. Seit wenigen Monaten ist die Vorherrschaft der Ölindustrie unter Druck. Die neue Führung um Staatschef Xi Jinping will den Einfluss der Ölbarone zurückdrängen. Denn die geplanten Wirtschaftsreformen greifen die Macht der Ölkonzerne an. Parteichef Xi Jinping will die Staatsunternehmen wettbewerbsfähiger machen und den Mittelstand stärken. Chinas Industrie soll innovativer werden und die gesamte Wirtschaft künftig vielleicht sogar etwas grüner wachsen. All das passt nicht zum Milliardenmoloch Ölindustrie.

Dabei hat die Branche lange Zeit mitbestimmt, was Recht und was Gerechtigkeit in China ist. Bis zum Herbst 2012 hatte die Industrie ihren eigenen Mann in der Machtzentrale des Landes. Zhou Yongkang war einer der einflussreichsten Männer der Volksrepublik. In der internen Parteihierarchie war er die Nummer vier, zuständig für die Polizei und den Geheimdienst des Landes - ein Hardliner. Er war es, der die Verhaftung des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo anordnete. Unter seiner Führung wurde der Etat für innere Sicherheit massiv aufgestockt, seitdem gibt China mehr Geld für die interne Kontrolle aus als für die Volksbefreiungsarmee.

Bevor Zhou 2007 in den Ständigen Ausschuss des Politbüros aufrückte, hatte er Karriere in der Ölindustrie gemacht. 30 Jahre arbeitete er in der Branche. Im November 2012 wurde er pensioniert. Seitdem geht die politische Führung Chinas allmählich gegen Zhous alte Weggefährten vor. Fünf hochrangige Manager wurden bereits geschasst.

Nun haben zahlreiche Ölkader auch noch ein Offshore-Problem. Sun Tiangang freut das sehr, auch wenn er selbst einmal mehrere Offshorefirmen besaß. Für ihn ist das aber offenbar kein Widerspruch. Er kooperierte ja früher auch mit dem chinesischen Staat.

Die Zeiten sind vorbei. Nun spendet er Geld für Lobby-Organisationen, die sich gegen die Macht der Kommunistischen Partei engagieren - 250.000 Dollar zahlte er alleine im vergangenen Jahr, geht aus öffentlichen Daten hervor.

© SZ vom 23.01.2014

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