Süddeutsche Zeitung

Ölpreis:Taktgeber des Weltmarkts

Bis zum Ende des Jahres könnten die USA Russland überholen und der weltweit größte Ölproduzent werden. Das hat nicht nur wirtschaftliche Auswirkungen, sondern auch politische. US-Präsident Trump könnte es außenpolitisch nutzen.

Als der saudi-arabische Ölminister Khalid al-Falih vor einem Jahr auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos über den Ölmarkt sprach, sinnierte er über seine Nachruhe. "Ich verliere meinen Schlaf nicht", sagte al-Falih und ließ ein Lächeln über sein Gesicht huschen. Die Botschaft: Von der Konkurrenz des US-amerikanischen Schieferöls lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen. Auf dem diesjährigen Treffen in Davos klang er ähnlich. Inzwischen aber dürften sich viele Ölexperten um al-Falihs Schlaf sorgen.

Denn die Machtverhältnisse auf dem Ölmarkt - und damit auch in der internationalen Politik - verschieben sich gerade rasant. Eine Zahl des amerikanischen Amts für Energiestatistik zeigt diese Entwicklung wie im Brennglas: 10,038 Millionen Barrel Rohöl haben die Amerikaner im November 2017 täglich produziert. Mit dieser gigantischen Menge durchbrachen sie nicht nur die Zehn-Millionen-Marke. So viel Öl förderten die Amerikaner seit knapp 50 Jahren nicht mehr. Doch diese Zahlen sind nur ein Etappenziel: Schon Ende des Jahres könnten die USA größter Ölproduzent der Welt sein.

Während Amerikaner und Saudis aktuell je zehn Millionen Barrel pro Tag fördern, hat Russland mit knapp elf Millionen Barrel noch einen kleinen Vorsprung. Die Internationale Energieagentur konstatierte mit Blick auf die USA erst vor wenigen Tagen: "Bis zum Ende des Jahres könnten sie Russland überholen und globaler Spitzenreiter werden." Mit diesem Satz war das Gespenst in der Welt. "Viele am Markt wird es überraschen, wie stark die USA auf dem Ölmarkt werden", sagt Ölanalyst Eugen Weinberg von der Commerzbank.

Die Grundlage für dieses neue Gewicht der Amerikaner auf dem Markt findet sich zum Beispiel im sogenannten Permbecken, das hauptsächlich im US-Bundesstaat Texas liegt. Dort vollzieht sich eine neue amerikanische Revolution: Mit einem Gemisch aus Sand, Wasser und Chemikalien holen die Amerikaner dort Schieferöl aus tiefen Gesteinsschichten. Es ist die Fracking-Revolution. Erst vor Kurzem kündigte der Ölgigant Exxon Mobil an, auf dem wichtigsten amerikanischen Schieferölfeld bis 2025 dreimal so viel Öl aus der Erde zu holen wie zurzeit noch. Insgesamt sind in den USA aktuell 791 Öl-Bohrlöcher aktiv, so viele wie seit drei Jahren nicht, zeigen Daten der Erdöl-Servicegesellschaft Baker Hughes. Wie wichtig das US-Schieferöl wieder geworden ist, zeigt sich auch am Ölpreis. Seitdem in den vergangenen Wochen am Markt verstärkt über die Flut von Schieferöl aus den USA diskutiert wird, ist der Preis für ein Fass (etwa 159 Liter) der Nordseesorte Brent seit Ende Januar von 70 auf gerade noch 63 Dollar gefallen.

Für viele etablierte Petrostaaten dürfte der neuerliche amerikanische Ölboom zum Problem werden. Saudi-Arabien will in diesem Jahr seinen Ölgiganten Saudi Aramco an die Börse bringen, ein hoher Ölpreis ist für sie daher wichtig. Außerdem hängen die Staatshaushalte der Mitglieder der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) am Tropf des Rohstoffs. Doch dem Markt wie früher einfach die Preise diktieren, das kann das Ölkartell nicht mehr. "Die Opec sitzt nicht mehr im Chefsessel", sagt Ölexperte Weinberg. Das spielt den Amerikanern politisch in die Hände. Lange war ihr energiepolitisches Ziel die Unabhängigkeit von anderen Staaten - was nun erstmals seit Jahrzehnten greifbar wird. US-Präsident Donald Trump spricht sogar schon von einer neuen "Energiedominanz".

Die wird er außenpolitisch nutzen können. "Die neue amerikanische Produktion kann der Extrapuffer sein, um im Zweifelsfall leichter Sanktionen gegen andere Staaten zu verhängen", sagt Katherine Spector vom Zentrum für globale Energiepolitik der Columbia-Universität. Die Amerikaner müssten weniger fürchten, dass die betroffenen Staaten Öllieferungen stoppen, um politischen Druck auszuüben. "Außerdem müssen die USA künftig ihre Rolle als Weltpolizist nicht mehr so stark ausfüllen", ergänzt Weinberg.

Angesichts all dieser Trends stecken die alten Ölstaaten in einer Sackgasse: Enthalten die Länder des Ölkartells wie zurzeit dem Markt weiter Öl vor, um das Angebot zu verknappen und den Preis zu stabilisieren, verlieren sie gleichzeitig Marktanteile. Denn die Amerikaner springen in die Lücke. Alternativ könnten die Ölnationen den Markt mit Öl fluten, um den Preis zu drücken und die US-Ölfirmen auszuhungern. Vor einigen Jahren schlug diese Strategie jedoch kolossal fehl. Die Amerikaner wurden nur erfinderischer und trimmten ihre Fördertechnik auf Effizienz. Wie sollten die anderen Ölstaaten diesmal reagieren? Selbst Experten haben keine Lösungen parat. Dem saudischen Ölminister dürften schlaflose Nächte drohen

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SZ vom 17.02.2018
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