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Ölpreis:Sparzwang

Das Überangebot auf dem Ölmarkt hält an - und zwar bis Ende kommenden Jahres, schätzt die Internationale Energieagentur. Konzerne und Ölstaaten müssen harte Einschnitte verkraften. Ein Wettlauf um Marktanteile.

Von Jan Willmroth

Welche Wucht die niedrigen Ölpreise inzwischen entfaltet haben, zeigt Saudi-Arabien besonders deutlich. Etwa 90 Prozent seines Budgets verdient das Königreich mit dem Ölgeschäft. Seitdem die Ölpreise im Frühsommer vergangenen Jahres rasant zu fallen begannen, haben sich diese Einnahmen mehr als halbiert. Das leichte Defizit, das der weltweit größte Öl-Exporteur für 2014 schon ausweisen musste, dürfte nach einem aktuellen Report des Internationalen Währungsfonds in diesem Jahr mehr als vierfach so hoch ausfallen. Die Monarchen in Riad haben jetzt reagiert und etliche Staatsausgaben für das vierte Quartal zusammengestrichen.

Saudi-Arabien ist nicht allein. Von Venezuela bis Russland, von Nigeria bis Norwegen müssen Öl-abhängige Länder Ausgaben kürzen oder ihre Staatsfonds anzapfen, weil die Preisentwicklung ihre Haushaltspläne durchkreuzt. Große Ölkonzerne stoppen Investitionen und entlassen Mitarbeiter; Ölfeld-Service-Firmen fragen sich, wie lange sie ihre teils extrem hohen Schulden noch tragen können.

Nach neuesten Prognosen der Internationale Energieagentur (IEA) in Paris wird das wohl für alle so weitergehen. Zwar steigt das Ölangebot langsamer als noch vor Monaten, aber es steigt eben weiter - und die weltweite Nachfrage nach dem Rohstoff zieht weiterhin nicht so schnell an, wie viele Produzenten es sich wünschen würden.

Bis Ende nächsten Jahres werde das Überangebot anhalten, schätzt die IEA in ihrem am Dienstag veröffentlichten Monatsbericht und korrigiert damit frühere Vorhersagen deutlich. Zwar werde das Angebot außerhalb der Opec-Kartells im kommenden Jahr zurückgehen, die Nachfrage allerdings deutlich langsamer wachsen als in diesem Jahr. Die iranische Regierung wartet nur darauf, wieder mehr Öl zu exportieren, sobald das Atom-Abkommen besiegelt ist. "Der Markt könnte noch eine Weile länger aus dem Gleichgewicht bleiben", resümieren die Analysten der IEA.

Die Hoffnung auf eine schneller steigende Ölnachfrage ließ die Preise für Rohöl seit Anfang Oktober stark steigen. An den derzeitigen Preisschwankungen dürften Spekulanten einen hohen Anteil haben. Die Chefs großer Ölkonzerne geben inzwischen öffentlich zu, die weitere Entwicklung kaum noch einschätzen zu können. Keiner von ihnen könne wissen, wie lange Öl noch so günstig bleibe, hatte Rex Tillerson, Chef des weltweit größten Ölkonzerns Exxon Mobil, vergangene Woche gesagt. Bill van Beurden, Vorstandvorsitzender des Konkurrenten Shell, sagte, er gehe von einer längeren Phase niedriger Preise aus.

Erst zu Wochenbeginn hatten sich Vertreter der Opec optimistisch geäußert: Die aktuelle Situation am Markt sei positiv, sagte der Generalsekretär des Ölkartells, Abdalla Salem El-Badri, am Montag auf einer Konferenz in Kuwait. Saudi-Arabien führt die Strategie des Kartells an, angesichts der niedrigen Preise sogar noch mehr Rohöl zu fördern - um mittelfristig Wettbewerber aus dem Markt zu drängen, die zu höheren Kosten produzieren. Seit Monaten übertreffen die Opec-Staaten ihre selbst gesetzte Quote von 30 Millionen Barrel (ca. 159 Liter) Öl am Tag, im September erhöhten sie die Fördermenge erneut, der Irak pumpt auf Rekordniveau. Die große Frage sei, sagte der Harvard-Historiker Niall Ferguson der Nachrichtenagentur Bloomberg, ob das saudische Regime angesichts schwindender Erlöse und der Teilnahme an den Kriegen in Syrien und dem Jemen stabil bleibe.

© SZ vom 14.10.2015

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