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Opec-Konferenz:Wird das Öl noch teurer?

Erdölraffinerie in Saudi-Arabien: Das Kartell der Förderer Opec ist wieder mächtiger geworden.

(Foto: Tom Hanley/Mauritius)

Der Klub der Ölländer tagt, der Preis springt plötzlich nach oben. Droht Urlaubern ausgerechnet jetzt der Sprit-Schock?

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Vielleicht wirkte es ein bisschen zu harmonisch, als sich die Ölminister des Förderkartells Opec am Dienstag zur Videoschalte trafen. Die Vorbesprechung? Ungewöhnlich schnell vorbei. Die Rede des Opec-Generalsekretärs? Gespickt mit wohlklingenden Worten wie Kooperation, Balance und Stabilität. Die Einlassungen der Spindoktoren vorher? Es sei höchst unwahrscheinlich, dass irgendetwas Wichtiges passieren werde. Alles nach dem Motto: Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

Doch etwas abseits der großen Aufmerksamkeit gewinnt das totgesagte Ölkartell wieder an Macht. Nur ein Jahr nach dem Pandemie-Schock am Ölmarkt scheint die Opec plus plötzlich so einflussreich zu sein wie lange nicht: Statt Überfluss könnte am wichtigsten Rohstoffmarkt der Welt bald Knappheit herrschen. Im Ergebnis könnte das erweiterte Ölkartell um Länder wie Saudi-Arabien und Russland nicht nur Marktanteile gewinnen, sondern auch an Macht über die Preise.

So kurz vor der Feriensaison fragen sich Autofahrer hierzulande daher, ob eine Handvoll Ölminister ihnen beim Tanken die Laune verdirbt. Immerhin notieren die Spritpreise für einen Liter Super E10 im Bundesschnitt aktuell bei knapp 1,50 Euro. Zu Jahresbeginn kostete der Liter noch rund 25 Cent weniger.

Wer verstehen will, wie folgenreich die Entscheidungen des Kartells für die Geldbörsen der Verbraucher sind, muss zunächst ein Jahr zurückblicken: Als zwischen April und Juni 2020 im ersten Lockdown reihenweise Flugzeuge stillstanden und Schiffe in den Häfen ankerten, brach die Ölnachfrage um 20 Prozent ein. Das Kartell allerdings drehte seine Förderhähne zunächst sogar noch auf und ließ die Preise kollabieren - bevor man sich zu Förderkürzungen durchringen konnte. Der Nimbus der einstmals einflussreichen Institution wirkte angekratzt.

Inzwischen hat sich die Ausgangslage allerdings grundlegend gewandelt, wie der Ölförder-Klub in einem internen Papier skizzierte: Während im vergangenen Jahr jeden Tag mehr als drei Millionen Fass Öl zu viel auf den Weltmarkt gebracht wurden, dürfte es dieses Jahr knapp 1,5 Millionen Barrel zu wenig geben - und zwar jeden Tag. "Das könnte den Ölpreis weiter treiben", sagt Rohstoffexperte Carsten Fritsch von der Commerzbank.

Wenn Flugzeuge wieder fliegen, Schiffe wieder fahren und Fabrikschlote wieder rauchen, wird weltweit schließlich mehr Öl gebraucht. Schon im zweiten Halbjahr könnten die weltweite Nachfrage im Post-Pandemie-Boom so drastisch nach oben schnellen, dass Ölkunden rund um den Globus Lagerbestände in gigantischem Ausmaß anzapfen dürften. Prognosen der Opec zufolge könnten die Verbraucher dann mehr als zwei Millionen Fass Rohöl am Tag aus Öllagern entnehmen müssen, um ihren Bedarf zu decken.

Bereits seit Jahresbeginn hat der Preis für Öl der Nordseesorte Brent um 37 Prozent zugelegt, pünktlich mit Beginn der Opec-Verhandlungen sprang die Notierung über die runde Marke von 70 Dollar je Fass. Würden nun wieder verstärkt Spekulanten in den Markt einsteigen, könnte das den Preis noch weiter treiben.

Nicht einmal große Widersacher scheinen der Opec die aktuelle Preisjagd vermiesen zu können: Eigentlich waren die findigen Schieferölförderer aus dem Mittleren Westen der USA stets zuverlässig zur Stelle, wenn es darum ging, dem Ölkartell Marktanteile abzujagen. Doch gerade viele der kleinen Schieferöl-Produzenten sind wirtschaftlich nach der Coronakrise so lädiert, dass ihre Anteilseigner statt neuer Ölanlagen lieber weniger Schulden und üppigere Dividenden sehen möchten.

Auch die großen Ölmultis könnten diesmal Hemmungen haben, zu schnell zu viel zu fördern: Erst vergangene Woche verurteilte ein niederländisches Gericht den Ölgiganten Shell schließlich dazu, bis zum Jahr 2030 insgesamt 45 Prozent weniger CO₂-Emissionen auszustoßen. Beim Ölkonzern Exxon Mobil boxte noch am gleichen Tag ein aktivistischer Hedgefonds seine Kandidaten für den Aufsichtsrat durch, die künftig auf mehr erneuerbare Energien pochen sollen. "Das wird der Opec in die Karten spielen", sagt Ölexperte Carsten Fritsch. Und es könnte den Preis treiben.

Doch mancher Ölminister im Kartell könnte die Rechnung ohne Iran gemacht haben, das mit den Vereinigten Staaten um ein Atomabkommen ringt. Käme der Deal, dürften die USA wohl ihre Sanktionen lockern und Iran seine Ölproduktion ruckartig hochfahren. Statt aktuell rund zwei Millionen Fass am Tag könnte das Land bald schon vier Millionen Barrel fördern. "Damit wäre die künftige Knappheit schon wieder ausgeglichen", sagt Ölexperte Carsten Fritsch. Dazu kommt: Immer mehr Ölexperten sorgen sich, dass die Pandemie in der drittgrößten Verbrauchernation Indien wieder schlimmer wütet - und dort auf die Ölnachfrage drückt.

Ölknappheit einerseits, Unsicherheitsfaktoren andererseits: Angesichts dieser unklaren Lage warteten die Ölminister bei ihrem Treffen am Dienstag erst einmal ab, nach knapp 25 Minuten war die sonst lebhafte Ministerrunde bereits vorüber. Das Ergebnis? Man bekräftigte bloß, was die Minister bereits im April beschlossen hatten. Die Ölproduktion des Kartells soll bis Ende Juli schrittweise um einige Hunderttausend Fass am Tag steigen.

Für Autofahrer dürfte dieses moderate Zusatzangebot an Öl jedoch keine Entlastung beim Preis bedeuten: Völlig unabhängig von den einflussreichen Ölministern werden günstige Gelegenheiten an der Tankstelle nämlich immer seltener. Gab es an den Zapfsäulen vor wenigen Jahren lediglich vier Preisspitzen pro Tag, sind es seit vergangenem Jahr oft fünf. "Seit Ende März sind es zeitweise bis zu sechs, insbesondere an den Markentankstellen", sagt Benzinexperte Steffen Bock vom Portal Clever Tanken. Am günstigsten lässt es sich noch zwischen 8 und 10 Uhr tanken, mittags nach 12 Uhr - und am Abend zwischen 20 und 22 Uhr. Dann schlafen auch die Ölminister.

© SZ
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