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Rohstoffe:Ölpreise spielen verrückt

General view of oil tanks and the Bayway Refinery of Phillips 66 in Linden

Öltanks und Raffinerie von Phillips 66 in Linden im US-Bundesstaat New Jersey.

(Foto: Mike Segar/Reuters)
  • Der Preis für ein Ölfass der Sorte Brent schießt am Donnerstag von rund 25 Dollar am Morgen auf in der Spitze 36,29 Dollar.
  • Es ist der stärkste Preissprung am Ölmarkt seit vielen Jahren.
  • US-Präsident Trump drängt auf die Bühne des Ölmarkts. Mit seinen Tweets bringt er die Preise ins Schwanken.

Es war um 16.26 Uhr deutscher Zeit, als Donald Trump den weltweiten Ölmarkt mit nur 277 Zeichen aus dem Gleichgewicht brachte. Was der Präsident auf Twitter notierte, klang eigentlich wenig aufregend: Er habe mit dem saudischen Kronprinzen gesprochen und der wiederum habe mit Kremlchef Wladimir Putin konferiert. Was lapidar klingen mag, barg für Eingeweihte jedoch Sprengstoff, politisch und preislich. Denn der US-Präsident will nicht weniger, als das Machtverhältnis am weltweiten Ölmarkt neu austarieren.

Selbst sonst so nüchterne Experten mussten am Abend konstatieren: Am Donnerstag spielte der Ölpreis verrückt. Am Morgen noch hatte ein russischer Energiedienst gar einen negativen Ölpreis in seinen Listen ausgemacht. Donald Trump wiederum katapultierte mit seiner Nachricht den Preis für die Nordsee-Ölsorte Brent in der Spitze um knapp 45 Prozent in die Höhe - es ist der stärkste Preissprung am Ölmarkt seit vielen Jahren. Hatte ein Fass Brentöl am Morgen noch rund 25 Dollar gekostet, waren es binnen Minuten in der Spitze bereits 36,29 Dollar. Viele fragen sich nun, was am wichtigsten Rohstoffmarkt der Welt vor sich geht.

Am Ende war es eine Zahl, mit der der US-Präsident die Fantasie der Ölhändler auf Twitter anregte. Denn Trump deutete an, dass Saudis und Russen bald mit ihrer Ölproduktion knausern könnten. "Ich erwarte und hoffe, dass sie um zehn Millionen Fass kürzen werden und vielleicht auch deutlich mehr", gab Trump zu Protkoll. Später deutete er an: Die Produktionskürzung am Ölmarkt könnte auch 15 Millionen Fass betragen.

Wer begreifen will, warum diese Ankündigung den Ölpreis in die Höhe schießen ließ, muss sich das Verhältnis klarmachen. Im gesamten vergangenen Jahr betrug die weltweite Ölnachfrage rund 100 Millionen Fass pro Tag. Auf der vergangenen Sitzung des erweiterten Ölkartells Opec+ diskutierten die mächtigen Ölminister eine mögliche Förderkürzung von 1,5 Millionen Barrel. "Und bereits daran sind die Diskussionen zerbrochen", sagt Energieexperte Andreas Goldthau von der Uni Erfurt. Nun also zehn Mal schärfere Förderkürzungen?

Trump drängt auf die Bühne des Ölmarkts

Wenige Minuten nach seinem Tweet schien Trump Unterstützung aus dem saudischen Königshaus zu bekommen, man setze sich für eine neue Sitzung des Ölkartells Opec inklusive Russlands ein, hieß es aus Riad. Doch schon wenig später machte Kremlsprecher Dmitrij Peskow manche Hoffnungen wieder zunichte. Der Tweet von Trump stimme nicht: "Es gab keine Gespräche", zumindest nicht zwischen Präsident Putin und dem saudischen Kronprinzen. Der Ölpreis pendelte sich nach dieser Wortmeldung wieder bei der Marke von 30 Dollar je Fass Brent-Öl ein, auf Tagessicht immer noch ein Plus von rund 20 Prozent.

Ölexperten versuchten schließlich noch den ganzen Abend, Tweets und Wortmeldungen wie Puzzlestücke zusammenzusetzen und die verworrene Lage zu analysieren. Das Ergebnis: Hinter dem Verwirrspiel am Ölmarkt scheint ein globaler Machtpoker zu stehen.

Denn die Vereinigten Staaten haben ihre Ölproduktion in den vergangenen Jahren kräftig ausgebaut, von rund sechs Millionen Fass am Tag auf glatt das Doppelte. In den vergangenen Jahren hatte sich Trump jedoch immer zurückgelehnt, wenn es darum ging die Preise zu stabilisieren - und diese Aufgabe de facto den Ländern des Ölkartells überlassen. "Die USA waren immer der lachende Dritte", sagt Ölexperte Goldthau. Andere Länder kürzten ihre Förderung und trieben damit den Ölpreis, die US-Förderer bekamen einen stabilisierten Ölpreis frei Haus.

Die Corona-Krise setzt dem Ölmarkt zu

Nun jedoch scheint Trump auch am Ölmarkt eine Führungsrolle übernehmen zu wollen. Bereits am Montag hatte er mit dem russischen Präsidenten Putin über den hochpolitischen Rohstoff gesprochen. Am Ende einigte man sich gar auf den Formelkompromiss, dass "Stabilität" am Ölmarkt wichtig sei, was auch immer das heißt.

Warum Trump nun auf die Bühne des Ölmarkts drängt, ist offensichtlich: Viele der US-amerikanischen Schieferölförderer, die den Rohstoff unter hohem Druck aus tiefen Gesteinsschichten pressen, kommen immer stärker unter ebensolchen. Weil die Ölpreise in den vergangenen Monaten auch aufgrund der abebbenden Nachfrage eingebrochen sind, lohnt sich die Förderung für viele nicht mehr. Ein erster Schieferölförderer wurde am Mittwoch gar zum Konkursfall. "Am Ende des Tages geht es Trump um diese Jobs", sagt Ölexperte Giovanni Staunovo von der UBS.

Doch die Wahrscheinlichkeit, dass Trump tatsächlich einen Deal am Ölmarkt orchestrieren kann, scheint gering. Russlands große Ölgesellschaften könnten Prognosen zufolge durchaus noch gute Profite machen, wenn der Ölpreis auf 15 Dollar fallen sollte. Denn viele Kosten fallen in günstigen Rubel an, während die Einnahmen in harten Dollar fließen. "Die haben wenig Anreize für einen Waffenstillstand", sagt Staunovo. Nicht zuletzt, weil sie mit jedem Tag niedriger Ölpreise weitere US-Konkurrenten aus dem Markt drängen könnten - und vielleicht gar in Konkurs.

Bald könnten die Ölpreise gar ins Negative kippen

Selbst wenn die drei mächtigsten Länder am Ölmarkt tatsächlich mit Förderkürzungen liebäugeln sollten, müssten sie am Ende feste Quoten vereinbaren. Saudis und Russen mit ihren mindestens staatsnahen Ölunternehmen dürften das durchsetzen können, doch US-Präsident Trump stünde vor einer schier gigantischen Herausforderung: Er müsste eine Vielzahl unabhängiger Privatunternehmen zum Kürzen drängen. "Der hat offenbar nicht verstanden, wie Wettbewerbsrecht funktioniert", sagt Ölexperte Goldthau.

Zu alledem ist nicht einmal klar, ob selbst eine radikale Fördermengenkürzung den rasanten Nachfrageeinbruch nach Öl kompensieren könnte. Weil Staaten rund um den Globus wegen des Coronavirus ihre Wirtschaft einfrieren, wird für Fabriken und Flugzeuge weniger Öl gebraucht. So prognostiziert die Wiener Energieberatung JBC Energy, dass die weltweite Ölnachfrage im zweiten Quartal um rund 15 Prozent einbrechen dürfte.

Sollten die großen Ölnationen trotz sinkender Nachfrage weiter massiv fördern, könnten bereits in wenigen Monaten die weltweiten Öllager überquellen. Dann, glauben Experten, könnten die Ölpreise sogar flächendeckend ins Negative fallen. Im Klartext: Produzenten würden dafür zahlen, dass ihnen jemand ihr Öl abnimmt, irgendwie. Schließlich lassen sich nicht alle Ölanlagen nach Belieben hoch- und runterfahren wie ein Schreibtischstuhl.

Zumindest aus dem westsibirischen Nischnewartowsk drangen Meldungen, dass dieser "verkehrte Ölmarkt" bereits Realität sein könnte: Der Preis für die russische Standardölsorte Urals war inzwischen so weit gefallen, dass manche Spezialpreise rechnerisch ins Negative kippten. Wer aus Westsibirien Öl an eine Pipeline westeuropäischer Kunden transportieren musste, bekam dafür so wenig, dass Transportkosten und Exportzölle wohl schwerer wogen - und unter dem Strich ein Verlust von 1200 Rubel, umgerechnet 14 Euro, je Öltonne aufgelaufen sein dürfte.

Es wäre eine Ironie der Geschichte, wenn nun ausgerechnet manche Russen ihre Hoffnungen auf den US-Präsidenten setzen würden.

© SZ vom 03.04.2020/aner/cat

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