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Ölpreis:Ende der Euphorie

Fracking in Pennsylvania

Die US-Industrie leidet unter dem niedrigen Ölpreis. Im Bild: Fracking in Pennsylvania im Jahr 2012

(Foto: dpa)
  • Der niedrige Ölpreis setzt die amerikanische Ölindustrie immer mehr unter Druck, viele Bohrtürme haben mittlerweile den Betrieb eingestellt.
  • Der Boom, der durch die Fracking-Technologie ausgelöst wurde, flacht möglicherweise früher ab als erwartet. Die Fördermengen bleiben hinter den Prognosen zurück.
  • Viele Unternehmen haben sich mit ihren Fracking-Investitionen finanziell übernommen.

Analyse von Silvia Liebrich

Der niedrige Ölpreis erweist sich immer deutlicher als Fluch für die amerikanische Rohstoffindustrie. Das Desaster lässt sich in Zahlen messen. Nur noch 760 Ölbohrtürme sind nach neuesten Angaben der US-Firma Baker Hughes in den Vereinigten Staaten in Betrieb. Damit hat sich ihre Anzahl seit dem Höchststand im vergangenen Oktober mehr als halbiert. Baker Hughes ist die größte Erdöl-Service-Gesellschaften der Welt und unmittelbar betroffen. Viele Förderfirmen bringt der Verfall der Ölnotierungen schwer in Bedrängnis. Die sanken 2014 um 50 Prozent und bewegen sich seitdem um die 50-Dollar-Marke für ein Fass (159 Liter). Die Kosten laufen den Produzenten davon, gleichzeitig sitzen viele auf einem hohen Schuldenberg, weil sie im Zuge des Öl- und Gasbooms viel investiert haben.

Erster Förderrückgang seit vier Jahren

Eine Wende am Ölmarkt und ein Ende der niedrigen Preise käme der Ölbranche daher sehr gelegen. Dass die vielleicht schneller kommen könnte als gedacht, machte diese Woche eine knappe Notiz der amerikanischen Energieagentur EIA deutlich. Die bereitet die Wirtschaft schon mal auf einen leichten Rückgang der US-Ölproduktion im Mai vor, den ersten Rückgang seit vier Jahren. Betroffen sind vor allem die Schieferölfelder in North Dakota. Die Prognose ist bemerkenswert, denn bisher hieß es bei der EIA, der Ölboom in den USA, der durch die umstrittene Fracking-Technologie angeheizt wird, werde frühestens 2020 abflachen. An den Märkten wird nun spekuliert, ob die Zeiten des billigen Öls schon bald Geschichte sein werden.

Southwestern Energy Gives Tour During Fracking Stimulation

An diesem Bohrturm wird noch gearbeitet, andere sind bereits abgebaut. Der niedrige Ölpreis setzt den Produzenten in den USA zu.

(Foto: Julia Schmalz/Bloomberg)

Die Reaktion war in dieser Woche deutlich spürbar, die Notierungen legten nach der EIA-Meldung zwei Tage in Folge deutlich zu. Ein Barrel kostete am Donnerstag knapp 56 Dollar. Dass der Auftrieb nicht stärker ausfiel, dürfte daran liegen, dass in den USA derzeit laut Bloomberg gemessen am Verbrauch so viel von dem Brennstoff gehortet wird wie seit den 1930 Jahren nicht mehr. Die größte Ölverbrauchernation der Welt wird also nicht so schnell auf dem Trockenen sitzen. Der Anstieg der Notierungen macht aber deutlich, wie fragil und unberechenbar der Ölmarkt ist. Selbst kleine Ankündigungen wie die der EIA können große Wirkung zeigen.

"Neue Realitäten und falsche Erwartungen"

Dass die Lage heikel ist, darüber ist man sich auch in den Führungsetagen der Ölindustrie im Klaren. Bei einem Treffen in Houston in Texas kommt nächste Woche die Spitze der Branche zusammen. Der Titel der Veranstaltung "Turning Point" - zu deutsch Wendepunkt, macht deutlich, um was es geht. Auf der Liste der Redner stehen unter anderem die Chefs von Exxon und BP, Rex Tillerson und Robert Dudley. Die Ölindustrie müsse sich mit "neuen Realitäten und falschen Erwartungen" auseinandersetzen, meint der Wirtschaftswissenschaftler und Ölexperte Daniel Yergin, Organisator des hochrangigen Treffens. Fest steht, die Goldgräberstimmung, die noch vor drei vier Jahren in der Branche herrschte, sie ist verflogen.

SZ-Grafik; Quellen: IHS, Ludwig Bölkow Systemtechnik, Peak Oil Barrel

Neu entdeckte Vorkommen gibt es kaum

Zu den Problemen, mit denen sich die Vorstände der Ölkonzerne in Houston befassen müssen, gehört auch, dass allgemein immer weniger Vorkommen gefunden werden. 2014 wurde weltweit so wenig neues Öl entdeckt wie zuletzt 1952, insgesamt etwa 4,5 Milliarden Barrel. Das hat die amerikanische Beratungsfirma IHS berechnet. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 wurden Vorkommen mit einem Volumen von mehr als 20 Milliarden Barrel entdeckt.

Die Zeichen sind nicht zu übersehen. Das fossile Zeitalter neigt sich dem Ende zu. Die USA können das Ende mit Hilfe von Fracking noch ein bisschen hinauszögern. Die jüngsten Zahlen der US-Energieagentur deuten jedoch an, dass so manche Einschätzung in dieser Hinsicht vielleicht zu optimistisch war. Tatsache ist, dass die EIA die Förderung in North Dakota - eine Region, die zwölf Prozent zur US-Ölfördermenge beisteuert - schon länger zu hoch einschätzt. Zahlen der Behörden aus dem Bundesstaat selbst zeigen zudem deutlich, dass die Produktion in der Bakken-Formation bereits seit Jahresanfang sinkt, und nicht erst ab Mai, wie von EIA prognostiziert.

SZ-Grafik; Quellen: IHS, Ludwig Bölkow Systemtechnik, Peak Oil Barrel

Bakken, das ist nicht irgendein Ölfeld. Der Name steht für eines der größten nicht konventionellen Ölvorkommen der USA. Erst die umstrittene Fracking-Technologie hat die Ausbeutung möglich gemacht. Es sind Funde wie dieser, die das Land in den vergangenen Jahren deutlich unabhängiger gemacht haben, etwa von Öllieferungen aus Saudi Arabien. Sinkt die Förderung in North Dakota, dann wird das in der Branche als Zeichen gewertet, dass der Fracking-Aufschwung schneller seinen Zenit erreichen könnte als bisher angenommen. Während ein Teil der Experten glaubt, dass die Ölförderung jederzeit wieder den alten Stand erreichen kann, wenn der Ölpreis steigt und wieder mehr investiert wird, sind andere skeptisch. "Die ergiebigsten Quellen sind bereits erschlossen und auch in Betrieb", sagt Werner Zittel von der Energy Watch Group, einem internationalen Netzwerk von Wissenschaftlern und Parlamentariern. Vorkommen, die in der nächsten Welle erschlossen würden, seien nicht mehr so ergiebig.

Viele Unternehmen haben sich finanziell übernommen

Deshalb werde es für die USA immer schwerer, ihre Ölproduktion hoch zu halten. Auch die Industrie stellt sich auf härtere Zeiten ein. 130 Fusionen und Übernahmen wurden 2014 in der amerikanischen Öl- und Gasbranche registriert, das ist neuer Rekord. In diesem Jahr könnten es noch mehr werden. Dies ist immer auch ein Zeichen dafür, dass viele Unternehmen sich finanziell übernommen haben. Fracking habe zuletzt einen enormen Anstieg erlebt, jetzt bereinige sich der junge Markt, heißt es in einer Analyse des Wirtschaftsforschungsinstituts ZEW. Sollte sich der Frackingboom in den USA tatsächlich schon bald abschwächen, könnte das die Wendemarke bei den Ölpreisen bedeuten. Aber auch andere Faktoren spielen dafür eine entscheidende Rolle. So hat sich die Organisation erdölproduzierender Länder (OPEC), die von Saudi Arabien angeführt wird, bislang geweigert, ihre Produktion zu drosseln, um den Preisverfall des Öls zu stoppen. Ob es dabei bleibt, ist unklar, das nächste Treffen der Opec steht im Juni an. Für einen deutlichen Anstieg der Nachfrage gibt es derzeit zumindest keine Anzeichen. Dämpfend wirkt sich derzeit die schwächelnde Wirtschaft Chinas aus.

Auch die deutsche Wirtschaft könnte Schaden nehmen

Ein Anstieg des Ölpreises kann für die Weltwirtschaft vor allem dann zum Problem werden, wenn er sehr rasch erfolgt. Ein Risiko, das derzeit allerdings kaum gesehen wird, auch nicht vom Internationalen Währungsfonds (IWF). Öl werde im Jahresdurchschnitt 2015 mit 58,14 Dollar pro Fass um fast 40 Prozent billiger sein als 2014, prognostizierte der IWF in dieser Woche. Führende deutsche Wirtschaftsinstitute gehen in einer noch nicht veröffentlichten Studie für das Bundeswirtschaftsministerium davon aus, dass der Ölpreis vorerst niedrig bleibt. Sollte das nicht der Fall sein, sei mit einem dämpfenden Effekt für die deutsche Konjunktur zu rechnen, warnen sie.

Doch es gibt auch Zweifel an der IWF-Prognose. Energieexperte Zittel warnt vor unterschätzten Risiken: "Beim Ölpreis wird viel schöngeredet."

© SZ vom 17.04.2015/pwe
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