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Ölpreis:Der Prinz und der Kreml

Saudi-Arabiens Staatslenker Mohammed bin Salman will die Öl-Absprachen mit Russland dauerhaft anlegen. Die Ölförderorganisation Opec hat großes Interesse an dieser Zweckehe. Der Ölpreis soll stabilisiert werden.

Khurais-Ölfeld in Saudi-Arabien Mehrwersteuer

Flammen in der Wüste von Saudi-Arabien: Saudi Aramco expandiert auch im Gasgeschäft kräftig.

(Foto: Ali Haider/epa)

Mohammed bin Salman überbietet sich gern selbst mit Ankündigungen. Etwa zwei Wochen hat sich der saudi-arabische Kronprinz Zeit genommen für eine Reise in die USA, eine Mischung aus Diplomatie und Geschäft, zu Besuch bei einer Regierung, deren Chef Donald Trump auch als Präsident die Kunst des "Deals" pflegt. Seinen US-Aufenthalt nutzt bin Salman folgerichtig, um große Deals zu verkünden: Der japanische Softbank-Konzern werde ein Solarenergieprojekt mit einem Volumen von 200 Milliarden Dollar finanzieren, hieß es in dieser Woche. Ein Wahnsinnsprojekt - und eines, das perfekt in bin Salmans "Vision 2030"-Kampagne passt, mit der er die Modernisierung seines Landes zu vermarkten versucht.

Bin Salman beeilt sich, Saudi-Arabien weniger abhängig von den Petrodollars zu machen, die es mit dem Ölexport verdient. Wie sehr das Land immer noch darauf angewiesen ist, zeigt eine weitere Ankündigung in dieser Woche, die früher undenkbar gewesen wäre: Man wolle die Kooperation der Opec mit Russland auf zehn, vielleicht sogar 20 Jahre ausdehnen, und zugleich die Zusammenarbeit mit andere Ölförderländern längerfristig anlegen, sagte bin Salman Anfang der Woche im Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. "Wir sind uns beim großen Bild einig, aber nicht in den Details", ließ sich der Kronprinz zitieren. Die langjährigen Abkommen sollten die bisherigen Kooperationen ablösen, die für ein Jahr vereinbart worden seien und jeweils verlängert werden müssten. Am Mittwoch bestätigte Opec-Generalsekretär Mohammed Barkindo die Überlegungen. Auf einer Energiekonferenz in Bagdad sagte er, man strebe zur Stabilisierung des Ölpreises "auf viele Jahre angelegte Abstimmungen" mit anderen Petrostaaten an. Bislang war lediglich bekannt, dass der Öl-Verbund Opec mit Russland und weiteren wichtigen Förderern außerhalb der Organisation darüber verhandelt, die gemeinsamen Fördergrenzen zu verlängern. Schon im Februar hatte der Energieminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Suhail Al Masrouei, seine Hoffnung geäußert, das Abkommen möge "für immer fortbestehen".

Eine derart intensive Zusammenarbeit zwischen der Opec und Russland hat es zuvor noch nie gegeben, noch 2016 war fraglich, ob sie zustande kommt. Im Januar vergangenen Jahres rangen sich beide Seiten dazu durch, ihre Ölförderung zu drosseln, um die Preise zu stützen. Das dauerte, aber es funktionierte: Seit Ende Oktober hat die Nordseesorte Brent die Marke von 60 Dollar pro Fass nicht mehr unterschritten. Wie die Opec-Staaten ist Russland auf Einnahmen aus dem Ölexport angewiesen. Im November hatten die teilnehmenden Staaten beschlossen, die Fördergrenze bis Ende 2018 zu verlängern. Vergangene Woche hatte der saudi-arabische Ölminister erklärt, die Regierung in Riad hoffe, das Abkommen bis ins kommende Jahr hinein zu verlängern. Ein Kreml-Sprecher sagte am Mittwoch, Russland und Saudi-Arabien beuten ihre Beziehungen aus, "inklusive Kooperationen im Energiemarkt."

Der Schulterschluss der beiden Staaten - die etwa im Syrien-Konflikt jeweils verfeindete Parteien unterstützen - ist eine Folge der verschobenen Gewichte auf den weltweiten Energiemärkten. Ein großes Überangebot an Erdöl und eine schwache Nachfrage hatten von Mitte 2014 an zu einem Absturz der Preise von mehr als 100 auf unter 30 Dollar pro Fass geführt. Mit dem Aufstieg der Fracking-Förderung in den USA war die Marktmacht der Opec weiter erodiert. Das von Saudi-Arabien dominierte Kartell ist nur noch mithilfe von Drittländern in der Lage, die Ölpreise zu manipulieren. Sollte die Russland-Allianz tatsächlich von Dauer sein, beginnt für die Opec eine neue Ära.

So wertvoll ist kein anderer Konzern

Die gewaltigen Dimensionen von Saudi-Arabiens staatlicher Ölgesellschaft Saudi Aramco werden erst richtig deutlich, wenn man sie ins Verhältnis setzt. Mit einem Marktwert von mehr als 850 Milliarden Dollar ist Apple derzeit - und schon länger - das wertvollste börsennotierte Unternehmen der Welt. Vor wenigen Monaten waren es sogar schon einmal zig Milliarden mehr. Die symbolische Grenze von einer Billion aber hat bislang keine Firma der Welt jemals erreicht. Das Königshaus in Riad taxiert den Wert von Saudi Aramco vorsorglich gleich auf zwei Billionen Dollar. Auch wenn das im Ausland als unrealistisch gilt: So viel, hofft die Herrscherfamilie, könnte der Staatskonzern zum Börsengang wert sein. Gelingt das, wäre es mit sehr weitem Abstand die größte Erstnotiz der Geschichte, obwohl nur bis zu fünf Prozent der Firmenanteile auf den Markt kommen sollen. Der Plan scheint aufwendiger zu sein als ursprünglich gedacht: Erst Ende dieses Jahres oder Anfang 2019 dürften das Projekt abgeschlossen und Aramco-Aktien an der Börse zu kaufen sein, kündigte Kronprinz und De-facto-Herrscher Mohammed bin Salman in einem Interview an. Der Mega-Börsengang ist ein wesentlicher Teil seiner Strategie zur Modernisierung des Landes. Das eingenommene Geld soll Projekten zugute kommen, mit denen Saudi-Arabien weniger abhängig vom Erdöl werden will. Jan Willmroth