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Billiges Öl:So gefährlich ist der niedrige Ölpreis

Ein niedriger Ölpreis ist langfristig sehr riskant. Er birgt Gefahren fürs Finanzsystem, fürs Klima und für die Gesamtwirtschaft.

(Foto: Brennan Linsley/AP)

Verbraucher freuen sich zwar über günstige Spritpreise an den Tankstellen. Doch die Gefahren der niedrigen Notierungen sind gravierend.

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Als manche Ölnotierungen Anfang der Woche ins Negative kippten, da machten sich viele Verbraucher Hoffnungen: Bekommen sie an der Zapfsäule nun Geld raus, wenn sie volltanken? Viele ahnten wohl schon, dass damit nicht zu rechnen ist - und freuten sich dennoch über günstige Spritpreise. Was allerdings weit weniger bekannt ist: Niedrige Ölpreise können fatale Folgen haben. Eine Übersicht über die größten Gefahren.

Probleme im Finanzsystem

Gerade viele US-Schieferölfirmen haben in den vergangenen Jahren nicht nur Unmengen an Öl gepumpt, sondern sich auch mit Schulden aufgeblasen. Viel Geld haben sich die Frackingunternehmen dabei am US-Anleihemarkt besorgt, das Volumen von Energieanleihen hat sich in der vergangenen Dekade vervierfacht. Auch US-Banken haben Energieunternehmen wohl mehrere hundert Milliarden Dollar an Krediten eingeräumt. Doch mit kollabierten Preisen rechnet es sich für viele der Ölunternehmen nicht mehr, den Rohstoff überhaupt zu fördern - was die Geldgeber der Firmen sorgt. "Gerade die kleinen Ölfirmen sind bedroht", sagt Michael Dei-Michei von der Wiener Energieberatung JBC Energy.

Probleme im Ölsektor dürften unter anderem US-amerikanische Regionalbanken treffen, die sich mit Krediten stark engagiert haben. Bei manchen dieser Regioinstitute ging jeder zehnte Kredit-Dollar an Energieunternehmen. Bankexperten warnen hinter vorgehaltener Hand davor, sich vom Label "Regionalbank" täuschen zu lassen. Im schlimmsten Fall könnte die Schieflage bereits eines Institutes für einen Kaskadeneffekt im Finanzsystem sorgen. Am Anleihemarkt sieht die Situation entspannter aus: Dort müssen die Öl- und Gasunternehmen zumindest dieses Jahr nur einen kleinen Teil der Anleihen zurückzahlen.

Hoher Deflationsdruck

Sinkende Preise? Das klingt für viele Verbraucher toll. Denn dann wird in der Zukunft schließlich vieles günstiger. Wer mit dem Waschmaschinenkauf einen Monat wartet, bekommt einen automatischen Rabatt. Doch genau das kann für die Gesamtwirtschaft desaströse Folgen haben: Denn sinken die Preise, zögern viele Käufer Anschaffungen immer weiter hinaus und würgen so die Wirtschaft ab. Finanzexperten sorgen daher die extrem gefallenen Ölpreise, die stark auf das Preisniveau durchschlagen. Bereits im März stiegen die Preise in der Eurozone nur noch um 0,7 Prozent, noch im Februar waren sie um 1,2 Prozent geklettert. Vor allem der Ölpreissturz entlastete manchen Geldbeutel - und sorgt Finanzexperten: "Wir betrachten diese Krise als brutalen deflationären Schock für die Märkte", notiert die Fondsgesellschaft Carmignac in einem Anlegerbrief. Ob sich der aktuelle Druck auf die Preise am Ende aber tatsächlich zu einer längerfristigen Deflationsspirale auswächst, ist unklar. In der Vergangenheit lagen Experten mit ihren Preisprognosen jedenfalls ziemlich oft daneben.

Geopolitische Verwerfungen

Der Ölpreis ist der vielleicht politischste aller Preise - und geriet bereits in der Vergangenheit oft zum geostrategischen Zündholz. Solch tiefe Ölpreise wie derzeit gab es in diesem Jahrtausend noch nie und das bringt gerade Petrostaaten wie Saudi-Arabien und Russland unter enormen Druck: Die Saudis brauchen eigentlich einen Ölpreis von 86,5 Dollar, um ihren Staatshaushalt auszubalancieren. Nun könnten den Bürgern empfindliche Kürzungen sozialer Leistungen bevorstehen, die die Loyalität der Bevölkerung zum Regime auf die Probe stellen würden. "Sowohl für Saudi-Arabien als auch für Russland ist der tiefe Fall des Ölpreises wirtschaftlich schmerzhaft und politisch mit erheblichen Risiken verbunden", konstatieren Strategen der Stiftung Wissenschaft und Politik. Im Klartext: Manche Machthaber könnten mit außenpolitischen Manövern von der innenpolitischen Lage ablenken wollen. Aber auch US-Präsident Trump ließ am Mittwochnachmittag aufhorchen: Er drohte, seine Marine könne iranische Kanonenboote zerstören, sollten die Iraner amerikanische Schiffe drangsalieren. Nach seinem Tweet zogen die Ölnotierungen an.

Billiges Öl schadet dem Klima

Das Coronavirus macht nicht nur Klimademonstrationen unmöglich, es drängt auch die Debatte um den Klimaschutz in den Hintergrund. Dass der Ölpreis infolge des Corona-Stillstands kollabierte, dürfte nun zumindest in mancher Hinsicht direkt dem Klima schaden. "Bei Autos und Heizungen denken jetzt sicher weniger Menschen über klimaschonende Technologien nach", sagt Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Denn mitunter sind klimaschonende Technologien teurer - und Verbraucher schauen in der aktuellen wirtschaftlichen Situation besonders auf die Preise. Doch solche Anschaffungen hätten eine fatale Langzeitwirkung, da Verbraucher Heizungen und Autos oft über viele Jahre nutzen. Dass der billige Ölpreis jedoch zu deutlich mehr Autofahrten oder Urlaubsflügen führt, ist nicht zu erwarten. Einerseits scheint das aufgrund der Coronamaßnahmen sowieso wenig wahrscheinlich. Andererseits beeinflusste der Ölpreis auch in der Vergangenheit die Reiselust eher selten.

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© SZ vom 23.04.2020/mxh
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