Süddeutsche Zeitung

Öl- und Gasrevolution in Nordamerika:Die Welt wird ein bisschen Schiefer

Lesezeit: 5 min

Ein bisschen weniger Blut für Öl, chinesisches Geld am Golf, und die Furcht des Emirs vor der Revolte: Dass die USA und Kanada so viel Schiefergas und Öl aus dem Boden holen, bringt in der Weltpolitik einiges in Bewegung.

Von Jannis Brühl

Im Niemandsland von Oklahoma, wo sich die Highways 18 und 33 mit einigen Pipelines kreuzen, fließt das Öl nun anders herum. Das Städtchen Cushing ist der zentrale Knotenpunkt des Öltransports in den USA, Hunderttausende Barrel werden dort am Tag umgeschlagen. Im vergangenen Jahr wurde dort die Fließrichtung der Seaway-Pipeline geändert, eine der wichtigsten Kanülen, die Amerika mit seinem Lieblingsstoff versorgt. Das Öl im Rohr kommt nun nicht mehr über texanische Häfen aus Nahost und wird ins Land hinein transportiert. Es fließt nun in die andere Richtung, von den Ölfeldern Kanadas und der nördlichen USA Richtung Küste. Von dort aus wird es dem Rest der Welt verkauft. Dass Amerika vom Öl- und Gasimporteur zum Exporteur wird, ändert in der Energiepolitik so ziemlich alles.

Das schwere, extrem zähe Öl, das tief im Schiefergestein des nordamerikanischen Kontinents liegt, kann nur mit aufwändiger Tiefenbohrung gefördert werden. Ralf Littke, Geologe mit Schwerpunkt Erdöl an der RWTH Aachen, beschreibt es so: "Die Poren des Gesteins sind viel zu klein. Das Zeug fließt einfach nicht." Aber seit der Ölpreis vor einem Jahrzehnt in die Höhe schoss, lohnt sich die Förderung trotz der hohen Kosten. Die International Energieagentur (IEA) spricht von "einer Periode anhaltend hoher Ölpreise, wie es sie in der gesamten Ölmarktgeschichte noch nie gegeben hat." Schieferöl und Schiefergas aus den tiefen Gesteinsschichten bescheren Nordamerika den größten Energieboom seit einem Jahrhundert.

Dank der Erschließung der eigenen Felder haben die USA ihre Erdgasimporte um ein Drittel senken können, 2015 werden sie der IEA zufolge der größte Ölproduzent sein, vor Russland und Saudi-Arabien. Manche Berechnungen erklärten sie schon in diesem Jahr zum größten Energieproduzenten der Erde. Die Folge dieses "game changers" sind wirtschaftliche und geopolitische Verschiebungen auf der ganzen Welt, denn Öl und Gas sind sehr wichtig für Nordamerika. "USA und Kanada haben einen sehr hohen Pro-Kopf-Verbrauch. Beide sind stark abhängig", sagt Rittke.

Der Ölboom stärkt zunächst die US-Wirtschaft: Der Gaspreis ist nur ein Drittel so hoch wie in Deutschland, der Strom wird billiger - ein Standortvorteil für die Industrie. Manche Experten hoffen schon, dass der Schieferboom eine "Re-Industrialisierung" auslöst: Dass Jobs zurückkommen, die über Jahrzehnte nach Asien gewandert sind.

Ölexport bedeutet auch mehr Deviseneinnahmen und ist gut ist für die Handelsbilanz. Denn die ist völlig aus dem Gleichgewicht. Das Land importiert deutlich mehr, als es exportiert. Das führt dazu, dass sich die USA vor allem bei China verschuldet haben, seinem kommenden großen Gegenspieler. Nicht nur billig in Asien produzierte Konsumgüter, auch Öl und Gas spielen dabei bisher eine entscheidende Rolle. Der Großteil der Energie kommt aus dem Ausland. Anfang des Monats zeigte sich, dass das Defizit deutlich gesunken ist. In den ersten zehn Monaten des Jahres stiegen die Ölexporte um fast zehn Prozent, die Importe sanken um elf. Von 2025 an rechnet die Internationale Energieagentur damit, dass Saudi-Arabien erneut größter Ölproduzent sein wird - doch auch dann wird die Nachfrage der Vereinigten Staaten nach ausländischem Öl weiter sinken.

Weil die Amerikaner nun mit ihrem Gas mehr Strom erzeugen können, verbessert sich auch die Klimabilanz - weil sie immer öfter auf dreckige Kohle verzichten können. Dennoch bleibt das Land nach China der größte Klimasünder.

Und was bedeutet die Schiefer-Revolution für den Rest der Welt?

Golfregion:

Vor allem bedeutet der Boom in den USA, dass sie ihre schicksalhafte Verstrickung mit dem Persischen Golf lockern können. Wegen ihrer Ölreserven hatte die Region nach dem zweiten Weltkrieg höchste strategische Bedeutung für Washington - die zum Beispiel mit Kriegen wie dem im Irak und der Stationierung von Truppen in Saudi-Arabien bekräftigt wurde. Das ändert sich jetzt, sagt Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik: "Zusammen mit den Einschnitten im US-Militärbudget wird das disengagement verstärkt, je unabhängiger die USA werden."

Dennoch dürften ihre Rolle als Schutzmacht Israels und ihre Terrorfurcht die Vereinigten Staaten in der Region halten - wenn auch in kleineren Einheiten und nicht mit massiver Truppenpräsenz. Die Carter-Doktrin, nach der die USA ihre Interessen in der Region notfalls militärisch verteidigen, bleibt bestehen.

Weil das US-Interesse an der Region nachlässt, müssen sich die Ölstaaten der Region um energiehungrige Staaten wie China oder Indien bemühen. Aber die Staaten am Golf gehen ohnehin längst eigene Wege, um sich auf die Zeit vorzubereiten, in denen die eigenen Ressourcen knapp werden. So setzen zum Beispiel die Vereinigten Arabischen Emirate auf Finanzbranche und Luxus-Tourismus.

Sollten die USA ihre Truppen aus der Region weitgehend abziehen und Rüstungshilfen zurückfahren, schwächt das den Sicherheitsapparat der dortigen Despoten. Vor allem aber dürfte ihnen ein Teil des Geldes fehlen, mit dem sie sich ihre Untertanen trotz mangelnder Bürgerrechte gewogen halten. Denn die üppigen Wohlfahrtsstaaten funktionieren nur dank der Öleinnahmen aus dem Westen. Auf den arabischen Frühling in Nordafrika reagierten die Emire und Könige vom Golf mit großzügigen Konjunkturprogrammen - und blieben von flächendeckenden Aufständen verschont.

Weil Amerika nun über so viel eigenes Gas verfügt, braucht es seine Kohle nicht mehr. Die drängt auch auf den deutschen Markt. Das hat Auswirkungen auf die hiesige Energiewende: Der amerikanische Stoff ist so billig, dass Kohlekraftwerke hierzulande noch rentabler werden. Im Gegensatz zu Gaskraftwerken feuern sie aber deutlich mehr CO2 in die Atmosphäre. So konterkariert der US-Schiefergasboom die Versuche der Bundesregierung, Energie umweltfreundlicher zu produzieren. Zudem fürchtet die deutsche Industrie um ihre Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich mit Herstellern in den USA, weil der Gaspreis dort so billig ist.

Selbst in tiefere Gesteinsschichten vorstoßen wird Deutschland vermutlich nicht. Bedenken gegen Fracking sind hier größer als anderswo. Während zum Beispiel Polen auf die Technologie setzt, fürchten die Deutschen die Kräfte, die da ganz tief unten freigesetzt werden - vor allem die eingesetzten Chemikalien, die das Grundwasser verseuchen können. Allein wegen der Umweltauflagen dürfte Fracking in Deutschland unrentabler werden als in den USA.

Außenpolitisch könnten die Deutschen mehr gefordert werden, wenn sich die Amerikaner aus der Golfregion und seiner Peripherie zurückziehen, sagt Westphal: "Im Rahmen des burden sharing (Lastenteilung, d. Red.) müssen die Europäer mehr Verantwortung übernehmen, im östlichen Mittelmeer, Nordafrika und im Kaspischen Meer."

China:

Mit dem Schiefergasboom verschieben sich die Konfliktlinien. Zusammenstöße könnten bald öfter in Ostasien stattfinden. Westphal sagt: "Schiefergas und Tightöl-Revolution verstärken den asian pivot der USA - die Neuorientierung in den asiatisch-pazifisch Raum, da sich auch die Energiehandelsströme in diese Region verlagern." Dort, am Westrand des Pazifik, werden die USA vermehrt mit China zusammenstoßen. Der Streit um die Senkaku-Inseln im südchinesischen Meer vor wenigen Wochen gab schon einen Vorgeschmack darauf.

Während beide Mächte sich in Ostasien zunehmend auf die Füße treten, könnte China in der Golfregion in jene Lücke stoßen, die die USA dort hinterlassen. Eindrücklich zeigt sich schon am Beispiel Afrikas, was passiert, wenn der Westen sich nicht mehr für eine Weltregion interessiert: China ist mit viel Geld und einem Heer von Geschäftsmännern und Arbeitern zur Stelle. Dass China allerdings versuchen wird, militärisch präsent zu sein wie die USA, hält Westphal allerdings für unwahrscheinlich: "China geht in Nahost im merkantilistischem Stil rein. Sie sichern Rohstoffe, bauen Infrastruktur auf."

Dabei wird das Riesenland nicht sparen: Schließlich braucht es für seine schnell wachsende Wirtschaft und die hektische Verstädterung immer mehr Energie. China verfügt wie auch Russland selbst über größere Schiefervorkommen, aber noch nicht über nötige Technologien und Investitionen, um diese im Umfang der USA ausbeuten zu können.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1847910
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.