Börsen:Energiepreise steigen rasant, Aktien brechen ein

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Was hier passiert, hat weltweite Auswirkungen: Arbeiter auf einem Ölfeld in Basra, Irak. (Foto: Essam Al-Sudani/Reuters)

Ein Lieferstopp aus Russland und eine Förderkürzung der Opec - diese Mischung nährt Rezessionsängste und lässt Börsen abrutschen.

Von Malte Conradi

Folgt man der Rhetorik von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne), die dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vorwerfen, seine Energiereserven als Waffe einzusetzen, dann muss man feststellen: Putin hat gerade wieder einen wirkungsvollen Angriff gestartet. Nach dem Stopp der russischen Gaslieferungen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 sind die Energiepreise in Europa sprunghaft gestiegen. Wieder einmal.

Der Börsen-Gaspreis stieg am Montag um bis zu 35 Prozent. Erst in der vergangenen Woche war er kräftig gefallen, nachdem Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) verkündet hatte, Deutschland komme beim Aufbau seiner Gasreserve überraschend schnell voran. Das Auf und Ab am Gasmarkt verunsichert nicht nur die Bürger, auch in der Wirtschaft fürchten inzwischen einige eine tiefe Rezession infolge von Energierationierungen.

Wegen ihrer Koppelung an den Gasmarkt stiegen auch die Strompreise erneut kräftig. Der russische Staatskonzern Gazprom hatte am Freitagabend bekanntgegeben, Nord Stream 1 nach angeblichen Wartungsarbeiten vorerst nicht wieder in Betrieb zu nehmen. Es hieß, man habe an einer Turbine ein Ölleck entdeckt. Die Bundesnetzagentur und Hersteller Siemens widersprachen dieser Darstellung.

Europas Politik bereitet sich seit Wochen auf eine Unterbrechung der Gasversorgung vor. Nun werden in immer mehr Ländern Notmaßnahmen ergriffen. Schweden und Finnland haben am Wochenende Schutzschirme für ihre Versorgungsunternehmen eingerichtet. Die deutsche Bundesregierung präsentierte ein 65 Milliarden Euro schweres Entlastungspaket gegen die Teuerung.

Die EU-Energieminister wollen die hohen Strompreise senken

Die Energieminister der EU wollen auf einer Sondersitzung am Freitag radikale Vorschläge zur Senkung der Strompreise diskutieren. Einem Entwurf zufolge geht es dabei unter anderem um Preisobergrenzen für Erdgas und die Aussetzung des Handels mit Stromderivaten. Eine große Sorge ist, dass der Gasstopp die Inflation, die bereits den höchsten Stand seit Jahrzehnten erreicht hat, noch weiter erhöhen könnte. Das könnte viele Haushalte in Europa in die Armut treiben und möglicherweise sogar soziale Unruhen auslösen.

Die EU hat ihre Gasvorräte aufgestockt, doch die Vorräte könnten gegen Ende der Heizperiode zur Neige gehen, vor allem wenn eine Kältewelle einbricht. "In Anbetracht der knappen Gasversorgung kann man nicht ausschließen, dass es in diesem Winter je nach Wetterlage zu obligatorischen Gasbeschränkungen für nicht lebensnotwendige Industrien kommt", heißt es in einer Analyse der Investmentbank JP Morgan.

Nach einer Tagung der Opec+ stiegen auch die Ölpreise im Laufe des Montags kräftig an. Das Kartell der größten Ölfördernationen und Russland beschloss am Nachmittag, seine gemeinsame Ölproduktion im Oktober um 100 000 Barrel je Tag zu drosseln. Damit soll der zuletzt gefallene Preis gestützt werden. Politisch heikel ist der Schritt besonders für Saudi Arabien. Denn die Kürzung bedeutet eine abruptes Ende der Produktionsausweitungen der vergangenen Monate, die vor allem als Geste an den amerikanischen Präsidenten Joe Biden verstanden worden war. Biden hatte im Juli eigens den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman besucht, um für eine Ausweitung der Förderung zu werben.

Saudi-Arabien hatte bereits mögliche Einschränkungen der Ölförderung angekündigt

Bereits in der vergangenen Woche hatte der saudische Energieminister Abdulaziz bin Salman gewarnt, dass Fördereinschränkungen nötig werden könnten, weil die Börsenpreise sich von der Realität entkoppelt hätten. Beobachter werteten die Aussage als eindeutige Ankündigung, dass Saudi Arabien Ölpreise von unter 90 Dollar je Barrel nicht akzeptieren werde. In der Opec gilt Saudi Arabien als einflussreichstes Mitglied.

Steigende Gas-, Strom- und Ölpreise - diese Mischung ließ die europäischen Börsen am Montag einknicken. Die Wall Street hatte wegen eines Feiertags geschlossen. Der deutsche Börsenindex Dax verlor zeitweise mehr als drei Prozent. Im Laufe des Tages erholten sich die Kurse leicht. Besonders Unternehmen, die viel Energie benötigen, sanken kräftig im Wert. Stromkonzerne litten zudem unter der Ankündigung der Bundesregierung, bei ihnen hohe Gewinne abzuschöpfen. Der Euro-Zonen-Leitindex EuroStoxx 50 verlor 2,6 Prozent. "Die Angst vor einer Lehman-artigen Krise im europäischen Energiesektor wächst", sagte Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets. Er spielte damit auf die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 an, die eine verheerende Kettenreaktion in der Finanzwelt auslöste.

Der Euro geriet ebenfalls unter Druck. Am Montagmorgen fiel die Gemeinschaftswährung bis auf 0,9881 US-Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit knapp 20 Jahren. Weniger hatte ein Euro zuletzt am Jahresende 2002 gekostet.

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