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Energiemarkt:Welche Folgen ein negativer Ölpreis hat

Am Montagabend rutschte der Preis für Erdöl der US-Sorte WTI erstmals in der Geschichte ins Minus. Wird das Tanken nun billiger?

Der Ölmarkt spielt verrückt: Anfang der Woche kippte der Preis für amerikanisches Öl erstmals in der Geschichte ins Negative. "Dass Öl nur noch kostenlos oder sogar mit einer Entschädigungszahlung loszuschlagen ist, spricht Bände", sagt Thomas Altmann von QC Partners. Viele Verbraucher verunsichert der Preiskollaps: Gibt es am Ölmarkt jetzt Geld geschenkt? Was heißt die verdrehte Ölwelt für eine Tankfüllung an der Zapfsäule? Antworten auf die drängendsten Fragen.

Negative Ölpreise - hat es so etwas schon einmal gegeben?

Nein, es ist das erste Mal in der Geschichte des modernen Ölhandels, dass die meistbeachtete Notierung der US-Ölsorte WTI ins Negative kippte. Am Montagabend zeigten die Finanzcomputer für ein Fass WTI-Öl in der Spitze einen negativen Preis von minus 40 Dollar an. Im Klartext: Ölhändler mussten andere Marktteilnehmer an der New Yorker Rohstoffbörse Nymex dafür bezahlen, dass sie ihnen das Öl überhaupt noch abnahmen. Andere, weniger wichtige Ölnotierungen waren in den Preislisten von Finanzdatenanbietern bereits in den vergangenen Wochen zumindest rechnerisch ins Minus gedreht - sie sind für den weltweiten Ölmarkt allerdings weit weniger tonangebend als die Sorte WTI.

Wie kann beim wichtigen WTI-Öl ein negativer Preis zustande kommen?

Einfach gesprochen: Spekulanten hatten sich an der New Yorker Rohstoffbörse offenbar verzockt. Denn dort wird Öl mit speziellen Finanzpapieren gehandelt, sogenannten Futures. Sie zu verstehen, ist gar nicht schwierig.

Wer ein solches Papier besitzt, kann sich das Öl in der Zukunft theoretisch ausliefern lassen - pro Papier wären das 1000 Fass. Sogenannte Mai-Kontrakte würden Ende Mai ausgeliefert, die Juni-Variante entsprechend Ende Juni. Doch viele Händler an der Rohstoffbörse wollen mit dem Öl nur spekulieren, sie haben nie ernsthaft vor, den schmierigen Rohstoff selbst in Empfang zu nehmen.

Am Montag liefen sie in ein gewaltiges Problem hinein: Denn am Dienstag endete eine wichtige Deadline für die Mai-Kontrakte auf Öl. Wer dann noch ein solches Papier besaß, bekommt das Öl Ende Mai in Lager im amerikanischen Cushing ausgeliefert, dem Dreh- und Angelpunkt des texanischen Ölmarkts. Das Problem: "Cushing ist kurz davor, vollzulaufen", notiert Ölexperte Mathieu Savary von BCA Research. Viele Ölhändler fragten sich also, ob sie Ende Mai überhaupt genug Platz haben würden, um das Öl einzulagern.

Gerade Spekulanten hatten an der Rohstoffbörse auch kurz vor Toreschluss noch solche Mai-Papiere in ihren Büchern. Für sie galt nun: Sie mussten irgendjemanden finden, der sie aus ihrer misslichen Lage befreite und ihnen das Öl irgendwie noch abnimmt - im Zweifel, indem man ihm dafür sogar Geld hinterherwirft. "Da haben sich sicher einige die Finger schmutzig gemacht", sagt Ölexperte Michael Dei-Michei von der Energieberatung JBC.

Waren also wieder mal nur die Finanzzocker schuld?

Die vieldeutige Antwort lautet: jein. Sicher haben die Ölspekulanten akut für den verwunderlichen Negativ-Preis gesorgt, doch hinter dem Schicksal der Spekulanten steckt durchaus auch eine fundamentale Entwicklung. Weil weltweit Fabriken stillstehen, dürfte die Ölnachfrage in den kommenden Monaten um etwa 20 bis 30 Prozent einbrechen.

Gleichzeitig versuchen viele Schieferölproduzenten in den USA, so lange wie möglich zu produzieren, um wenigstens noch ein bisschen Geld zu verdienen, viele von ihnen müssen schließlich hohe Schuldenberge abtragen. Also wird auf dem Weltmarkt nicht nur empfindlich weniger Öl verbraucht, es quillt auch viel zu viel aus dem Boden. Dieses Doppelspiel begünstigte den Preiskollaps zumindest.

Und was ist mit unserem europäischen Brent-Öl?

In Europa hielten sich die Notierungen der Standardsorte Brent Anfang der Woche im guten Sicherheitsabstand zur Nullmarke, sie pendelten um die Marke von 20 Dollar je Fass. Hier besteht kein akutes Lagerproblem: Denn der Brentpreis bezieht sich auf Öl aus der Nordsee, das sich rein geografisch leichter auf große Tanker laden lässt als das WTI-Öl aus dem Landesinneren der USA. "Im Zweifel miete ich mir ein Schiff, lege das im Hamburger Hafen vor Anker und warte, dass der Preis steigt", sagt Ölexperte Carsten Menke von der Bank Julius Bär. Außerdem lässt sich Brentöl in vielen Ländern weltweit verarbeiten, was den Kreis potenzieller Abnehmer erweitert. Auf das amerikanische WTI-Öl sind viele Raffinerien außerhalb der USA jedoch gar nicht eingerichtet, sagen Experten.

Wird Tanken jetzt billiger?

Einerseits ja, andererseits nein. Denn die amerikanische Ölsorte WTI hat erst mal wenig mit den deutschen Spritpreisen zu tun. WTI sei "nicht relevant für den deutschen Markt", sagt der Automobilclub ADAC. Auch der Verband der Mineralölwirtschaft betont, dass für die deutschen Zapfsäulen Brentöl die wichtige Orientierungsmarke sei. Dessen Preise sind seit Jahresbeginn von knapp 70 Dollar je Fass bereits auf aktuell etwa 20 Dollar gesunken. Davon haben Verbraucher zumindest an der Zapfsäule profitiert: Der Preis für ein Liter Benzin der Marke E10 lag vor drei Monaten noch bei 1,40 Euro - nun liegt er im Bundesschnitt lediglich noch bei 1,15 Euro.

Fällt der Ölpreis, schlägt das allerdings nicht voll auf den Endkundenpreis durch: Rund 60 Prozent des Spritpreises im Februar waren laut Mineralölverband Steuern. Pro Liter Benzin kassiert der Staat zum Beispiel 65,4 Cent Mineralölsteuer - unabhängig von den Preiskapriolen des Öls am Weltmarkt. "Man wird an der Tanke also künftig kein Geld geschenkt bekommen", sagt Ölexperte Menke. Außerdem können sich viele Autofahrer derzeit sowieso nicht über den günstigen Spritpreis freuen: Wegen Corona lassen viele ihr Auto sowieso stehen.

Wird der Preis jetzt wieder steigen?

Niemand hat derzeit eine Glaskugel. Viele rechnen damit, dass einige US-Schieferölförderer in den kommenden Wochen pleite gehen dürften - und dass dann auch weniger Öl aus dem Boden kommt. "Da dürften einige auf der Strecke bleiben", sagt Michael Dei-Michei von der Energieberatung JBC Energy. Gleichzeitig dürften die Länder des Ölkartells Opec+ spätestens ab Mai ihre Förderung deutlich drosseln. Sie hatten sich zumindest formell auf eine Förderkürzung um 9,7 Millionen Fass am Tag geeinigt.

Ob das reichen wird, um die ausbleibende Ölnachfrage aufzufangen und den Preis zu treiben, ist allerdings fraglich. So dürften die Ölpreise unter Druck bleiben. Nennenswert teurer wird der Rohstoff vermutlich erst, wenn wieder mehr Fabriken laufen und Flugzeuge fliegen.

© SZ/hgn
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