Öl Arbeit für die Lippenleser

Schieferölförderer in den USA fluten den Markt mit Öl. Die Preise rauschen ab. Für das Ölkartell Opec wird es brenzlig.

(Foto: David McNew/Getty Images/AFP)

Der Ölpreis fällt rasant. Manche Staaten wollen die Ölförderung bremsen. Aber was will der Kreml?

Von Victor Gojdka

Eine Methode aus der historischen Mottenkiste erlebt am Ölmarkt gerade ihre Auferstehung. Dutzende Ölexperten versuchen sich dieser Tage in Kremlologie. Mit dieser Methode versuchten Experten zu sowjetischen Zeiten jede Bewegung im verschlossenen Machtapparat der kommunistischen Partei zu interpretieren. Und aktuell ist das, was hinter den Kremlmauern vorgeht, entscheidend geworden für den Ölpreis. Sehr entscheidend.

Denn die Preise für den Rohstoff fallen wie ein Stein, unter den großen Spielern am Markt macht sich wegen der aktuellen Ölflut Panik breit. Der Preis für ein Fass der Nordseesorte Brent fiel am Mittwochvormittag zwischenzeitlich auf nur noch 57,50 Dollar. Die amerikanische Sorte WTI schnellte kurzzeitig sogar unter 50 Dollar. Wohlgemerkt: Eine wichtige Marke.

Entscheidend für die Zukunft der Preise ist ein Treffen in der kommenden Woche. In Wien werden die Staaten des Ölkartells Opec und seine neuen Verbündeten um Russland zusammenkommen. Saudi-Arabien will, dass das erweiterte Ölkartell seine Produktion um eine Million Fass pro Tag kürzt. Die Saudis hoffen, den Preisverfall damit stoppen zu können. Doch bei diesem Ansinnen könnte der saudische Kronprinz Mohamed bin Salman die Rechnung ohne den Kreml gemacht haben. Mit dem aktuellen Ölpreis könne Russland "sehr gut leben", gab der russische Präsident Putin am Mittwoch zu Protokoll. Kürzungen? Wohl kaum, so verstanden Ölhändler den Präsidenten. Als auch die US-Lagerbestände für Rohöl wiederholt stiegen, rauschten die Preise ab. Denn steigende Lagerbestände deuten auf ein zu hohes Ölangebot hin.

Es war um Punkt 13.06 Uhr am Mittwoch, als eine Meldung der Nachrichtenagentur Reuters die Kreml-Astrologen aufschreckte. Russland akzeptiere angeblich doch die Notwendigkeit von Förderkürzungen, meldete die Agentur. Das russische Energieministerium habe am Dienstag nationale Ölbosse eingeladen und klargemacht, dass Russland reduzieren müsse. Wie viel und wie schnell scheine offen, berichtet Reuters unter Berufung auf zwei Quellen in der Ölindustrie. Die Nachricht verbreitete sich rasch, die Ölpreise sprangen binnen 15 Minuten um mehr als einen Dollar nach oben. "Die Äußerungen am Vortag waren offenbar Drohgebärden, um die eigene Verhandlungsposition zu verbessern", sagt Ölexperte Giovanni Staunovo von der UBS. Allein schon um seine Position im Nahen Osten zu stärken, dürfte sich Russland der saudischen Initiative zu Förderkürzungen anschließen, glaubt Staunovo. Am Freitag und Samstag dürften der russische Präsident und der saudische Kronprinz zu Gesprächen zusammenkommen. Das sollte viel Gelegenheit für Kremlologie lassen.