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Umfrage:Ist es richtig, was die EZB macht? Ja, der Zweck heiligt die Mittel

Ähnliches gilt für die hochsensible Frage, ob es überhaupt mit dem Mandat der Europäischen Zentralbank (EZB) vereinbar ist, wenn diese Staatsanleihen kauft. Dagegen poltern seit Monaten Kritiker wie Ifo-Chef Sinn. Auch hier scheinen die Orthodoxen keine Mehrheit zu haben. Nur 36 Prozent von Sinns Kollegen meinen, dass EZB-Chef Mario Draghi gar nicht hätte anfangen dürfen, Staatspapiere zu erwerben. Mehr als die Hälfte hält es mit dem Votum führender US-Ökonomen: Das war richtig - auch wenn die Notenbanker im Urteil von jedem dritten Befragten ihr Mandat formell damit überschritten haben. Der Zweck heiligt die Mittel.

Das Votum hat es in sich. Der Europäische Gerichtshof hat diese Woche geurteilt, dass die EZB-Eingriffe rechtens sind. Jetzt ist das Bundesverfassungsgericht dran. Und die obersten deutschen Richter haben sich bei Anhörungen bis dato weit mehrheitlich von Ökonomen beraten lassen, die dem Ifo-Chef und seiner ablehnenden Position nahe stehen. Folgt man der Umfrage, scheint das kategorische Nein in Deutschland heute eine Minderheitsposition zu sein. Bei der Anhörung 2013 gab es nur einen EZB-Verteidiger: Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Aber warum denken die Deutschen jetzt amerikanisch?

Selbst bei einem der amerikanischen Lieblingsthemen scheint die Zunft gar nicht so deutsch zu sein, wie es das Klischee erwarten ließe: Deutschlands großen Exportüberschüssen. Seit Jahren bemängeln Ökonomen wie Krugman und Joseph Stiglitz, dass die Deutschen so viel mehr exportieren, als sie selbst im Ausland einkaufen - 2014 in Rekordhöhe von 220 Milliarden Euro - statt Wirtschaft und Importe stärker anzukurbeln. Eine Kritik, die Bundesregierung wie Sachverständigenrat erbost zurückweisen. Nach der Umfrage hält nur gut ein Fünftel der deutschen Experten den Handelsüberschuss für unbedenklich. Etwa 30 Prozent räumen ein, dass er ein Problem sei, die Lösung aber vor allem bei denen liegen sollte, die zu wenig exportieren und zu viel importieren: den Defizitländern.

Immerhin jeder Dritte hält das Ungleichgewicht - wie viele US-Kollegen - für problematisch und sieht die Bundesregierung in der Verantwortung, zum Abbau beizutragen, indem sie etwa dafür sorgt, dass die Menschen mehr Geld ausgeben können. Dann würde auch mehr importiert - und der Einfuhrmangel würde schwinden. Fast 40 Prozent der deutschen Ökonomen sagen, die Binnenkräfte sollten dauerhaft gestärkt werden.

Bleibt die Frage, warum Deutschlands Wirtschaftswissenschaftler so viel anglo-amerikanischer sind, als es den Anschein hat. Eine Antwort könnte darin liegen, dass der Schein trügt, weil nur wenige öffentlich auftreten und das Image prägen. Eine andere ist, dass Amerika akademisch immer noch den Maßstab setzt. Wer etwas werden will, muss in US-Fachzeitschriften publizieren. Dafür wandern die Professoren immer öfter auch aus - wenigstens auf Zeit. Noch 2010 gaben in der Umfrage fast 45 Prozent an, nie im Ausland gearbeitet zu haben. Die Quote ist seither um fast zehn Punkte gesunken. Mittlerweile haben zwei Drittel der Gelehrten das Heimatland der ordnungspolitischen Grundsätze beruflich schon einmal für längere Zeit verlassen.

Wer in den USA war, scheint auch einen Vorzug schätzen gelernt zu haben: dass es für Wirtschaftsprofessoren dort viel einfacher als nach deutschem Dienstrecht ist, in die Politik - und danach wieder zurück - zu gehen. Mehr als die Hälfte wünscht sich, dass das auch bei uns möglich wird. Kann natürlich nur sein, dass unser Finanzminister so viel amerikanischen Einfluss nicht gut findet.

© SZ vom 20.06.2015/sana
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