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Ökonomenserie:Vollblut

Roman Inderst ist ein typisches Beispiel der neuen deutschen Ökonomen: Er will Lösungen statt Ideologien. Er möchte verstehen, was Banker und Kartelle antreibt. Und scheut einfache Antworten.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Letztlich war es die Liebe, die ihn davor bewahrt hat, auf die schiefe Bahn zu geraten. Einer Frau wegen zog Roman Inderst, 45, Mitte der Neunzigerjahre zum VWL-Studium an die Humboldt-Universität nach Berlin; vorbei war seine junge, vielversprechende Laufbahn als Investmentbanker.

An Feuereifer hätte es ihm nicht gefehlt. Sechs Monate Praktikum bei der Citibank in London hatten seine Leidenschaft für die Kapitalmärkte entfacht. "Da war ich gleich in dieser Händler-Kultur drin, das war die Zeit, als die Banker schon mittags im Pub getrunken haben und ständig auf der Jagd waren, das war spannend", erzählt Inderst.

Doch statt im Handelsraum - oder gar auf der Anklagebank, wie inzwischen manch ein Ex-Investmentbanker - sitzt Inderst heute, 20 Jahre später, in seinem kleinen Arbeitszimmer an der Frankfurter Goethe-Universität. Dort ist er Professor für Finanzen und Ökonomie. Inderst trägt Jeans und T-Shirt statt eines dunklen Anzugs; er kommt meist ohne die Einheitskluft der Banker aus. Seine Arbeiten zum Verbraucherschutz in der Finanzberatung werden aufmerksam gelesen. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat ihn sogar in den Wissenschaftlichen Beirat seiner Behörde berufen. Zahlreiche wichtige Preise hat er gewonnen, zuletzt ist er mit dem Preis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet worden.

Auch ohne permanent durch Talkshows zu tingeln und Ratschläge zu geben, ist Inderst zu einem der einflussreichsten Volkswirte des Landes aufgestiegen. Eine steile Karriere, die nicht vorgezeichnet ist, als Inderst im April 1970 im bayerischen Rohrbach bei Ingolstadt zur Welt kommt. Inderst wächst in einfachen Verhältnissen auf, er und sein Bruder sind die Ersten aus der Familie, die überhaupt aufs Gymnasium gehen.

Nach dem Einser-Abitur zieht es ihn an die Fachhochschule Reutlingen, wo er sich für Betriebswirtschaftslehre einschreibt. Sein Professor im Fach Marketing, den Inderst ebenso klug wie beeindruckend findet, fördert den Studenten, wo er kann, und inspiriert ihn, gleichzeitig an der Fernuniversität Hagen noch ein Studium in Psychologie und Soziologie aufzunehmen.

Foto: imago

Inderst fasziniert die Praxis, aber in erster Linie ist er Vollblutwissenschaftler. Für die Humboldt-Universität in Berlin aber reicht das damals nicht aus - noch nicht. Zurück von dem Abstecher nach London will er an die Hochschule, bekommt aber - weil er nur ein FH-Studium vorweisen kann - nicht einmal einen Hiwi-Job, wie die akademischen Hilfstätigkeiten genannt werden.

Erst nach längerem Suchen findet er einen Professor ohne Standesdünkel, für den die Leistung mehr zählt als die Form. Um sich zu finanzieren, arbeitet er nebenher bei einer Unternehmensberatung, promoviert in Berlin und habilitiert sich später in Mannheim. Inzwischen hat er sich einen Namen gemacht, hat bereits zahlreiche Aufsätze verfasst, zum Beispiel zur Effizienz von Märkten mit asymmetrischen Informationen oder zur Verhandlungstheorie, wird Assistenzprofessor, forscht und lehrt mehrere Jahre in London am University College London und an der renommierten London School of Economics. Dann zieht es ihn an die Insead in Paris, eine der weltweit wichtigsten Karriere-Unis. Erst im Jahr 2006 kehrt er zurück nach Deutschland. An der Universität Frankfurt bauen die Volkswirte zu jener Zeit ein Forschungszentrum auf, da will er dabei sein.

Eines der vielen Themen, mit denen sich Inderst frühzeitig beschäftigt, ist der Verbraucherschutz, im Finanzbereich bis dato aber eher ein unglamouröses Gebiet. Doch dann kommt die Finanzkrise und mit ihr die Lehman-Oma, die für all jene Privatanleger steht, die bereits früh und unmittelbar von der Krise betroffen sind. Auf einmal stellt sich die Frage, was gute Finanzberatung ausmacht, und auf einmal sind Indersts Arbeiten zum Thema höchst gefragt. Es geht darum herauszufinden, welchen Fehlanreizen die Berater in den Banken unterliegen könnten und welche Beratung Verbraucher überhaupt brauchen.

Wer von Inderst einfache Antworten auf dieses Fragen oder gar plattes Banken-Bashing erwartet, der irrt sich. Der Ökonom strebt nach Lösungen, will Märkte verstehen und nur, wenn es nötig ist, staatliches Eingreifen empfehlen. Bevor ein Markt reguliert wird, muss man ihn gründlich anschauen, ist er überzeugt. "Es ist zwingend erforderlich, genau beim Namen zu nennen, wo und wie der jeweilige Markt versagt hat", sagt er.

Inderst brennt für seine Themen, er redet gerne darüber, und seine Hände und die schlanken Arme reden mit. In der Finanzberatung zum Beispiel hat er sich gegen ein Verbot von Provisionen für den Verkauf von Bankprodukten ausgesprochen; Berater erhalten die Vermittlungsgebühr in der Regel, wenn sie dem Kunden einen Aktienfonds oder Bausparvertrag verkaufen. Der Forscher ist auch gegen eine Deckelung der Dispo-Zinsen, weil die Banken die Gebühren dann an anderer Stelle erheben würden.

"Bevor man schnell schießt in der Bankenregulierung, sollte man immer prüfen, was kostet es, was bringt es, und welche Folgen hat es für den Verbraucher?" Seine Daten zeigen zum Beispiel, dass mehr als drei Viertel der Privathaushalte, die überhaupt Wertpapiere besitzen, unter 50 000 Euro im Depot haben. Die würden sich dafür kaum eine Honorarberatung zu einem Stundensatz von 150 Euro leisten, wenn die Provisionsberatung verboten würde, sagt er. Die Mehrheit der Kleinanleger würde dann gar nicht mehr beraten werden, und für die Banken wäre das persönliche Beratungsgeschäft in der Fläche vollends verlustbringend, wenn Provisionen als Hauptertragsquelle wegfielen.

Um die Bankberatung gleichwohl zu verbessern, fordert Inderst volle Transparenz der Beratungsergebnisse. Kunden sollten den Depot-Informationen einfach und verständlich entnehmen können, mit welchem Risiko sie welche Rendite erzielt haben. Dann müsste sich das beste Beratungsmodell am Markt durchsetzen, hofft Inderst. "Die Bankkunden könnten dann auch den tatsächlichen Nutzen aus Beratung besser vergleichen. Das würde den Wettbewerb, der immer noch der beste Freund des Verbrauchers ist, fördern", sagt der Professor.

Sein zweites Forschungsgebiet sind Kartelle, nicht nur im Bankenmarkt, sondern in der gesamten Industrie. Gerade ist sein Standardwerk erschienen, "Schadensersatz bei Kartellverstößen", das er gemeinsam mit dem Kartellrechtler Stephan Thomas geschrieben hat und das vor allem Juristen aufzeigen soll, mit welchen Methoden man solche Schäden berechnen kann. Viele Kartelle hat er sich dazu in den vergangenen Jahren angeschaut, Zucker, Aufzüge, Einzelhandel. Und er hat auch untersucht, wie sich die Einkaufsmacht der großen Discounter auswirkt.

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Über Kartelle spricht Inderst gerne, auch über Bankberatung, schließlich hat er sich damit ausführlich beschäftigt. Zu allem anderen, meint er, müsste er nicht seinen Senf dazu geben. Die Rolle, die in Deutschland Professoren oft zugeschrieben wird, nämlich zu allem und nichts ständig etwas Schlaues zu sagen, behagt ihm nicht. "Was soll ich mich zu Griechenland äußern? Auch wenn ich die Zeitung lese, oder wenn ich etwa selbst Anleihen hätte, kenne ich mich dann aus?", fragt Inderst.

Auch der Personenkult, der in der Ökonomie zuweilen betrieben wird, widerstrebt ihm. "Wir sind keine Naturwissenschaftler, wir finden keine Formel oder Teilchen, vieles von dem, was wir machen, ist sogar nicht einmal neu". Wäre er wirklich Banker geworden, hätte er sich dieses Maß an Bescheidenheit wohl noch abtrainieren müssen.

© SZ vom 24.09.2015
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