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Ökonom Daniel Gros zur Jugendarbeitslosigkeit:"Jeder Euro für Junge fehlt den Älteren"

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Alle reden von der Jugendarbeitslosigkeit - Daniel Gros lieber über die Krise der Älteren. Dass viele Junge keinen Job finden, habe weniger mit der Krise, als vielmehr mit den Strukturen in Südeuropa zu tun. Aktionen der Politik, wie der Gipfel gegen Jugendarbeitslosigkeit, seien da wenig sinnvoll.

Von Oliver Das Gupta

Daniel Gros ist Direktor des Centre for European Policy Studies (CEPS), einem Think Tank mit Sitz in Brüssel. Er behauptet: Nicht nur die Krise, sondern strukturelle Probleme seien Grund für die hohe Jugendarbeitslosigkeit - und misstraut den offiziellen Zahlen.

SZ: Die Jugendarbeitslosigkeit in Europa ist äußerst hoch. Droht dem alten Kontinent eine verlorene Generation, wie die Bundeskanzlerin warnt?

Gros: Da wird viel übertrieben. Natürlich ist die Lage schwierig in Südeuropa. Aber es gab schon vor Ausbruch der Krise in einigen Ländern einen hohen Anteil an Jugendlichen, die nicht gearbeitet oder studiert haben.

Astronomische Arbeitslosenraten: Griechenland mehr als 60 Prozent, Spanien 56,4 Prozent - inwiefern sind entsprechende Statistiken irreführend?

Wenn von Jugendarbeitslosigkeitsraten die Rede ist, handelt es sich immer nur um diejenigen, die tatsächlich eine Arbeit suchen.

Ein Beispiel?

Ein extremer Fall ist Griechenland, wo die Rate bei 66 Prozent liegt. Doch dies betrifft nur jene neun Prozent der Jugendlichen, die einen Job suchen. Das bedeutet: Von 100 griechischen Teenagern sind neun im Arbeitsmarkt. Von den neun sind wiederum drei beschäftigt und sechs suchen noch. Wenn wir also von einer verlorenen griechische Generation sprechen, dann liegt das daran, dass einige überhaupt nichts tun und andere nur eine schlechte Ausbildung erhalten. Mit der Krise hat das nichts zu tun.

Demnach liegen die Probleme woanders. Erliegt die Öffentlichkeit einer verzerrten Wahrnehmung?

Oft entsteht der Eindruck, die meisten Europäer ohne Job sind jung. Das stimmt aber gar nicht. Fakt ist, dass es sich bei den meisten Arbeitslosen um Erwachsene handelt, gerade in Krisenländern.

Ist das schlimmer?

Ja, so sehe ich das. Ein Jugendlicher ohne Job ist flexibler und kann vielleicht länger in der Ausbildung bleiben. Für denjenigen, der eine Familie ernähren muss, ist Arbeitslosigkeit eine echte Katastrophe.

Liegt also der Fokus der Politik auf dem falschen Feld?

Auch in der Politik gibt es einen Modezyklus. Niemand kann dagegen sein, Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, also müssen die Politiker so tun als könnten sie das Problem lösen. Aber das wirkliche Problem ist die Arbeitslosigkeit im Allgemeinen.

Macht der Gipfel zur Jugendarbeitslosigkeit dann überhaupt Sinn?

Es macht auf jeden Fall keinen Sinn, sich hinzustellen und Dinge zu sagen wie: "Wir kriegen das Problem binnen kurzer Zeit in den Griff. Wir garantieren, dass alle Jugendlichen einen Job zu bekommen." Außerdem gilt: Jeder Euro, der jetzt für junge Menschen ausgegeben wird, steht für die älteren nicht mehr zur Verfügung. Sofortmaßnahmen auf Kosten des älteren Erwerbslosen lösen nicht das Problem, sie verschieben es nur.

"Da liegt noch einiges im Argen"

Was brauchen die arbeitslosen Jugendlichen Ihrer Meinung nach?

Strukturen, die langfristig wirken. Zum Beispiel muss die Ausbildung Jugendlicher verbessert werden. So bekämen die jungen Leute dann auch leichter einen Job. Die Strukturen in den besonders problematischen Ländern müssten sich verändern. Etwas anderes sind Traditionen. In den Niederlanden ist es etwa üblich, dass alle Studenten nebenher jobben. In anderen Ländern ist das anders. Das sollte man einfach akzeptieren, da ist nicht das eine besser als das andere.

An welchen Punkten sollte die Politik stattdessen ansetzen?

Die Kernfragen lauten: Wie gut ist das Ausbildungssystem und wie gut ist es mit den Bedürfnissen der Wirtschaft verzahnt? Da liegt noch einiges im Argen, gerade in den Südländern. Dort war es bislang üblich, dass Jugendliche entweder eine ungelernte Arbeit hatten oder - diejenigen aus wohlhabenderen Familien - auf die Universität gingen. Dazwischen gab es nichts, zumindest nichts Solides, was das duale System verspricht. So etwas zu schaffen ist sehr, sehr schwer und langwierig.

Wie viel kann die EU überhaupt dazu beitragen, die Strukturen zu verändern?

Das müssten vor allem die Länder selbst erledigen. Es ist Aufgabe der lokalen Behörden. Europa kann kein duales System in Thessaloniki einführen.

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