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OECD:Aufschwung - nicht für alle

Die Arbeitsmärkte in OECD-Ländern erholen sich. Aber nicht jeder profitiert. Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen haben dem OECD-Bericht zufolge nichts davon. Die Digitalisierung verschärft die wachsende Ungleichheit.

Bald werden wieder so viele Menschen einen Job haben wie vor der Finanzkrise, die im Herbst 2008 mit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers begann und weltweit eine Rezession auslöste. Das zeigt ein Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der einen Ausblick auf die Beschäftigungsverhältnisse in den 35 Mitgliedsstaaten gibt. "Die Beschäftigungslücke schließt sich langsam", sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría bei der Vorstellung des Berichts mit Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles in Berlin.

Jedoch erhole sich Südeuropa noch immer recht langsam. Und bei weitem nicht alle profitieren davon, dass sich die Arbeitsmärkte entspannen. Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen haben dem Bericht zufolge nichts davon. Diese wachsende Polarisierung schlage sich vielerorts in Kritik an der Globalisierung nieder, wie an den "America-First"-Rufen von Donald Trump und seinem Kampf gegen den Freihandel zu sehen sei. Es sei deshalb unabdingbar, sagte Gurría, "dass die Erträge von Globalisierung und Wachstum breit verteilt werden". Obwohl, wie der Bericht zeigt, Technisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt die stärkeren Triebfedern hinter der wachsenden Ungleichheit sind als offene Märkte.

Für die Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes hält der OECD-Chefverwalter Lob bereit, benennt aber auch Probleme. Die Arbeit von Ministerin Nahles oder ihrem Nachfolger ist also keineswegs getan. Selbst wenn eine für alle Beschäftigten erfreuliche Erkenntnis der Ministerin bleibt. "Wir können beides haben: mehr und bessere Jobs", sagte Nahles, das habe die Studie gezeigt.

Wie aber ist es im Detail um den deutschen Arbeitsmarkt bestellt?

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Struktur des Marktes stark verändert. Immer mehr Jobs brechen weg, für die mittlere Qualifikationen nötig sind. Um 8,1 Prozentpunkte ist der Anteil dieser Arbeitsplätze an der Gesamtbeschäftigung in diesem Zeitraum zurückgegangen. Der Anteil der Jobs, für die Arbeitnehmer gering oder hoch qualifiziert sein müssen, steigt dagegen (um 3,4 und 4,7 Punkte). Laut dem Bericht ist diese Entwicklung dem technologischen Wandel geschuldet. Auf den ersten Blick erfreulich scheint, dass nur knapp vier Prozent aller Erwerbsfähigen Ende 2016 arbeitslos waren. Der Mindestlohn, der seit 2015 gilt, hat den Trend hinter dieser Zahl nicht beeinträchtigt. Jedoch liegt die niedrige Quote unter anderem an der zunehmenden Teilzeitarbeit und an Arbeitnehmern, die einen Zweitjob haben.

Trotz der niedrigen Arbeitslosigkeit ist das Lohnwachstum "verhalten" geblieben. Das Durchschnittseinkommen der Erwerbsfähigen liegt demnach aber über dem OECD-Mittel von 17 Dollar pro Stunde bei 24 Dollar (21 Euro). Jedoch ist Stress am Arbeitsplatz in Deutschland ein Problem: 46 Prozent aller Arbeitnehmer sehen sich einer hohen Belastung ausgesetzt. Und in Sachen Gleichberechtigung muss Deutschland auch etwas tun: Frauen verdienen 45 Prozent weniger als Männer. Das liegt vor allem daran, dass sie weniger arbeiten. Doch könne eine niedrigere Besteuerung von Zweiteinkommen oder ein flächendeckendes Angebot für Ganztagsbetreuung von Kindern die Karrierechancen für Frauen verbessern.

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