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Nullzins:Nur der Geldautomat bleibt

"Im Grunde haben die Kunden mit den Füßen abgestimmt", drückt es Lindl aus. Das ist der Hauptgrund, weshalb die Regensburger Sparkasse ihre Smartphone-App ausbaut und ihre Filialen abbaut.

Lindl hört das Wort "Abbau" nicht gerne. "Das ist keine defensive Strategie, im Gegenteil, wir gehen in die Offensive", sagt er. Geschlossen würden Filialen mit zwei, drei Mitarbeitern. Niemandem werde gekündigt, alle kämen in die nächste größere Filiale, wo man besseren Service anbieten könne. "Der Spareffekt ist für uns gar nicht so wichtig", sagt Lindl in bestem Managerdeutsch, "der strategische Move ist eher die Bündelung von Kompetenz." Die Sparkasse habe 10 000 Kunden angeschrieben, deren Filiale wegfällt. "Aber nur knapp 100 hatten wirkliche Beschwerden", sagt Lindl. Sie kündigten oder drohten damit.

Die meisten gaben an, dass sie in jene Filiale wollen, in die ihr Berater umzieht. Lindl wollte zunächst aus manchen Orten ganz abziehen, die Kommunen rangen ihm dann einen Kompromiss ab: Zumindest ein Geldautomat und ein Kontoauszugsdrucker soll in jeder Gemeinde erhalten bleiben, damit die Bürger ihre finanziellen Grundbedürfnisse decken können.

"Sparen müssen s' halt, das hilft nix."

Einer der betroffenen Bürgermeister ist Reinhold Ferstl, 58. Er macht den Job ehrenamtlich. Leger gekleidet sitzt er im Gemeindehaus von Pielenhofen, dem Nachbarort von Pettendorf. Das Team von Filialleiter Grünauer bedient beide Orte im Schichtbetrieb: Montag, Mittwoch, Freitag ist die eine Filiale offen, Dienstag und Donnerstag die andere. Doch beide werden nun schließen. "Erst 2013 wurde unsere Filiale teuer renoviert", sagt der Bürgermeister. Ein Vorstand aus Regensburg sei gekommen, habe etwas vom "Bekenntnis zur Fläche" erzählt und dass man für die Bürger vor Ort da sei. Nun muss ein neuer Mieter gefunden werden, der Umbau war umsonst.

Pielenhofen, 1600 Einwohner, ist keine arme Gemeinde. Sie profitiert von der Nähe zur boomenden Wirtschafts- und Universitätsstadt Regensburg. Gerade werden 30 Bauparzellen erschlossen. "Wir investieren, und dann schließt auf einmal die einzige Bank am Ort, das ist total kontraproduktiv", sagt Ferstl. Er sei "schwer enttäuscht", auch wenn er grundsätzlich Verständnis für die Nöte der Sparkassen-Chefs habe und in einer Art Oberpfälzer Realismus sagt: "Sparen müssen s' halt, das hilft nix."

Vor allem für ältere Leute sei das problematisch. Es gibt einige, die kein Internet haben und auch den Geldautomaten nicht bedienen können. "Die sind bisher in die Filiale gegangen und haben sich am Schalter Göld auszahlen lassen", sagt Ferstl. Bürgermeister Ferstl sagt nicht "Geld", er sagt im Dialekt der Region "Göld".

Was sollen diese Leute künftig machen? "Ich weiß es auch nicht, vielleicht können wir es mit Nachbarschaftshilfe organisieren." Nachbarn, die in den nächsten Ort zum Einkaufen fahren, sollen alleinstehenden älteren Bürgern dann neben Brot und Milch halt auch Geldscheine mitbringen.

Kleinere Volks- und Raiffeisenbanken profitieren

"Lachende Dritte", da ist sich Ferstl sicher, werde auf jeden Fall die Raiffeisenbank im Nachbarort Pettendorf sein, die als einzige im Umkreis nicht schließe. Nachfrage bei Stephan Hauf, 50, dem Chef der Raiffeisenbank Regenstauf, zu der die Filiale Pettendorf gehört. "Wir erwarten, dass gerade ältere Kunden zu uns wechseln, wenn die Sparkasse am Ort zumacht", sagt er. Einige hätten sich schon erkundigt, ob denn wenigstens die Raiffeisen-Filiale dableibe. Nicht dass man wechsle, und dann ist bald wieder Schluss.

Haufs Bank besteht aus der Hauptstelle und vier Filialen. Er plant keine Schließungen. Er glaubt, dass gerade die kleineren Volks- und Raiffeisenbanken profitieren, wenn sich größere Institute wie Hypo-Vereinsbank, Deutsche Bank und zunehmend auch Sparkassen aus der Fläche zurückziehen. 100 bis 300 Kunden habe er zuletzt jedes Jahr schon dazugewonnen, Privatleute, aber auch Gewerbetreibende, die einen Ansprechpartner vor Ort haben wollen.

Was rundherum passiert, irritiert den Regenstaufer Bankchef. "Wir dürfen nicht vergessen, dass wir vom Kunden leben", sagt er. "Wenn wir uns immer mehr von ihm zurückziehen, wird's schwerer, nicht leichter." Immerhin mache eine durchschnittliche Genossenschaftsbank noch drei Millionen Euro Gewinn im Jahr. Bei der großen Sparkasse Regensburg ist es sogar ein zweistelliger Millionen-Betrag. "Da muss man die Kirche schon ein bisschen im Dorf lassen" - ein schönes Bild, schließlich meint der Raiffeisen-Chef, man solle die Bank im Dorf lassen.

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