Gelsenkirchen Die vergessene Stadt

Es gibt Lichtblicke. Jedes Jahr entstehen in der Stadt 1000 neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Die Wirtschaftsförderer holen neue Unternehmen in die Stadt, die sie auf ehemaligen Zechenarealen ansiedeln. Alexander Brockt, Geschäftsführer des Logistikunternehmens Loxx, der vor 17 Jahren von Essen nach Gelsenkirchen kam, ist voll des Lobes: "Ich preise den Standort Gelsenkirchen gerne an", sagt er.

Der niederländische Damenwäschehersteller Hunkemöller geht demnächst mit seiner Deutschlandzentrale an einen neuen Yachthafen am Rhein-Herne-Kanal. Der Sicherheitsdienstleister Stölting hat gerade 100 Arbeitsplätze von Essen nach Gelsenkirchen geholt. Es tut sich etwas. Aber es muss noch mehr werden.

Gelsenkirchen trägt eine doppelte Last. Erstens den Abschied von der Schwerindustrie, und jetzt kommen noch die Zuwanderer aus Osteuropa oder dem Nahen Osten. Der Oberbürgermeister spricht von "Armutszuwanderung". Die Ärmsten der Armen strömen in die arme Stadt, weil es hier viele leer stehende Häuser gibt. Und schon sind die mühsam geschafften kleinen Fortschritte bei der Schaffung von Arbeitsplätzen wieder aufgefressen.

Die Bahnhofstraße liegt heute irgendwo zwischen Afghanistan und der Türkei: "Ich kann Ihnen in Gelsenkirchen 16 Nationen zeigen", sagt Stadtplaner Panteleit. Viele der ärmsten Menschen in Gelsenkirchen leben in der Innenstadt. Das ist ein Albtraum für Stadtplaner, weil heruntergekommene Viertel dem Ruf der Stadt schaden, besonders, wenn die Schrottimmobilien in der Innenstadt stehen.

Peter Peters ist gereizt. Seine schlechte Stimmung erklärt sich nicht nur dadurch, dass der Fußballverein Schalke 04, dessen Finanzvorstand er seit mehr als 20 Jahren ist, in letzter Zeit nur mäßige Erfolge vorweisen kann. Auch in Gelsenkirchen laufe manches falsch, sagt der Schalke-Mann. Das bedrückt ihn, der nicht einmal aus dem Revier stammt.

Ohne Bescheidenheit sagt er, dass der Traditionsverein viel für die Stadt getan hat. Schalke hat Gelsenkirchen ein neues Stadion gebracht und ein Areal drumherum, das als Freizeitpark zur Attraktion heranwächst. Der Verein habe hier 450 Arbeitsplätze geschaffen. "Ohne Schalke hätte Gelsenkirchen noch mehr Arbeitslose."

Der Strukturwandel muss von unten kommen

Aber dann klagt der Sportmanager: Über die da oben in Düsseldorf, in Berlin und über die bei den Behörden in Münster, die so wenig Verständnis hätten für die Nöte einer Stadt im Ruhrgebiet. Die Kommune und der Verein täten, was sie könnten, sagt er: "Alle kämpfen." Aber der Fußball könne nur gegen die Folgen des Niedergangs ankämpfen. Die Ursachen könne er nicht beseitigen. "Gelsenkirchen fühlt sich benachteiligt", ist Peters Fazit. "Diese Region hat mehr Unterstützung verdient." Es gebe zu wenig Polizisten, Schulen und Lehrer. Er könne gut nachvollziehen, "dass die Menschen hier denken, in einer Stadt zu leben, die vergessen wurde".

Um dem Niedergang entgegenzuwirken, hat Stadtplaner Panteleit bereits das nächste Projekt im Auge. Es liegt auf der anderen Seite des Hauptbahnhofs. "Dort beginnt die Bronx", sagt der Stadtplaner mit ironischem Blick auf den berühmten Problembereich von New York.

An der Bochumer Straße in Richtung Süden gibt es jede Menge heruntergekommene Wohnhäuser, die wie ein Magnet sind für Migranten und für skrupellose Immobilienhaie, die vom Leid der Zuwanderer leben. Hier machen Fernsehteams, die Verfall und Niedergang im Ruhrgebiet einfangen wollen, gerne ihre Bilder. Diese Immobilien versucht die Stadt mit Panteleits Hilfe zu kaufen, zu renovieren und an Studenten oder andere junge Leute zu vermieten, die hier eine Art Künstlerszene entstehen lassen könnten.

"Häuserkampf" nennt Panteleit dieses mühsame tägliche Ringen um ein bisschen Veränderung. Der Strukturwandel werde von Menschen gemacht, sagt er, der komme von unten, nicht von oben. "Man muss durchhalten, dranbleiben."

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