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Gelsenkirchen:Wo Armut und Bescheidenheit wohnen

Tristesse in Gelsenkirchen. Der Übergang von der Kohle- und Stahlstadt in die Moderne ist noch nicht gelungen.

(Foto: imago stock&people)

Gelsenkirchen ist eine junge Stadt, und doch hat sie schon einen 50-jährigen Absturz hinter sich. Damit steht sie für die noch immer ungelösten Probleme des Ruhrgebiets.

Siegbert Panteleit hat eine besondere Fähigkeit: Er kann das Gesicht einer Stadt verändern. Beim Spaziergang durch die Fußgängerzone von Gelsenkirchen fällt dem 65-Jährigen zu jedem Haus, zu jedem Laden zwischen Hauptbahnhof und Theater etwas ein. "Hier haben wir nach langen Verhandlungen mit dem Eigentümer einen neuen Mieter gefunden", erklärt Panteleit, "dieses Ladenlokal konnten wir neu vermieten", sagt er im Ruhrpotttonfall. Er sagt "Wir", als sei er Immobilieneigentümer oder Kommunalpolitiker.

Panteleit ist aber privater Stadtplaner, er hat die Stadtverwaltung dabei beraten, wie die Bahnhofstraße wiederbelebt werden könnte. Die bot mit zugenagelten Schaufenstern vor zehn Jahren ein Bild von Grau und Trostlosigkeit. "Damals haben wir noch gedacht, die Stadt geht unter", sagt Panteleit. Heute gibt es hier nur noch einen einzigen leeren Laden. Ein Fortschritt.

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Hat Gelsenkirchen es geschafft? Ist der Übergang von der Kohle- und Stahlstadt in die industrielle Moderne gelungen? Noch lange nicht. Das Revier ist noch immer eine Region der Not, auch wenn Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) den Eindruck vermittelt, in der Großregion seien die Umbauarbeiten getan: "Das Ruhrgebiet hat mit 2,3 Millionen genauso viele Beschäftigte wie zu den besten Zeiten von Kohle und Stahl", resümiert sie zufrieden.

Das sehen nicht alle so. Gelsenkirchen ist eine junge Stadt, erst etwa 100 Jahre alt - und doch hat sie schon einen gut 50-jährigen Absturz hinter sich. In den Sechzigerjahren lebten hier 400 000 Menschen. Heute sind es nur noch etwa 260 000. Es gab mal 40 Zechen, 160 000 Arbeitsplätze und jede Menge Wohlstand.

Nord-Süd-Gefälle im Ruhrgebiet wird oft nicht erkannt

Heute wohnen hier Armut und Bescheidenheit. Es gibt keine Zeche mehr, und die Zahl der Arbeitsplätze ist um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Der Arbeitsamtsbezirk Gelsenkirchen verzeichnet mit 14 Prozent die größte Erwerbslosigkeit in Nordrhein-Westfalen.

Oberbürgermeister Frank Baranowski (SPD) könnte in Politikermanier davon schwärmen, wie es mit seiner Stadt aufwärtsging, seit er 2004 das Amt übernommen hat. Doch der 54-Jährige erklärt lieber den Unterschied zwischen dem Norden und dem Süden des Ruhrgebiets. Städte wie Essen oder Dortmund hätten den Wandel weitgehend bewältigt, sagt der OB. Und im Norden? "Da sieht es anders aus." Es ärgert den Stadtchef, dass selbst in Düsseldorf das Ruhrgebiet nur als eine Region gesehen wird: "Das ist ein Fehler."

Ihn stört zum Beispiel, dass alle Revier-Universitäten im Süden der Region angesiedelt wurden. Sein Gelsenkirchen hat nur eine Fachhochschule bekommen. Aber Universitäten schaffen Jobs, deshalb wurden sie in den vergangenen Jahrzehnten gegründet. Sie bringen junge Leute und neue Ideen in die leidenden Städte. Fachhochschulen hätten bei Weitem nicht diese Wirkung. "Der Norden muss bevorzugt behandelt werden", fordert Baranowski von der Politik. "Ungleiches muss ungleich behandelt werden."