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Notenbanker-Treffen in Jackson Hole:Hilflos im Loch

"Wir sind bereit", alles andere später: Beim Treffen der amerikanischen Notenbanker in Jackson Hole bleibt Zentralbank-Chef Ben Bernanke vage. Ob die Notenpresse angeworfen wird, soll nicht vor Ende September enschieden werden. Die Zahl der Zweifler an Bernankes Kurs wächst.

Es ist natürlich ein meteorologischer Zufall, dass am Freitagmorgen schwere Unwetter die Gegend um Jackson Hole heimgesucht haben. Aber es passt irgendwie ins Bild, denn zu diesem Zeitpunkt erleiden Börsenhändler im weit entfernten Frankfurt und London Panikattacken. Die Aktienkurse purzeln mal wieder, weil die Märkte schlechte Nachrichten befürchten, aus Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming.

Viele Touristen zieht es in diese Gegend, mancher schnuppert dem alten Cowboy-Leben nach, Wagemutige erproben ihre Fähigkeiten auf einem der steilsten Skihänge der USA. Aber einmal im Jahr - und das seit 1981 - rückt eine Reisegruppe an, die ihre eigentliche Heimat in den Finanzzentren der Welt hat: Die Notenbanker fallen ein in Jackson Hole.

Der prominenteste von ihnen, US-Zentralbankchef Ben Bernanke, 57, hielt am Nachmittag, 16 Uhr, eine Grundsatzrede, die Klarheit schaffen sollte. Darauf hatten die Finanzmärkte gewartet. Wirft Bernanke abermals die Notenpresse an? Seine Antwort: "Die Fed ist bereit zu handeln, um die Konjunktur zu stärken. Ihr stehen dafür zahlreiche Instrumente zur Verfügung." Punkt. Alles weitere aber erst nach einem Treffen des Offenmarktausschusses der Bank Ende September.

Die Aktienmärkte reagierten nervös, die Unsicherheit bleibt. Das war nicht die weitere geldpolitische Lockerung (QE3), über die spekuliert worden war.

Der Geldpolitiker Bernanke hat einmal gesagt, im Ernstfall - um Deflation und Rezession zu verhindern - würde er die Dollar-Bündel aus dem Helikopter über Amerika abwerfen. "Die Gefahr eine US-Rezession ist inzwischen beträchtlich", warnt Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Auch deshalb beschloss die mächtigste Notenbank der Welt am 9. August, den Leitzins noch für mindestens zwei Jahre bei null Prozent zu lassen. Null Prozent!

Geld zum Nulltarif gibt es allerdings nur für die Banken. Bernanke räumte in Jackson Hole ein, die bisherige Erholung der US-Wirtschaft sei "weit weniger robust" als zunächst erhofft. "Wir mussten erfahren, dass die Rezession tiefer und die Erholung schwächer war als wir dachten." Womöglich werde das Wachstum in der zweiten Jahreshälfte an Fahrt gewinnen.

Erst die Rezession, dann der Boom?

Die Zahl der Zweifler an Bernankes Kurs wächst. Rund 2,3 Billionen Dollar hat die US-Notenbank seit 2008 in die Finanzmärkte gepumpt. Doch die US- Wirtschaft kommt nicht in Schwung. "Ich bin mir nicht sicher, ob frisches Geld angesichts der Probleme die wir haben, hilfreich wäre", sagt der Chef der Notenbank von Philadelphia, Charles Plosser. Der radikale Einsatz der Druckerpresse scheint ausgereizt. Es gibt kaum neue Jobs, die Stimmung der amerikanischen Verbraucher und Firmen ist schlecht, und das Schlimmste: Nun steigen auch noch die Inflationsraten.

An den internationalen Börsen spürt man die wachsende Hilflosigkeit der Federal Reserve, der US-Notenbank. Die europäischen Aktienkurse waren schon im Vorfeld von Bernankes Rede nervös. Der deutsche Leitindex Dax verlor bis Nachmittag 3,1 Prozent auf 5409 Punkte, der niedrigste Stand seit November 2009. Es droht der fünfte Wochenverlust in Folge. Insgesamt hat der Dax in den letzten fünf Wochen 25 Prozent an Wert verloren. Für besondere Verwirrung hatte am Donnerstag ein plötzlicher Kurseinbruch gesorgt. Der Stress der Investoren ist beträchtlich in diesen Tagen.

Immer mehr Börsianer befürchten, dass sich das Szenario von 2008 wiederholen könnte, als Aktien auf einen monatelangen Sinkflug gingen. "Es gibt durchaus Parallelen", sagt Matthias Thiel, Volkswirt der Bank MM Warburg. "Auch 2008 haben wir eine Eintrübung der konjunkturellen Indikatoren gesehen und Firmen waren noch sehr lange sehr optimistisch. Ein zusätzlicher Auslöser war damals die Pleite von Lehman. Heute haben wir die Schuldenkrise."

Eine Fortsetzung von Bernankes Inflationspolitik ist weiterhin möglich. Der Mann reiht sich ein in die Phalanx amerikanischer Notenbankchefs, die Dramatisches auf der Agenda hatten. Paul Volcker hob den Zinssatz Anfang der 1980er Jahre auf 20 Prozent an, um die Inflation von 13 Prozent zu bekämpfen. Diese Geldpolitik mündete erst in die Rezession, dann in den Boom.

Alan Greenspan wiederum senkte bis 2003 die Zinsen auf ein Prozent - so niedrig wie nie zuvor - um der Rezession Herr zu werden. Greenspans Politik hatte zunächst Erfolg - der Mann mit der Hornbrille galt als Magier - und doch legte er den Grundstein für die nächste Krise. Die Niedrig-Zinsen befeuerten die Immobilienblase und damit die Finanzkrise. Und auch Ben Bernanke, der Sohn eines Apothekers, könnte seine Medizin wie seine Vorgänger zu hoch dosiert haben.