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Norwegen:470 Millionen Euro? Geschenkt

Nicolai Tangen, appointed as the new CEO of the Norges Bank Investment Management, poses for a picture in London

Nicolai Tangen, Hedgefonds-Manager und einer der reichsten Menschen Norwegens, hat nur ein Ziel: Er möchte den größten Staatsfonds der Welt führen. Dafür ist er bereit, auf viel zu verzichten.

(Foto: Nina E. Rangoy/Reuters)

Beim norwegischen Ölfonds wird der Chefposten frei. Einer will den Job unbedingt haben.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Es ist einer der wichtigsten Jobs Norwegens: Der Direktor des norwegischen Ölfonds trägt mit seiner Arbeit wesentlich dazu bei, die finanzielle Zukunft der Nation zu sichern. Am 1. September, in einer Woche also, soll der Fonds einen neuen Direktor bekommen. Nicolai Tangen, bislang Hedgefonds-Manager und einer der reichsten Männer Norwegens, soll den Posten dann antreten. Bis Montag aber war nicht wirklich klar, ob es wirklich dazu kommen würde. Um die Besetzung war nämlich ein Streit entbrannt, wie ihn Norwegen so noch nicht erlebt hat: Der designierte Ölfondschef Nicolai Tangen hatte in den vergangenen Monaten das komplette Parlament gegen sich aufgebracht - weil er die Verbindungen zu seinem eigenen Fonds AKO Capital nicht kappen wollte. Am Montagabend nun versuchte sich Nicolai Tangen in einem Befreiungsschlag. Nach einer Krisensitzung der norwegischen Zentralbank in Oslo erklärte Tangen, er werde alle Anteile an AKO Capital verkaufen und den geschätzten Erlös von fünf Milliarden norwegischen Kronen, etwa 470,8 Millionen Euro, an die gemeinnützige AKO-Stiftung überweisen. "Ich habe diese Schritte unternommen, um Zweifel daran auszuräumen, welchen Hut ich jetzt trage. Ich möchte Ölfondsmanager werden und habe nur ein Ziel: Wert für zukünftige Generationen zu schaffen," sagte Nicolai Tangen. "Jetzt gebe ich alles weg. Ich werde niemals in der Lage sein, das Eigentum wiederzubekommen." Die von Parlament und Medien befürchteten Interessenskonflikte gebe es somit nicht mehr. Es war Øystein Olsen, der Gouverneur der Zentralbank gewesen, der im März Nicolai Tangen als Kandidat präsentiert hatte. Nicolai Tangen war bis dahin ein in der Öffentlichkeit wenig bekannter Finanzinvestor gewesen, der in London seinen eigenen Hedgefonds AKO Capital aufgebaut und dabei ein Vermögen von umgerechnet geschätzt 620 Millionen Euro angehäuft hatte. Allein die Art und Weise, wie der Zentralbankchef Tangen präsentierte, hat viele in Norwegen überrascht und nicht wenige empört: Er stellte Tangen Ende März als die Wahl der Zentralbank vor, ohne dass es zuvor - wie vorgeschrieben - eine öffentliche Ausschreibung gegeben hätte; selbst das Finanzministerium wusste von nichts.

Schon die Vorstellung des Kandidaten war von einem Skandal überschattet: Ein Boulevardblatt enthüllte, wie Tangen ein paar Monate vor seiner Berufung 30 einflussreiche Norweger aus Politik, Justiz und Finanzwelt in die USA hatte einfliegen lassen zu einem geheim gehaltenen Luxusseminar. Privatkonzert mit Popstar Sting und Vortrag von Starkoch Jamie Oliver inklusive, alle Auslagen bezahlt von Tangen selbst. Mit dabei: Knut Kjær, einstmals erster Ölfondschef, und Yngve Slyngstad, der nun scheidende Chef des offiziell Norges Bank Investment Management NBIM betitelten Ölfonds. Das Gratis-Spektakel war nicht illegal, warf aber ein Schlaglicht auf die engen Bande innerhalb der Elite des kleinen Landes, wo die Grenzen zwischen Networking und Vetternwirtschaft manchmal fließend zu sein scheinen.

Schon die Vorstellung des Kandidaten war von einem Skandal überschattet

Neben dem Amt der Premierministerin gibt es in Norwegen wohl nicht viele Jobs, die so im Licht der Öffentlichkeit stehen. Der Ölfonds verwaltet ein Vermögen von mehr als einer Billion Dollar, er ist das Sparschwein des Landes, sein Chef arbeitet im Dienste des Volkes. Dass Tangen weiß, wie man mit Geld umgeht, bestreitet keiner. Was die Parteien im Parlament aber empört, ist die Tatsache, dass Tangen bislang nicht bereit gewesen war, die Bande zu seinem Fonds zu kappen. Zudem hatte Tangen mit AKO mehrfach Geschäfte in Offshore-Steueroasen getätigt. Die Parlamentarier befürchteten Interessenkonflikte und bangten um den guten Ruf des Fonds. Der Ölfonds investiert nur außerhalb Norwegens, er folgt dabei den Vorgaben eines Ethikrates. Am Freitag erst hatte das Parlament dem Finanzministerium und der Zentralbank ein Ultimatum gestellt: Die Interessenkonflikte müssten ausgeräumt werden, bevor Tangen seinen Job antritt. Eines der Probleme dabei: Zuständig für die Auswahl des Ölfonds-Chefs ist allein die Zentralbank, formal ist sie dabei unabhängig von politischer Einmischung. Finanzminister Jan Tore Sanner wusch deshalb in den vergangenen Wochen seine Hände in Unschuld und beteuerte, er habe keine Möglichkeit der Einflussnahme und könne die Berufung Tangens nicht verhindern. Dieses Argument ließ er sich untermauern mit einem Rechtsgutachten - dass der Minister mit dem Gutachten allerdings ausgerechnet jene Anwaltskanzlei beauftragte, die vor Kurzem noch Nicolai Tangen dabei behilflich war, seinen neuen Arbeitsvertrag auszuarbeiten, sorgte für einen erneuten Aufschrei. Am Montagabend erklärte der Finanzminister nun, er freue sich über die Lösung, die seiner Meinung nach den Forderungen des Parlamentes Rechnung trage.

© SZ vom 25.08.2020

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